Män­ner sind Schwei­ne

Si­mon Sto­ne übt am Ber­li­ner En­sem­ble Ra­che für 5000 Jah­re Pa­tri­ar­chat

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 18 FEUILLETON - Pe­ter lau­den­bach

Am En­de krie­gen sie, was sie ver­die­nen. Der Fi­nanz­ana­lyst, der nach Puff­be­su­chen re­gel­mä­ßig sei­ne Frau ver­prü­gelt hat. Der Po­li­zist, der bei No­t­ru­fen we­gen häus­li­cher Ge­walt weg­schaut und sei­ne ei­ge­ne Schwie­ger­toch­ter ver­ge­wal­tigt. Der Sohn des Po­li­zis­ten, der sei­nen Ver­ge­wal­ti­ger-Va­ter in Schutz nimmt. Der selbst­mit­lei­di­ge Sex­shop-Be­trei­ber, der ger­ne sei­ne Kas­sie­re­rin­nen befum­melt. Der Arzt, der für In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­tio­nen groß­zü­gig den ei­ge­nen Sa­men ver­wen­det hat. Sie al­le sind zu küm­mer­li­chen Männ­chen ge­schrumpft, nach­dem ih­re Frau­en, Töch­ter, Müt­ter sie ver­las­sen ha­ben.

Weil wir im Thea­ter sind, wird das Pro­blem nicht von Fa­mi­li­en­the­ra­peu­ten, Staats­an­wäl­ten oder ei­nem Schei­dungs­rich­ter ge­löst, son­dern mit ei­nem knal­li­gen Show­down und je­der Men­ge Kunst­blut. Die Pro­blem­män­ner ma­chen den Feh­ler, noch ein­mal leicht wim­mernd Kon­takt zu ih­ren Frau­en zu su­chen, die in­zwi­schen in ei­ner fe­mi­nis­ti­schen Land­kom­mu­ne zu­sam­men­le­ben. Das be­kommt den er­schöpf­ten Her­ren der Schöp­fung nicht gut, sie werden in ei­nem Akt der Be­frei­ung fach­ge­recht mas­sa­kriert – so­zu­sa­gen Ra­che für 5000 Jah­re Pa­tri­ar­chat.

Das ist mo­ra­lisch selbst­ver­ständ­lich völ­lig in Ord­nung und, reich an Splat­terEf­fek­ten, so lus­tig und läs­sig wie bei Ta­ran­ti­no. Bei fah­lem Büh­nen­licht und tröp­feln­dem Thea­ter­re­gen soll das fi­na­le Män­ner-Ab­schlach­ten gleich­zei­tig grau­sam und ir­gend­wie er­ha­ben wir­ken wie in ei­ner an­ti­ken Tra­gö­die. Und ge­nau dar­in liegt das Pro­blem (nicht nur die­ser Ab­schluss­sze­ne) in Si­mon Sto­nes „Me Too“-So­li­da­ri­täts­adres­se am Ber­li­ner En­sem­ble (BE). Der all­seits ge­fei­er­te Re­gis­seur kann sich bei sei­nem Berlin-De­büt nicht ent­schei­den, ob er ei­nen bö­se lus­ti­gen Ge­schlech­ter-Ra­che-Co­mic, ei­ne Gen­der­tra­gö­die mit ver­ein­zel­ten An­spie­lun­gen auf an­ti­ke Vor­la­gen oder viel­leicht doch lie­ber psy­cho­lo­gisch fein nu­an­cier­te Cha­rak­ter­stu­di­en zei­gen will.

Völ­lig un­ver­ständ­lich, dass die­se tol­len Frau­en sol­che Dumpf­ba­cken ge­hei­ra­tet ha­ben

Weil Si­mon Sto­ne als Re­gis­seur so ziem­lich al­les kann und am BE mit ei­nem her­vor­ra­gen­den En­sem­ble ar­bei­tet, ge­lingt es ihm, je­des die­ser sehr un­ter­schied­li­chen Re­gis­ter in Pas­sa­gen pro­fes­sio­nell zu be­die­nen. Ca­ro­li­ne Peters zum Bei­spiel spielt als Phil­ip­pa un­glaub­lich ko­misch und ge­nie­ße­risch mit den Tö­nen ei­ner emo­tio­nal ab­ge­stor­be­nen Up­per­class-Di­va. Ste­fa­nie Rein­sper­ger gibt Phil­ip­pas Toch­ter Li­na die gan­ze Wucht und Emp­find­lich­keit, die Le­bens­gier und Wut ei­ner Frau, die sich nichts mehr ge­fal­len lässt. Völ­lig un­ver­ständ­lich, dass die­se Li­na ein Würst­chen wie Fried­rich (Sa­mu­el Von Män­nern, die Frau­en miss­brau­chen: Martin Wutt­ke (vor­ne) ist ei­ner der Übel­tä­ter in Si­mon Sto­nes „Ei­ne grie­chi­sche Tri­lo­gie“.

Schnei­der) ge­hei­ra­tet hat und sich von des­sen Va­ter Micha­el (Ti­lo Nest) im­mer wie­der ver­ge­wal­ti­gen lässt. Als sie sich auf ei­nem lee­ren Bahn­steig, ir­gend­wann nach Mit­ter­nacht, in die sehr jun­gen­haf­te Kit (Ca­ri­na Zich­ner) ver­liebt und al­le Män­ner für im­mer hin­ter sich lässt, ge­lingt den bei­den Schau­spie­le­rin­nen ei­ne der in ih­rer Un­be­haust­heit und La­ko­nie schöns­ten Lie­bes­sze­nen der Spiel­zeit. Un­ver­ständ­lich bleibt, dass ei­ne toughe An­wäl­tin, pro­fes­sio­nell warm­her­zig wie ein Eis­wür­fel (Ju­dith En­gel), sich ei­ne Ehe mit der Strei­fen­po­li­zis­ten-Dumpf­ba­cke Micha­el an­tut. Oder dass ei­ne re­so­lu­te Frau wie In­ge mit her­bem Pro­le­ta­ri­er-Touch (Con­stan­ze Be­cker) den lar­mo­yan­ten Suff­kopf Tho­mas (Andre­as Döh­ler) er­trägt. Martin Wutt­ke spielt Li­nas Va­ter, Phil­ip­pas Gat­ten, den Arzt und In-vi­tro-Be­f­ruch­ter Chris­toph Hei­ne­mann, als über­ner­vö­sen Ego­zen­tri­ker, im­mer dicht am Rand des See­len­kol­lap­ses. Kein Wun­der, dass er ir­gend­wann oh­ne Schu­he, oh­ne Geld und oh­ne Han­dy auf ei­nem Ber­li­ner Kin­der­spiel­platz er­wacht und nicht weiß, wie er hier­her­ge­kom­men ist, aus­ge­rech­net in die­ses fürch­ter­li­che Berlin. Die Er­zähl­strän­ge sind ver­wo­ben wie in ei­ner bes­se­ren Net­flix-Se­rie, und ge­nau­so tem­po­reich und ef­fekt­freu­dig werden sie auch aus­ge­brei­tet.

In den Klas­si­ker-Über­schrei­bun­gen, mit de­nen Sto­ne be­kannt wur­de – et­wa „Drei Schwes­tern“in Ba­sel, „John Ga­b­ri­el Bork­man“in Wi­en oder „Ib­sen Haus“in Ams­ter­dam –, hat er mit gro­ßer, ge­ra­de­zu ver­nich­ten­der Ge­nau­ig­keit bür­ger­li­che So­zi­al­cha­rak­te­re und ih­re Selbst­be­trugs­rou­ti­nen ge­zeich­net. Die­se Ge­nau­ig­keit der Be­ob­ach­tung fehlt der mit dem ganz gro­ben Pin­sel ge­mal­ten Ins­ze­nie­rung. Die Kli­schee­freu­de hat die Cha­rak­ter­fein­ana­ly­se er­setzt, die Auf­füh­rung wirkt bei al­ler

Ober­flä­chend­ras­tik selt­sam harm­los. Dass Si­mon Sto­ne für sei­ne „Grie­chi­sche Tri­lo­gie“am BE drei an­ti­ke Stü­cke, die Sex­ver­wei­ge­rungs­ko­mö­die „Ly­sis­tra­ta“, die Krieg­ver­lie­re­rin­nen-Kla­ge „Die Tro­erin­nen“und die Ge­walt­or­gie „Die Bak­chen“, als Vor­la­gen nennt, kann man ge­trost als Be­deu­tungs­hoch­sta­pe­lei igno­rie­ren. Die Mo­tiv­be­zü­ge sind arg va­ge und eher zu­fäl­lig. Wer will, kann ein Echo der Zer­flei­schung des Pen­theus aus den „Bak­chen“dar­in se­hen, dass In­ge ir­gend­wann ih­rem Schlä­ger-Puff­gän­ger-Gat­ten mit ei­nem han­dels­üb­li­chen Ham­mer das Rück­grat zer­trüm­mert. Die män­ner­freie, mi­li­tan­te Land­kom­mu­ne lässt sich not­falls als mo­der­ne Va­ri­an­te der fe­mi­nis­ti­schen Be­set­zung der Akro­po­lis in Aris­to­pha­nes’ „Ly­sis­tra­ta“ver­ste­hen.

Die durch­sich­ti­gen Au­ßen­wän­de der auf Dreh­büh­nen ge­setz­ten Bür­ger­häu­ser, die zum Sto­ne-Mar­ken­zei­chen ge­wor­den sind, set­zen sich in sei­ner neu­en Ar­beit in ei­ne ram­pen­brei­ten Glas­wand fort, welche die Büh­ne von Bob Cou­sins her­me­tisch ab­schließt. Die Fi­gu­ren in die­sem Büh­nen­aqua­ri­um be­we­gen sich durch dich­ten Ne­bel – noch so ein apar­ter Ef­fekt. Der Preis der Un­ver­bind­lich­keit, mit der die­ser Abend zwi­schen der Be­haup­tung gro­ßer Ge­schlech­ter­tra­gö­die und ge­ho­be­nem Bou­le­vard pen­delt, ist ei­ne ge­wis­se in­halt­li­che Dürf­tig­keit. Da­mit, dass er Frau­en bis zum fi­na­len Ra­che-Amok­lauf durch­gän­gig als män­ner­fi­xier­te Op­fer sieht, dürf­te sich Sto­ne nicht ganz auf dem Stand der ak­tu­el­len Gen­der­de­bat­ten be­fin­den. Wenn ein gut drei­stün­di­ger Thea­ter­abend et­wa das Glei­che sagt wie ein Vier-Mi­nu­ten-Pop­song der Ärz­te, näm­lich dass Män­ner Schwei­ne sind, hat die Ins­ze­nie­rung ein Pro­blem hin­sicht­lich ih­rer Tie­fen­di­men­si­on und Kon­flikt­zeich­nung.

FO­TO: THO­MAS AURIN

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