Trif­o­novs Rach­ma­ni­now

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FEUILLETON - Hel­mut mau­ró

Die küh­nen Er­war­tun­gen werden wie im­mer über­trof­fen. Da­niil Trif­o­nov kann nicht ein­fach Kla­vier spie­len, er muss im­mer gro­ße Mu­sik noch grö­ßer ma­chen. Ei­ner sei­ner Fa­vo­ri­ten, das Kla­vier­ge­nie Ser­gei Rach­ma­ni­now, lie­fert ihm nicht nur spiel­tech­nisch, son­dern auch äs­the­tisch an­spruchs­vol­le Vor­la­gen. Man muss durch das ei­ge­ne Mu­si­zie­ren schon sehr ge­nau be­grün­den kön­nen, war­um man die­se oft in dick­flau­schi­gen Sa­lon­kis­sen er­stick­te Mu­sik heu­te dring­lich fin­det. Trif­o­nov – das zeigt sein neu­es Rach­ma­ni­now-Al­bum „De­par­tu­re“wie­der ein­mal ein­drucks­voll – fin­det un­ter ver­meint­li­chem Plüsch und Plun­der ei­ne Zau­ber­welt, die weit weg er­scheint, un­wirk­lich, über­ir­disch.

Das war sie schon zur Zeit ih­rer Kom­po­si­ti­on, als man ent­we­der dar­an glaub­te, al­les sei pri­ma auf der Welt, oder in Ver­hält­nis­sen ge­lan­det war, wo Er­klä­run­gen nicht mehr hal­fen, wo es der Traum von ei­ner bes­se­ren Welt tun muss­te. Folg­lich er­klä­ren we­der das zwei­te, noch das vier­te Kla­vier­kon­zert die Welt – Trif­o­nov hat sie mit dem Phil­adel­phia Orches­tra und Yan­nick Né­zet-Sé­gu­in ein­ge­spielt. Ihr re­vo­lu­tio­nä­rer Im­puls zeigt statt­des­sen mög­li­che Ge­gen­wel­ten. Dass man sich dar­in gleich zu Hau­se fühlt, das macht nicht nur die Kom­po­si­ti­on, das ma­chen vor al­lem die Mu­si­ker, die sie um­set­zen. Das gilt in be­son­de­rem Ma­ße auch für die Tran­skrip­ti­on von Bachs vir­tuo­ser E-Dur-Par­ti­ta, die hier ein­ge­fügt ist. Na­tür­lich wünsch­te man sich, Trif­o­nov hät­te noch frü­her noch mehr ver­öf­fent­licht, viel­leicht Auf­nah­men sei­ner zahl­rei­chen, al­le­mal über­wäl­ti­gen­den Live-Auf­trit­te mit Wer­ken von Bach, Mo­zart, Beet­ho­ven, Cho­pin, Schu­mann, Liszt, Mom­pou, Grieg, Tschai­kow­sky, Stra­wins­ky, Skrja­bin, Pro­kof­jew, Bar­ber, Berg, Bar­tók, Co­pland, Mes­sia­en, Li­ge­ti, Stock­hau­sen, Adams, Co­riglia­no oder Adès. Um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Oft spiel­te er meh­re­re un­ter­schied­li­che Pro­gram­me in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge. Aber von den Mil­lio­nen No­ten, da­von konn­te man sich stets über­zeu­gen, hat er nicht ei­ne ge­spielt, die ihm nicht die al­ler­wich­tigs­te ge­we­sen wä­re. Kein an­de­rer le­ben­der Pia­nist hat sol­che mu­si­ka­li­sche Prä­senz. Aber Trif­o­nov weiß die Ka­te­go­ri­en Live-Kon­zert und Stu­dio­si­tua­ti­on klug zu un­ter­schei­den. Nur so kann bei­des auf sei­ne Wei­se op­ti­mal wir­ken.

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