My­thos Mul­ti­tas­king

Meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig er­le­di­gen zu kön­nen, ist ei­ne Il­lu­si­on. Aber der Glau­be dar­an hilft trotz­dem enorm

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - VORDERSEITE - Se­bas­ti­an herr­mann

Je­den Sonn­tag sind Mil­lio­nen Men­schen auf ih­rem So­fa ei­ner Zer­reiß­pro­be aus­ge­setzt. Im Fern­se­hen läuft der „Tat­ort“, und wer wäh­rend­des­sen Twit­ter öff­net, wird mit ei­ner Art Kri­mi-Li­ve-Ti­cker be­hel­ligt. Of­fen­bar ist es für vie­le un­er­träg­lich, ei­nen Film an­zu­se­hen, oh­ne zugleich auf dem Smart­pho­ne rum­zu­drü­cken und das nur Halb­ge­se­he­ne zu kom­men­tie­ren. Auch jen­seits sei­ner Exis­tenz als So­fa­we­sen plagt den mo­der­nen Men­schen ein stän­di­ger Drang, al­les gleich­zei­tig zu ma­chen: Mee­tings sind ei­ne Ge­le­gen­heit, E-Mails zu be­ant­wor­ten, beim Te­le­fo­nie­ren wer­den Nach­rich­ten ge­le­sen. Doch es laugt aus, sei­ne Auf­merk­sam­keit zu tei­len. Und des­halb wer­den stän­dig Kla­gen ge­führt, dass der Zwang zum Mul­ti­tas­king krank ma­che und es Zeit sei, ir­gend­wie acht­sam zu sein.

Mul­ti­tas­king ist Fluch und Ver­spre­chen zugleich. Die All­ge­gen­wart des Smart­pho­nes so­wie die Hek­tik des All­tags zwin­gen da­zu, vie­le Auf­ga­ben auf ein­mal zu er­le­di­gen – ein Fluch. Gleich­zei­tig schlum­mert dar­in das Ver­spre­chen, ef­fi­zi­ent und er­folg­reich zu sein. In ei­ner ak­tu­el­len Um­fra­ge von Psy­cho­lo­gen um Sha­le­na Sr­na von der Uni­ver­si­ty of Mi­chi­gan ga­ben denn auch 84 Pro­zent der Be­frag­ten an, dass die Fä­hig­keit zum Mul­ti­tas­king ei­ne sehr, sehr wün­schens­wer­te Ei­gen­schaft sei. Wie so vie­le Wün­sche, kann aber auch die­ser nicht in Er­fül­lung ge­hen: Wie die For­scher im Fach­jour­nal Psy­cho­lo­gi­cal Sci­ence be­to­nen, ist der Mensch nicht zum Mul­ti­tas­king ge­schaf­fen– üb­ri­gens we­der Frau noch Mann. Die Psy­cho­lo­gen spre­chen gar von der „Il­lu­si­on Mul­ti­tas­king“: Das Ge­hirn sei nicht in der La­ge, meh­re­re ko­gni­tiv for­dern­de Auf­ga­ben gleich­zei­tig zu be­ar­bei­ten. Statt­des­sen sprin­ge die Auf­merk­sam­keit da­bei stets hin und her – ein­mal kurz zum „Tat­ort“schau­en, dann wie­der auf das Han­dy­dis­play glot­zen und tip­pen oder le­sen.

Der My­thos vom Mul­ti­tas­king ver­fügt je­doch auch über po­si­ti­ve Kraft, be­rich­ten die Psy­cho­lo­gen um Sr­na: Er wirkt qua­si wie ei­ne Art Bü­ro-Pla­ce­bo. Of­fen­bar kann es die Leis­tung stei­gern, schlicht und ein­fach ei­ne Auf­ga­be als Mul­ti­tas­king zu be­zeich­nen. So lie­ßen die Wis­sen­schaft­ler Teil­neh­mer der Stu­di­en zwei Auf­ga­ben si­mul­tan er­le­di­gen – zum Bei­spiel soll­ten sie ei­nem Vor­trag zu­hö­ren und die­sen tran­skri­bie­ren. Wenn das zu­vor ex­pli­zit als Mul­ti­tas­king be­zeich­net wur­de, flutsch­te es bes­ser, als wenn es nur hieß, es sei halt ein Vor­trag mit­zu­schrei­ben. „Wie man ei­ne Auf­ga­be in­ter­pre­tiert, wirkt sich of­fen­bar auf die Leis­tung aus“, sagt Sr­na.

Dem ei­ge­nen Tun das La­bel Mul­ti­tas­king zu ver­lei­hen, be­tont, wie for­dernd ei­ne Auf­ga­be ist. Das sei die trei­ben­de Kraft hin­ter dem be­ob­ach­te­ten Ef­fekt, sa­gen die Psy­cho­lo­gen. Wer ei­ne Tä­tig­keit als Her­aus­for­de­rung be­trach­tet, in­ten­si­viert sei­ne An­stren­gun­gen. „Man ist dann kon­zen­trier­ter“, sa­gen die For­scher um Sr­na. Of­fen­bar selbst dann, wenn die Auf­merk­sam­keit hin und her hüpft. Dar­aus lässt sich ein un­an­ge­neh­mer Um­kehr­schluss zie­hen: Ei­ne ein­zi­ge Auf­ga­be oh­ne Ablen­kun­gen und Zu­satz­an­for­de­run­gen neh­men die ge­stress­ten Bü­ro­men­schen der Ge­gen­wart of­fen­bar nicht mehr ernst ge­nug, um die­se mit vol­ler Auf­merk­sam­keit an­zu­ge­hen.

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