Sound­check für al­le Ewig­keit

Die gro­ße Kunst des Sän­gers und Lie­der­ma­chers Kurt Vi­le be­steht dar­in, aus ei­ner ganz ein­fa­chen Idee mit al­ler Ge­duld et­was wind­schie­fe Song­s­cheu­nen zu zim­mern

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Von ju­lia­ne lie­bert

Kurt Vi­le hat ei­ne Ta­sche mit dun­kel­blau­en Fläsch­chen bei sich. Viel­leicht zwan­zig, mit Plas­tik­kap­pen. Beim In­ter­view ste­hen sie vor ihm auf dem Tisch. Sie sei­en Ayur­ve­da, na­tür­li­che Me­di­zin, sagt er. „Das hier ist Zink. Da­mit ich im Flug­zeug nicht krank wer­de.“Die Fläsch­chen kli­cken. „Die hier ist gut für dei­ne Le­ber. Die hier ist ge­gen Kopf­schmer­zen. Im Flug­ha­fen den­ken sie manch­mal, die Fläsch­chen wä­ren al­le vol­ler Dro­gen. Aber dann las­sen sie mich trotz­dem flie­gen, und ich den­ke mir je­des Mal, Shit, ich könn­te sie ein­fach wirk­lich mit Dro­gen fül­len, im­mer­hin kom­me ich je­des Mal da­mit durch.“Sein La­chen ist kurz und bel­lend, fast ein Auf­schrei. Oder ein Schuss. Ein et­was kau­zi­ger, sehr freund­li­cher Typ mit ei­ner Lo­cken­mäh­ne, die ih­res­glei­chen sucht.

Kurt Vi­le wur­de 1980 in Lans­dow­ne, Penn­syl­va­nia, ge­bo­ren und be­gann früh, zu­hau­se Mu­sik auf­zu­neh­men. Be­kannt wur­de er mit der Band The War on Drugs, die er kurz nach ih­rem Durch­bruch ver­ließ, um sich auf sei­ne So­lo­kar­rie­re zu kon­zen­trie­ren. In­zwi­schen hat er sie­ben So­lo­al­ben ver­öf­fent­licht, jetzt er­scheint nach drei Jah­ren ein neu­es. Es heißt „Bott­le It In“und ist in je­der Hin­sicht ei­ne er­freu­li­che Über­ra­schung. Es hat ei­ne Leich­tig­keit, die man so lang nicht ge­hört hat. Mit mi­ni­ma­len Mit­teln er­zeugt Vi­le ei­nen Span­nungs­bo­gen, der sei­ne Rif­f­ide­en über teil­wei­se mehr als zehn Mi­nu­ten trägt und in voll­wer­ti­ge Songs ver­wan­delt.

„Ich will es so na­tür­lich wie mög­lich, so or­ga­nisch wie mög­lich, so live wie mög­lich.“

Oh­ne sei­ne Stim­me wür­de das nicht funk­tio­nie­ren: Sie ist leicht spöt­tisch, ver­letz­lich, ein biss­chen ver­peilt, aber sta­bil, oh­ren­schmei­chelnd in ih­rem Tim­bre, ge­sangs­si­cher. Und setzt auch mal jen­seits der Me­lo­die: Jaul­bö­gen, Bin­de­stri­che, Fra­gen oder thea­tra­lisch über­trie­be­ne Punk­te. Da­bei ver­liert sie nie die Ru­he, selbst wenn sie von Pa­nik­at­ta­cken be­rich­tet. Man ver­traut ihr ein­fach: Es wird schon nicht so an­stren­gend werden, ihr noch ein paar Mi­nu­ten zu­zu­hö­ren. Und noch ein paar Mi­nu­ten. Und dann noch ein paar.

Ob er ein Hy­po­chon­der ist? Nein, er sei wirk­lich oft krank. Die Fläsch­chen hel­fen ihm, sagt er, denn er reist viel. Er ist mit neun Ge­schwis­tern auf­ge­wach­sen. In­zwi­schen kommt ihm das bei­na­he wie ein Traum vor, denn er sieht sie nicht sehr oft. „Es sind ein­fach so vie­le von uns, wir müs­sen nicht mal mit­ein­an­der re­den. Wenn wir uns se­hen, reicht es voll­kom­men, her­um­zu­sit­zen und ge­mein­sam über die Welt zu la­chen.“Weiß er al­le Na­men? Vi­le, em­pört: „Ye-ah! Na­tür­lich!“Als er ein Kind war, schlie­fen al­le Jun­gen in ei­nem Raum. Sie wa­ren zu fünft, und es gab nicht viel In­tim­sphä­re. Bis heu­te kann er sei­ne Auf­merk­sam­keit an- und aus­schal­ten, egal was um ihn vor­geht. Sich je­der­zeit in sei­nen ei­ge­nen Kopf zu­rück­zie­hen. Er ist schüch­tern, meint er. Er wür­de nicht als Ers­tes mit je­man­dem re­den oder ei­nem Frem­den in die Au­gen schau­en.

„Ich will es so na­tür­lich wie mög­lich, so or­ga­nisch wie mög­lich, so live wie mög­lich. Ich will mei­ne Songs nicht durch die Ma­schi­ne ja­gen. Es gibt heu­te ei­ne Men­ge Mu­sik, die nur von ei­nem Hau­fen Ma­schi­nen ge­macht wird. Manch­mal hör ich so et­was auch gern. Aber ich selbst ver­su­che, ziem­lich klas­sisch vor­zu­ge­hen“, er­klärt er. Sei­ne Lie­be zu akus­ti­schen De­tails zeigt sich in je­dem Song. Im Ti­tel­track „Bott­le It In“ist es ein leicht sä­gen­des Knis­tern im Hin­ter­grund, als wür­de ei­ne fer­tig ge­spiel­te Schall­plat­te im­mer wei­ter über den Tel­ler krei­sen, das En­de der Mu­sik im Lo­op. Erst setzt ein Zwei-Ak­kord-Fun­da­ment ein, ein Schiff­s­horn hupt für ei­nen Mo­ment da­zwi­schen. Dann hört man nur Kurt Vi­les Stim­me ist leicht spöt­tisch, ver­letz­lich, ein biss­chen ver­peilt, aber sta­bil, oh­ren­schmei­chelnd in ih­rem Tim­bre und im­mer ge­sangs­si­cher. noch Vi­les Stim­me und ei­ne wie ein Kin­der­lied ge­zupf­te mu­si­ka­li­sche Fi­gur dar­über.

Er singt oft die Songs an­de­rer Künst­ler im Kopf, er­zählt Vi­le. Er sei ein ob­ses­si­ver Mensch. Im Mo­ment gilt sei­ne Ob­ses­si­on dem Schau­spie­ler Dan­ny McB­ri­de aus der Se­rie „East­bound & Down“. Dar­um schaut er die gan­ze Zeit des­sen Shows. Er liebt ame­ri­ka­ni­sche Sto­ner-Co­me­di­es. „Im Mo­ment ste­cke ich zwi­schen zwei Ob­ses­sio­nen, dar­um den­ke ich an al­les Mög­li­che gleich­zei­tig. Jetzt, wo ich in Deutsch­land bin (ich woll­te das schon ei­ne Wei­le tun), will ich mir ei­ne Kurt-Weill- (du weißt, der deut­sche Kurt Vi­le!) und Ber­tolt-Brech­tBox kau­fen. Zehn CDs. Die will ich mir ho­len.“Es gibt ein Brecht-Lied, das er ein­mal bei ei­ner Ra­dio­show ge­hört hat. „Ich neh­me an, es ist ir­gend­wo auf die­sen zehn CDs.“sagt er, lacht: „Ich wer­de es fin­den!“

Über die Jah­re hat er ei­ni­ge ver­schie­de­ne Sti­le aus­pro­biert: „Fin­ger­pi­ckers, geis­tes­ab­we­sen­de Syn­th­tracks, in Lie­der ver­wan­del­te Im­pro­vi­sa­ti­on, ex­pe­ri­men­tel­ler Rock ’n’ Roll.“Er hat vie­le ge­schei­ter­te Songs her­um­lie­gen „Man­che hof­fe ich, ei­nes Ta­ges zu ret­ten. Man­che be­gra­be ich und hof­fe, dass nie­mand sie je fin­det.“Al­lein für das ak­tu­el­le Al­bum hat er ei­ne gan­ze CD vol­ler un­ver­öf­fent­lich­ter Songs her­um­lie­gen.

Es ist Mu­sik, die aus der Bo­den­stän­dig­keit Tran­szen­denz ge­winnt

Ei­ni­ge Stü­cke auf der Plat­te sind hal­be Al­bern­hei­ten, wie „Check Ba­by“, in dem er aus ei­ner Pro­be­raum­phra­se ei­nen da­da­is­ti­schen Text im­pro­vi­siert. Ist es nicht merk­wür­dig, dass das Wort „Ba­by“, mit dem so vie­le Songs ih­re Ge­lieb­te(n) an­spre­chen, je­des Mal je­mand an­de­ren meint? Wie ist das, als Mu­si­ker, wenn man mit 20 ei­nen Song an ein „Ba­by“schreibt und ihn dann zehn Jah­re spä­ter spielt und da­bei an je­mand an­de­ren denkt – ist das Be­trug? „,Check Ba­by‘ ver­sucht ein­fach, cool zu sein“, sagt Vi­le „So als ob der nächs­te Rap­per ans Mic tritt: Check Ba­by, Check Ba­by. Viel­leicht hab ich es ge­klaut. Es ent­stand, als ich mei­ne Gi­tar­re sound­check­te. Es ist ein Typ, der für im­mer im Sound­check fest­hängt, Sound­check für al­le Ewig­keit.“

Vi­les gro­ße Kunst ist, aus ei­ner ganz ein­fa­chen, ein­gän­gi­gen Idee mit al­ler Ge­duld et­was wind­schie­fe, aber für die – tat­säch­lich! – Ewig­keit ge­schaf­fe­ne Song­s­cheu­nen zu zim­mern. Drin­nen riecht es nach Heu, viel­leicht ein we­nig nach Me­tall­werk­zeug, Öl und war­mem Holz. Durch die klei­nen Lü­cken im Ge­bälk leuch­tet die Abend­son­ne, manch­mal klet­tert ei­ner aufs Dach und ge­rät in wat­ti­ge ro­sa Wölk­chen oder sieht ein­fach dem Son­nen­un­ter­gang zu. Es ist Mu­sik, die aus der Bo­den­stän­dig­keit Tran­szen­denz und aus der Ver­lo­ren­heit Hei­ter­keit ge­winnt. In man­chen Mo­men­ten ver­bin­den sich Text und Mu­sik auf das Schöns­te, et­wa wenn er in ei­nen hym­nen­haf­ten Re­frain mit den Zei­len hin­ein­führt:

Stop this pla­ne cau­se I wan­na get off Pull over so­mew­he­re on the si­de of a cloud Watch me get out yeah Watch me go, down And the rest is hys­te­ria

Sel­ten wur­de Pa­nik der­art ernst und froh­lo­ckend auf Wol­ke sie­ben ge­beamt. Es spricht sehr für „Bott­le It In“, dass ge­ra­de die über­lan­gen Songs zu den bes­ten des ge­sam­ten Al­bums ge­hö­ren. Kurt Vi­les Mu­sik ist das ex­ak­te Ge­gen­teil von Wett­be­werb. Sie hat den­noch ih­ren Platz in der Welt ge­fun­den, sie lässt al­les an sich her­an. Al­len Schmerz, al­les Licht – und manch­mal so­gar das bel­len­de La­chen. Sie lebt durch Stel­len, in de­nen die Ge­s­angs­spur fast feh­ler­haft er­scheint, et­wa im letz­ten Track, in dem er ein­mal so­gar neu an­set­zen muss. Wie könn­te man ei­ne Mu­sik, die der­art ih­re Feh­ler liebt, nicht lie­ben?

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