Jen­seits der Bag­ger

Die Koh­le­kom­mis­si­on des Bun­des lässt erst­mals durch­bli­cken, wie der Ta­ge­bau-Aus­stieg flan­kiert wird: Sie plant ei­ne Vor­zugs­be­hand­lung für die Re­vie­re

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WIRTSCHAFT 25 - Von micha­el bauch­mül­ler

Wenn es um Jobs geht, kön­nen Ge­werk­schaf­ten sehr er­fin­de­risch sein. In der Lau­sitz ver­teilt die Berg­bau-Ge­werk­schaft IG BCE neu­er­dings klei­ne Sur­vi­val-Kits, mit­Was­ser, Tee­licht und Feu­er­zeug. „Black­out… so schnell kann’s ge­hen“, warnt der Bei­pack­zet­tel. Wo­bei der Black­out in der Lau­sitz durch­aus dop­pel­deu­tig zu ver­ste­hen ist. Vie­le hier fürch­ten mit dem En­de der Koh­le auch das En­de der Re­gi­on. „Tau­sen­de hoch qua­li­fi­zier­te Jobs ge­hen ka­putt“, warnt Oli­ver Hein­rich, Chef des IG BCELan­des­be­zirks Nord­ost. „Gan­ze Re­gio­nen und Fa­mi­li­en werden zer­stört.“Aus der Braun­koh­le aus­zu­stei­gen, oh­ne denRe­vie­ren, wie es gern heißt, „den Ste­cker zu zie­hen“– es ist die kom­pli­zier­te Auf­ga­be, der sich der­zeit die „Kom­mis­si­on Wachs­tum, Struk­tur­wan­del, Be­schäf­ti­gung“ge­gen­über­sieht. Jetzt zeich­net sich erst­mals ab, wie das lau­fen könn­te.

Denn die der­zei­ti­gen Braun­koh­le­re­vie­re sol­len in­Zu­kunft in vie­len Be­rei­chen be­vor­zugt be­han­deltwer­den. Das­geht aus­ei­nem ers­ten Ent­wurf des Be­richts her­vor, den­dieKoh­le­kom­mis­sio­nan­dieBun­des­re­gie­rung ab­ge­ben soll. Er liegt der Süd­deut­schen Zei­tung vor. So­sol­le es­beimAus­bau von Ver­kehrs- und Da­ten­net­zen ei­nen „‚Re­vier­bo­nus‘ un­ter dem Mot­to ‚Vor­fahrt für Struk­tur­ent­wick­lungs­ge­bie­te‘“ge­ben. Dies wür­de es et­wa dem Bund er­leich­tern, Ver­kehrs­pro­jek­te bei derPla­nungvor­zu­zie­hen. Un­ab­ding­bar sei auch „flä­chen­de­ckend ein hoch­mo­der­nes di­gi­ta­les In­fra­struk­tur­netz“. For­schungs­stand­or­te in den Re­vie­ren müss­ten ver­stärkt werden, Be­hör­den oder neue Ein­rich­tun­gen von Bund­un­dLän­dern„prio­ri­tär“dort an­ge­sie­delt werden. Gro­ße In­dus­trie­an­sied­lun­gen, wie sie vor al­lem die Ge­werk­schaf­ten for­dern, tau­chen al­ler­dings nicht auf.

Nach mo­na­te­lan­gen Dis­kus­sio­nen nimmt da­mit die Ar­beit der „Kom­mis­si­on Wachs­tum, Struk­tur­wan­de­lun­dBe­schäf­ti­gung“erst­mals Gestalt an. Die Zeit drängt: Sie soll bisEn­de­des Jah­res einKon­zept vor­le­gen, wie sich der Aus­stieg aus der Koh­le be­schleu­ni­gen lässt. Die Un­ter­stüt­zung des Struk­tur­wan­dels ist da­bei ein zen­tra­lesE­le­ment: DieKom­mis­si­on sollauch den Ein­druck ver­hin­dern, der Aus­stieg aus der Koh­le fin­de über die Köp­fe der Be­trof­fe­nen hin­weg statt. Ge­ra­de in Ost­deutsch­land ist vie­len noch der har­te Bruch nach derWen­de prä­sent.

DenBe­schäf­tig­ten soll vor al­le­mWei­ter­bil­dung­hel­fen. Ziel­müs­se­sein, „die gut be­zahl­ten In­dus­trie­ar­beits­plät­ze mit ih­rem spe­zi­fi­schenWis­sen zu si­cher­n­und­aus­zu­bau­en“. Neu­an­sied­lun­gen oder Neu­grün­dun­gen von Un­ter­neh­men dürf­ten nicht dar­an schei­tern, dass es an Fach­kräf­ten man­gelt. Gleich­zei­tig sol­len Ex­pe­ri­men­tier­klau­seln und „Re­alla­bo­re“sol­che An­sied­lun­gen er­leich­tern, et­wa durch kür­ze­reGe­neh­mi­gungs­fris­ten. „Die be­trof­fe­nen Re­gio­nen soll­ten zu In­no­va­ti­ons­re­gio­nen Braun­koh­le­ta­ge­bau von RWE bei Dü­ren. Nach dem Koh­le­aus­stieg sol­len die be­trof­fe­nen Re­gio­nen be­vor­zugt werden.

werden, die neu­eWe­ge be­schrei­ten“, heißt es in dem Pa­pier. 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro will derBund da­für in die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode aus­ge­ben. Was dar­über hin­aus wie lan­ge nö­tig wird, dar­auf­wol­le sich dieKom­mis­si­on noch ver­stän­di­gen. Den be­trof­fe­nen Län­dern schwebt für ei­nen „sanf­tenWan­del“al­ler­dings die 40-fa­che Sum­me vor.

Die Son­der­re­ge­lun­gen sol­len ins­ge­samt 27 Städ­ten und Krei­sen rund um die vier Braun­koh­le­re­vie­re zu­gu­te­kom­men. Al­ler­dings ver­weist der Bericht auch auf die sehr ver­schie­de­nen Be­din­gun­gen in den Ta­ge­bau­re­gio­nen: Wäh­rend sich aus dem Helm­sted­ter Re­vier die Braun­koh­le schon weit­ge­hend ver­ab­schie­det hat­und­das mit-

tel­deut­sche Re­vier bei Leip­zig ver­gleichs­wei­se klein ist, spie­lenTa­ge­baueun­dKraft­wer­ke in der Lau­sitz und im Rhein­land noch ei­ne gro­ße Rol­le. Er­stamDon­ners­tag

Nach­hal­ti­ge Ener­gie­er­zeu­gung könn­te zum gro­ßen The­ma in der Re­gi­on werden

hat­te die Koh­le­kom­mis­si­on ei­ne „Re­vier­fahrt“in die Lau­sitz un­ter­nom­men. Sie wur­de dort von Hun­der­ten Be­schäf­tig­ten mit Tril­ler­pfei­fen emp­fan­gen.

Gleich­zei­tig sei die In­dus­tria­li­sie­rung in al­len Re­vie­ren, mit Aus­nah­me des­je­ni­gen

bei Helm­stedt, schwä­cher aus­ge­prägt als im Rest der Re­pu­blik, das Glei­che gel­te für die In­no­va­ti­ons­kraft. Die Bag­ger schau­feln meist in länd­li­chen Ge­gen­den. Schon des­halb­könne­e­ine bes­se­reVer­kehrs­an­bin­dung hel­fen: Durch die Ver­knüp­fung mit re­gio­na­len­Wachs­tums­ker­nen­könn­tenIm­pul­se von dort „aus­strah­len“, heißt es in dem 17-sei­ti­gen Ent­wurf. Und weil die In­fra­struk­tur, et­wa durch gro­ße Strom­tras­sen, ganz auf die Ener­gie zu­ge­schnit­ten sei, kä­men­die Re­gio­nenauch„für die­künf­ti­ge Ent­wick­lung mo­der­ner, in­tel­li­gen­ter und­nach­hal­ti­ger Ener­gie­er­zeu­gungs­an­la­gen“in Be­tracht. Ex­per­ten hat­ten zu­letzt gro­ße Strom­spei­cher vor­ge­schla­gen, die am En­de der gro­ßen Strom­lei­tun­gen ent­ste­hen könn­ten. So kon­kret wird der Ent­wurf aber nicht. Auch derBau­vonBat­te­rie­zell­fa­bri­ken, der als In­dus­trie­al­ter­na­ti­ve im Ge­spräch ist, taucht nicht dar­in auf.

Da­für hat die Kom­mis­si­on, die sich am Frei­tag er­neut traf, nu­n­erst­mals ei­ne in­Pa­pier ge­fass­te Dis­kus­si­ons­ba­sis für ih­ren Ab­schluss­be­richt. Noch die­sen Mo­nat soll sie ih­re Emp­feh­lun­gen für die Ab­fe­de­rung de­s­Koh­le­aus­stiegs vor­le­gen, al­ler­dings be­riet sie am Frei­tag erst mal über ih­re Ar­beits­wei­se. Über­nächs­te Wo­che dann be­sucht sie das Rhein­land. Die Vor­be­rei­tun­gen im Ge­werk­schafts­la­ger lau­fen schon – für ei­nen un­ver­gess­li­chen Emp­fang.

FO­TO: OLI­VER BERG / DPA

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