Schon fast ein Ver­mächt­nis

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Von ste­fan braun

In der Re­de zum 80. Jah­res­tag der Po­grom­nacht er­in­nert Kanz­le­rin Mer­kel an die Schre­cken der Schoah. Zugleich lie­fert sie ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, was sie von der AfD hält – und von der Ge­sell­schaft er­war­tet

Ber­lin – Am An­fang ste­hen ein­zel­ne, kur­ze, trau­ri­ge Ge­schich­ten. Vier jun­ge Mit­glie­der der jü­di­schen Ge­mein­de tra­gen sie vor und Hun­der­te Gäs­te hö­ren still zu. Zwei Frau­en und zwei Män­ner zi­tie­ren Ta­ge­buch­ein­trä­ge, Brie­fe, Hil­fe­ru­fe aus dem Jahr 1938; es sind Auf­zeich­nun­gen deut­scher Ju­den, die um ih­re An­ge­hö­ri­gen oder das ei­ge­ne Le­ben fürch­ten.

Da ist der da­mals 13-jäh­ri­ge Heinz Ne­u­mann; er be­rich­tet ei­nem Freund von den Um­stän­den rund um sei­ne Bar-Mitz­waFei­er. Da ist ei­ne jun­ge Frau, sie hat ge­ra­de ih­ren 18. Ge­burts­tag ge­fei­ert; sie schreibt ei­nen Ab­schieds­brief an ih­re El­tern, be­vor sie ins Schiff nach Ame­ri­ka steigt. Und da ist der Mitt­zwan­zi­ger Erich Lipp­mann; er ist in die USA ge­flo­hen und bit­tet nun in ei­nem Brief den US-Bot­schaf­ter, er mö­ge doch hel­fen, sei­ne Mut­ter in die USA zu ho­len. Kei­ne Ge­schich­te er­zählt schon vom gan­zen Aus­maß der Ka­ta­stro­phe; aber je­de zeigt, was los war in Deutsch­land 1938.

Al­le wich­ti­gen Ver­tre­ter des Staa­tes sind am Frei­tag in Ber­lins gro­ße, wie­der auf­ge­bau­te Sy­nago­ge ge­kom­men, um an die Reichs­po­grom­nacht vor acht­zig Jah­ren zu er­in­nern. Bun­des­prä­si­dent, Bun­des­tags­prä­si­dent, Bun­des­rats­prä­si­dent – sie al­le sit­zen in der ers­ten Rei­he und zei­gen auf die­se Wei­se, wie ernst es ih­nen da­mit

Mer­kel sieht die Ge­fahr, dass „schreck­li­che Feh­ler“wie­der­holt wer­den könn­ten

ist, an die Schre­cken zu er­in­nern. Doch als die Kanz­le­rin auf­steht, um ih­re Re­de zu hal­ten, wird deut­lich, dass sich An­ge­la Mer­kel noch mehr vor­ge­nom­men hat. Sie lie­fert an die­sem Vor­mit­tag im No­vem­ber das, was man als ihr po­li­ti­sches Ver­mächt­nis be­zeich­nen könn­te: Ih­re Ant­wort auf die neu­en Rechts­ra­di­ka­len im Land – und auf die Fra­ge, wie die Ge­sell­schaft auf die neue Het­ze, den neu­en Ras­sis­mus, den neu­en An­ti­se­mi­tis­mus re­agie­ren soll­te.

Na­tür­lich er­in­nert die Kanz­le­rin zual­ler­erst an die Schre­cken der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938 und an „das Grau­en des Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruchs der Schoah“. Aber sehr bald spricht Mer­kel über die Vor­ge­schich­te. Sie er­in­nert dar­an, wo­hin es führ­te, dass „im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein zu­vor straf­ba­res Ver­hal­ten erst ge­dul­det und schließ­lich zum er­wünsch­ten Ver­hal­ten er­klärt“wur­de. Sie ver­weist auf die Tat­sa­che, dass „im­mer schon ge­heg­te Vor­ur­tei­le nun un­ge­straft in of­fe­ne Ge­walt um­schla­gen“konn­ten. Mer­kel nennt die AfD nicht ein ein­zi­ges Mal beim Na­men. Aber je län­ger die Kanz­le­rin re­det, des­to kla­rer wird, dass sie die Ver­gan­gen­heit auf die Ge­gen­wart über­trägt. Nicht in­dem sie es gleich­setzt, aber in­dem sie an schlei­chend al­les ver­gif­ten­de Wirk­mäch­te er­in­nert.

Und dann ent­wirft die Kanz­le­rin ei­ne rhe­to­ri­sche Fi­gur, mit der sie al­len in der Sy­nago­ge den Spie­gel vor­hält. Was, so fragt sie, wer­den Men­schen im nächs­ten Jahr­hun­dert über die­se Welt den­ken, wenn sie zu­rück­bli­cken? „Ei­ne Welt“, so Mer­kel, „die wie­der be­droht ist, das Ge­mein­wohl aus dem Au­gen zu ver­lie­ren, weil sie Men­schen auf­grund ih­res Glau­bens, ih­rer Her­kunft, ih­res An­ders­seins aus­grenzt.“Mer­kels Pro­gno­se: Die­se Men­schen wer­den „mit völ­li­gem Un­ver­ständ­nis“auf die Welt bli­cken. Und da­zu mit „ei­nem Be­dau­ern für uns“, weil „wir im­mer noch oder wie­der in der Ge­fahr ste­hen, schreck­li­che Feh­ler zu wie­der­ho­len – und er­fah­ren müs­sen, wo­hin die Spal­tungs­ver­su­che ei­ni­ger we­ni­ger füh­ren kön­nen“.

Der Na­me AfD fällt kein ein­zi­ges Mal. Trotz­dem nimmt sie prin­zi­pi­ell Stel­lung. Et­wa mit ih­ren Wor­ten zu dem Um­gang mit Flücht­lin­gen: „So wie es nie­mals ei­nen Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen mus­li­mi­sche Men­schen ge­ben darf, weil im Na­men ih­rer Re­li­gi­on Ge­walt aus­ge­übt wird, so ist zugleich klar, dass sich je­der, der in un­se­rem Land lebt, zu den Wer­ten un­se­res Grund­ge­set­zes be­ken­nen muss.“

Am En­de singt der Kan­tor der jü­di­schen Ge­mein­de. Es ist ein ein­zi­ger Trau­er­ge­sang. Mi­nu­ten­lang.

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