„Ber­lin ist nicht Wei­mar und wird es nicht wer­den“

Aus­zü­ge aus der Re­de von Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK -

„Die Re­vo­lu­ti­on, so un­ge­plant und im­pro­vi­siert sie auch war, steht für ei­ne Zä­sur in der deut­schen Ge­schich­te, für ei­nen Auf­bruch in die Mo­der­ne. Der 9. No­vem­ber 1918 ist auf der Land­kar­te der deut­schen Er­in­ne­rungs­or­te zwar ver­zeich­net, aber er hat nie den Platz ge­fun­den, der ihm zu­steht. Manch­mal scheint mir, als sei je­ne Zei­ten­wen­de auf ewig über­schat­tet vom Schei­tern der Re­pu­blik, als sei der

9. No­vem­ber 1918 dis­kre­di­tiert und ent­wür­digt durch den 30. Ja­nu­ar 1933. Ja, das En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik führ­te hin­ab ins furcht­bars­te Ka­pi­tel der deut­schen Ge­schich­te. Aber: His­to­risch ge­schei­tert ist nicht die De­mo­kra­tie – his­to­risch ge­schei­tert sind ih­re Fein­de!

Ja, die­se Re­vo­lu­ti­on war auch ei­ne Re­vo­lu­ti­on mit Irr­we­gen und ent­täusch­ten Hoff­nun­gen. Aber es bleibt das gro­ße Ver­dienst der ge­mä­ßig­ten Ar­bei­ter­be­we­gung, dass sie – in ei­nem Kli­ma der Ge­walt, in­mit­ten von Not und Hun­ger – den Kom­pro­miss mit den ge­mä­ßig­ten Kräf­ten des Bür­ger­tums such­te, dass sie der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie den Vor­rang gab!

Wer heu­te glaubt, un­se­re De­mo­kra­tie sei doch mitt­ler­wei­le ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, und die­ses Par­la­ment ein All­tags­ge­gen­stand, ganz wie ein al­tes Mö­bel­stück, der schaue auf je­ne Ta­ge! Nein, die­ses Par­la­ment ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit und erst recht kei­ne Ne­ben­sa­che! Es ist ei­ne his­to­ri­sche Er­run­gen­schaft, und für die­se Er­run­gen­schaft, für die­ses Er­be müs­sen wir strei­ten, zual­ler­erst in die­sem Haus!

Es war ins­be­son­de­re die Flag­ge der Re­pu­blik, auf die es ih­re Fein­de ab­ge­se­hen hat­ten und die sie im­mer wie­der in den Schmutz zo­gen: Schwarz-Rot-Gold, die Far­ben der deut­schen Frei­heits­be­we­gung seit dem Ham­ba­cher Fest von 1832. Das al­lein ist Grund ge­nug, den 9. No­vem­ber 1918 aus dem ge­schichts­po­li­ti­schen Ab­seits zu ho­len! Wer heu­te Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie ver­ächt­lich macht, wer al­ten na­tio­na­lis­ti­schen Hass wie­der an­facht, der hat ge­wiss kein his­to­ri­sches Recht auf Schwarz-Rot-Gold. Den Ve­räch­tern der Frei­heit dür­fen wir die­se Far­ben nie­mals über­las­sen! Son­dern las­sen Sie uns stolz sein auf die Tra­di­ti­ons­li­ni­en, für die sie ste­hen: Schwarz-Rot-Gold, das sind De­mo­kra­tie und Recht und Frei­heit!

Vor ge­nau 80 Jah­ren, in der Nacht vom

9. auf den 10. No­vem­ber 1938, brann­ten in Deutsch­land die Sy­nago­gen. Jü­di­sche Ge­schäf­te wur­den ge­plün­dert und zer­stört. Hun­der­te Frau­en und Män­ner wur­den von Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­tö­tet, be­gin­gen Selbst­mord oder star­ben, nach­dem sie in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern miss­han­delt wor­den wa­ren. Die­se Po­gro­me – für al­le sicht­bar! – wa­ren ein Vor­bo­te der Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den. Sie ste­hen für den un­ver­gleich­li­chen Bruch der Zi­vi­li­sa­ti­on, für den Ab­sturz Deutsch­lands in die Bar­ba­rei. Wir ge­den­ken heu­te der Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, und wir wis­sen um un­se­re Ver­ant­wor­tung, die kei­nen Schluss­strich kennt! Ver­ehr­te Ab­ge­ord­ne­te, lie­be Gäs­te: In un­se­rem Han­deln müs­sen wir be­wei­sen, dass wir, die Deut­schen, wirk­lich ge­lernt ha­ben. Wir müs­sen han­deln, wo auch im­mer die Wür­de des an­de­ren ver­letzt wird! Wir müs­sen ge­gen­steu­ern, wenn ei­ne Spra­che des Has­ses um sich greift! Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass ei­ni­ge wie­der von sich be­haup­ten, al­lein für das „wah­re Volk“zu spre­chen, und an­de­re aus­gren­zen! Wir müs­sen wi­der­spre­chen, wenn

Frank-Wal­ter St­ein­mei­er

Der Na­tio­na­lis­mus, auch der neue, be­schwört ei­ne hei­le al­te Welt, die es so nie ge­ge­ben hat.“ Grup­pen zu Sün­den­bö­cken er­klärt wer­den, wenn Men­schen ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Haut­far­be un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­stellt wer­den, und wir las­sen nicht nach in un­se­rem Kampf ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus! Wir müs­sen ver­hin­dern, dass sich die Grup­pen im­mer mehr vor­ein­an­der ver­schan­zen! Wir müs­sen uns auf­raf­fen und auf­ein­an­der zu­ge­hen! Wir müs­sen da­für sor­gen, dass die­se Ge­sell­schaft mit sich im Ge­spräch bleibt!

Ber­lin ist nicht Wei­mar und wird es nicht wer­den. Die Ge­fah­ren von ges­tern sind nicht die Ge­fah­ren von heu­te. Wer im­mer nur vor der Wie­der­kehr des Glei­chen warnt, droht neue Her­aus­for­de­run­gen aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Aber: Er­in­ne­rung kann den Blick schär­fen für neue An­fech­tun­gen. Und die gibt es ge­wiss!

Der Na­tio­na­lis­mus ver­gol­det die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit, er suhlt sich im Tri­umph über an­de­re. Der Na­tio­na­lis­mus, auch der neue, be­schwört ei­ne hei­le al­te Welt, die es so nie ge­ge­ben hat. Ein de­mo­kra­ti­scher Pa­trio­tis­mus aber ist kein Ru­he­kis­sen, son­dern ein be­stän­di­ger Ansporn, für al­le, die nicht sa­gen: „Die bes­te Zeit liegt hin­ter uns“, son­dern die sa­gen: „Wir wol­len und wir kön­nen die Zu­kunft bes­ser ma­chen!“Das ist die Zu­ver­sicht von De­mo­kra­ten! Wir al­le, die wir uns zur De­mo­kra­tie be­ken­nen, die Mil­lio­nen, die sich Tag um Tag für die­ses Land en­ga­gie­ren, ste­hen in die­ser Tra­di­ti­on! Es le­be die deut­sche Re­pu­blik! Es le­be un­se­re De­mo­kra­tie!“

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