Kul­tur­kampf statt Mei­nungs­streit

Der Auf­stieg rech­ter po­li­ti­scher Strö­mun­gen ver­än­dert die Dis­kurs­re­geln

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Jens-chris­ti­an ra­be

Was tun mit den rech­ten Ver­la­gen? Und was tun die rech­ten Ver­la­ge? Seit den Tu­mul­ten im ver­gan­ge­nen Jahr schwe­ben die­se Fra­gen über der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Die Idee der Mes­se­lei­tung, die rech­ten Ver­la­ge in die­sem Jahr in ei­ner Sack­gas­se im Eck ei­ner Hal­le zu ver­gra­ben, war ein cle­ve­rer Ver­such der Mar­gi­na­li­sie­rung. Dem wort­füh­ren­den An­tai­os Ver­lag ge­lang es den­noch, sich hin­ter ei­ner un­ver­fäng­li­chen Ver­lag­sat­trap­pe in die Mit­te der lin­ken Ver­la­ge zu pflan­zen. Öf­fent­lich­keits­ar­beit nach dem Pau­sen­hof­prin­zip: Wenn du mir eins aus­wischst, wisch ich dir zu­rück eins aus.

Viel er­gie­bi­ger, als um die An­tai­o­sStan­dattrap­pe her­um­zu­tap­sen, dürf­te für den recht­schaf­fe­nen Rest der Welt der Blick in zwei neue Bü­cher die­ser Mes­se sein. Die Münch­ner Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin As­trid Sé­vil­le schlägt in „Der Sound der Macht“un­ter Ver­weis auf den So­zi­al­for­scher Wil­helm Heit­mey­er vor, künf­tig nicht mehr – ten­den­zi­ell ver­harm­lo­send – von „Rechts­po­pu­lis­ten“zu spre­chen, son­dern tref­fen­der von „au­to­ri­tä­ren Na­tio­nal­ra­di­ka­len“. Wä­re das nicht ei­nen Ver­such wert, wo doch sonst so gern be­klagt wird, wie er­folg­reich es der Rech­ten ge­lingt, Spra­che und Be­grif­fe ideo­lo­gisch zu ver­ne­beln?

Das neue Buch der ame­ri­ka­ni­schen Zeit­dia­gnos­ti­ke­rin An­ge­la Nag­le, „Die Di­gi­ta­le Ge­gen­re­vo­lu­ti­on – Die On­li­neKul­tur­kämp­fe der Neu­en Rech­ten“er­reg­te im ver­gan­ge­nen Jahr in den USA Auf­se­hen, nun gibt es den Es­say beim Tran­skript Ver­lag auf Deutsch. Er ana­ly­siert ra­di­ka­le Sub­kul­tu­ren im Netz und zeigt, wie sie das Po­li­tik­ver­ständ­nis der Ge­gen­wart präg­ten. Ein Streit ist oft nicht mehr nur ei­ne Mei­nungs­ver­schie­den­heit, son­dern ein Kul­tur­kampf weit jen­seits der Fak­ten, in dem es statt um die Su­che nach dem bes­se­ren Ar­gu­ment nur noch um Grenz­über­schrei­tung und Spal­tung um je­den Preis geht. Der Es­say schärft den Blick da­für, dass die li­be­ra­le De­mo­kra­tie ei­nes auf kei­nen Fall tun darf: sich auf zer­stö­re­ri­sche Rhe­to­rik ein­las­sen.

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