Gip­fel der Show

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von mar­kus bal­ser

Un­ter Fach­leu­ten gilt sie als wirk­sams­tes, güns­tigs­tes und schnells­tes Mit­tel, um die Luft­pro­ble­me vie­ler deut­scher Städ­te in den Griff zu be­kom­men: die Nach­rüs­tung äl­te­rer Die­sel­Au­tos mit Ka­ta­ly­sa­to­ren. Doch bis­lang wehr­ten sich die Au­to­her­stel­ler mit Hän­den und Fü­ßen ge­gen das Pro­jekt. Am Don­ners­tag soll­te in Ber­lin ein Gip­fel den Durch­bruch brin­gen. Zwar fei­er­te der zu­stän­di­ge Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er am En­de tat­säch­lich ei­ne Ei­ni­gung mit den Kon­zern­bos­sen. Doch ei­ne Lö­sung ist noch lan­ge nicht in Sicht. Denn das Spit­zen­tref­fen war vor al­lem eins: ein Gip­fel der Show.

Das Pro­blem ist vie­ler­orts rie­sen­groß. In 65 deut­schen Städ­ten lag die Schad­stoff­be­las­tung der Atem­luft im ver­gan­ge­nen Jahr über den ge­setz­li­chen Grenz­wer­ten. Nicht nur ein we­nig, son­dern teils fast um das Dop­pel­te. Doch der Die­sel-Kom­pro­miss wird dar­an erst ein­mal gar nichts än­dern. Ge­plant sind Nach­rüs­tun­gen in ge­ra­de ein­mal 15 der Pro­blem­re­gio­nen. Ob und wann sie wirk­lich zum Ein­satz kom­men, steht selbst dort in den Ster­nen. Noch hat die Po­li­tik nicht ein­mal Vor­schrif­ten für die­se An­la­gen er­las­sen, ge­schwei­ge denn Ge­neh­mi­gun­gen er­teilt. Die Her­stel­ler selbst wol­len gar kei­ne Lö­sun­gen an­bie­ten – sie glau­ben nicht an die Tech­nik. Sie wol­len sich auf Dritt­an­bie­ter ver­las­sen. Bis die je­doch An­ge­bo­te auf den Markt brin­gen, kön­nen Jah­re ins Land ge­hen. Fahr­ver­bo­te aber dro­hen schon im nächs­ten Jahr. Wer sich auf Nach­rüs­tun­gen ver­lässt, dem droht der Still­stand.

Das von der Bun­des­re­gie­rung nach den Wahl­schlap­pen er­hoff­te En­de der Die­selDis­kus­si­on ist so noch nicht in Sicht. Nach Mo­na­ten der Ver­hand­lung konn­ten sich die Au­to­her­stel­ler noch nicht ein­mal dar­auf ei­ni­gen, wer den Um­bau nun ei­gent­lich be­zahlt. Nur Daim­ler will die vol­len Kos­ten tra­gen. Volks­wa­gen will die For­de­rung der Re­gie­rung noch im­mer nicht voll er­fül­len. BMW lehnt die Nach­rüs­tung wei­ter ganz ab. Der Kon­zern will den ei­ge­nen Kun­den zwar mit 3000 Eu­ro Mo­bi­li­tät ga­ran­tie­ren. Wie ge­nau das funk­tio­nie­ren soll, konn­te al­ler­dings auch der zu­stän­di­ge Mi­nis­ter am Don­ners­tag nicht er­klä­ren. Und von den aus­län­di­schen Her­stel­lern, de­ren Mo­del­le teils noch grö­ße­re Ab­gas­pro­ble­me ha­ben als die der deut­schen, macht oh­ne­hin kein ein­zi­ger mit.

Die Au­tos hal­ten die Ab­gas­wer­te ein­fach nicht ein. Den Preis zah­len Ver­brau­cher

Doch es liegt nicht nur an den Her­stel­lern. Auch die Po­li­tik bleibt beim The­ma Nach­rüs­tung bis­lang viel zu halb­her­zig. We­nig ge­wollt, we­nig er­reicht: Das ist wohl die wah­re Dra­ma­tur­gie die­ses Die­selGip­fels. Dass der zu­stän­di­ge Ver­kehrs­mi­nis­ter im Vor­feld mehr­mals be­ton­te, er hal­te die Nach­rüs­tung ei­gent­lich für Un­sinn, hat sei­ne Ver­hand­lungs­po­si­ti­on im Sin­ne der Kun­den un­nö­tig ge­schwächt.

Aus­ba­den müs­sen das schon bald Mil­lio­nen Die­sel-Fah­rer, de­nen in im­mer mehr deut­schen Städ­ten Fahr­ver­bo­te dro­hen. Vie­le Tau­send Eu­ro ha­ben sie für Au­tos be­zahlt, mit de­nen vie­le wohl schon im kom­men­den Jahr nicht mehr zur Ar­beit fah­ren dür­fen, weil die Au­tos die vom Her­stel­ler ver­spro­che­nen Ab­gas­wer­te auf der Stra­ße ein­fach nicht ein­hal­ten.

Vom Ver­käu­fer zu for­dern, das ge­kauf­te Pro­dukt schnell und kos­ten­los in den be­wor­be­nen Zu­stand zu brin­gen, wä­re in vie­len In­dus­tri­en ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Nicht so in deut­schen Au­to­häu­sern. Der Gip­fel vom Don­ners­tag hat vor al­lem klar­ge­macht: Die Die­sel-Af­fä­re ist noch lan­ge nicht zu En­de.

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