SPURENSUCHE

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Gott­fried knapp

Die Welt ver­än­dert sich stän­dig, die gro­ßen Fra­gen aber blei­ben. Wir su­chen in den Küns­ten nach wie­der­keh­ren­den Mo­ti­ven. An­läss­lich der Buch­mes­se be­fra­gen wir die Kunst­ge­schich­te: Ist Le­sen un­männ­lich?

Frau­en, die über ein Buch ge­beugt sind oder sich mit ei­nem Buch in den Hän­den be­quem zu­rück­leh­nen, ge­hö­ren zu den be­lieb­tes­ten Mo­ti­ven der Ma­le­rei. Schon die Jung­frau Ma­ria wird beim Er­eig­nis der Ver­kün­di­gung stets mit ei­nem Buch ge­zeigt, das die Rein­heit ih­rer Ge­dan­ken ver­kün­det. Aber auch spä­ter wur­den Frau­en im­mer ger­ne mit Bü­chern por­trä­tiert. Ma­dame Pom­pa­dour bei­spiels­wei­se hält in je­dem der zahl­rei­chen Por­träts, die sie in Auf­trag ge­ge­ben hat, ein auf­ge­schla­ge­nes Buch in der Hand.

Im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert wird das Mo­tiv der le­sen­den Frau dann gar zu ei­nem Gen­re, das vie­le Ma­ler ge­reizt hat. Be­son­ders schön ha­ben Ca­mil­le Co­rot, Pier­re-Au­gus­te Re­noir und Au­gust Ma­cke die Stil­le be­schrie­ben, in die sich Frau­en beim Le­sen zu­rück­zie­hen. In den Bil­dern von Ed­ward Hop­per aber las­sen Frau­en, die sich in lee­ren Zim­mern mit ei­nem Buch aus der Welt ver­ab­schie­det ha­ben, et­was von den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwie­rig­kei­ten der Mo­der­ne er­ah­nen. Ge­org Fried­rich Kerst­ing hat sein Bild „Le­sen­der bei Lam­pen­licht“1814 ge­malt.

Nimmt man schließ­lich noch das Su­jet der brief­le­sen­den Frau da­zu – Ver­meer hat die schöns­ten Bei­spie­le ge­lie­fert –, dann muss man zu dem Schluss kom­men, dass Le­sen wie Stri­cken und Wä­sche­wa­schen ei­ne Tä­tig­keit ist, die aus­schließ­lich von Frau­en aus­ge­übt wird.

Män­ner je­den­falls wol­len beim Le­sen nicht be­ob­ach­tet werden. Die we­ni­gen Her­ren, die über­haupt je­mals mit ei­nem Schrift­zeug­nis por­trä­tiert wor­den sind, wa­ren Lan­des­fürs­ten mit Ur­kun­den, Feld­her­ren mit Schlacht­plä­nen oder Schrift­stel­ler mit ei­ge­nen Wer­ken. Kei­ner von ih­nen liest. Die paar Män­ner aber, die ir­gend­wann in Ca­fés beim Le­sen er­wischt wur­den, ha­ben stets ei­ne Zei­tung in der Hand, nie ein Buch oder ei­nen Brief.

Um­so über­ra­schen­der die Aus­nah­me: Der deut­sche Ma­ler Ge­org Fried­rich Kerst­ing, der das er­füll­te Da­sein von Men­schen in Räu­men dar­stel­len konn­te, et­wa im Por­trät Cas­par Da­vid Fried­richs, hat mit sei­nem „Le­sen­den bei Lam­pen­licht“ein­drucks­voll et­was von der Ma­gie ver­mit­telt, die Bü­cher auch auf Män­ner aus­zu­üben ver­mö­gen.

FO­TO: MU­SE­UM OSKAR REINHART WIN­TER­THUR

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