Zu­hö­ren statt lau­schen

Die Lan­des­äm­ter für Ver­fas­sungs­schutz wen­den sich ge­gen ei­ne Be­ob­ach­tung des Mo­schee­ver­bands Di­tib – sie wol­len lie­ber im Dia­log blei­ben

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Ge­org mas­co­lo, ro­nen stein­ke

Ber­lin – Die Be­zie­hung des deut­schen Staa­tes zum größ­ten Mo­schee­ver­band ist schon lan­ge kühl, manch­mal auch of­fen kon­fron­ta­tiv. Den ganz gro­ßen Bruch aber soll es nun of­fen­bar nicht ge­ben. Im Sep­tem­ber wur­de be­kannt, dass das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz die Di­tib als so­ge­nann­ten Prüf­fall ein­ge­stuft hat­te – und da­für plä­dier­te, den Ver­band mit Ge­heim­dienst­mit­teln zu über­wa­chen. Dem ha­ben nun nach In­for­ma­tio­nen von Süd­deut­scher Zei­tung, NDR und WDR prak­tisch al­le Lan­des­äm­ter für Ver­fas­sungs­schutz wi­der­spro­chen, teils ver­hal­ten, teils sehr deut­lich. Wür­de der Bund an sei­nem Plan fest­hal­ten, wä­re er ziem­lich al­lein.

Die Län­der sind vor al­lem von der Be­grün­dung nicht über­zeugt. Die Ab­tei­lung 6 des Bun­des­amts, zu­stän­dig für Is­la­mis­mus, woll­te ge­gen Di­tib we­gen Ex­tre­mis­mus­ver­dachts er­mit­teln. Mög­lich wä­re dann der Ein­satz von V-Leu­ten und um­fas­sen­den Ab­hör­ak­tio­nen. Die Län­der hal­ten das für den fal­schen Weg. Bei Di­tib han­de­le es sich um tür­ki­sche Na­tio­na­lis­ten, nicht um re­li­giö­se Fa­na­ti­ker. Die Di­tib sei „im Le­ben“kei­ne re­li­giö­se Or­ga­ni­sa­ti­on, sag­te der Chef des nord­rhein-west­fä­li­schen Ver­fas­sungs­schut­zes, Burk­hard Frei­er, in die­ser Wo­che der Ka­tho­li­schen Nach­rich­ten­agen­tur. Ei­ne an­de­re Kri­tik

Nur we­gen des Ver­dachts der Spio­na­ge sol­len ein­zel­ne Ima­me be­ob­ach­tet wer­den

an Di­tib tei­len da­ge­gen vie­le – und so zeich­net sich ein Weg ab, wie die Or­ga­ni­sa­ti­on im Blick be­hal­ten wer­den könn­te, oh­ne den Dia­log mit ihr ab­zu­bre­chen. Ei­ni­ge Di­tib-Ima­me sol­len in Deutsch­land ge­gen Kri­ti­ker der tür­ki­schen Re­gie­rung spio­niert ha­ben. Sie nun ihm Rah­men der Spio­na­ge­ab­wehr zu be­ob­ach­ten, fin­det brei­te Zu­stim­mung. Dann wür­de man aber ge­gen Ein­zel­per­so­nen er­mit­teln. Nicht ge­gen den ge­sam­ten Ver­band. Im Blick­feld des Ver­fas­sungs­schut­zes: die Di­tib-Zen­tral­mo­schee in Köln.

Be­son­ders die Län­der mit gro­ßen Di­ti­bLan­des­ver­bän­den sol­len den Vor­stoß des Bun­des­amts als über­zo­gen kri­ti­siert ha­ben. Ne­ben Nord­rhein-West­fa­len sind dies vor al­lem Bay­ern, Nie­der­sach­sen und Rhein­land-Pfalz. Ham­burg hat 2013 so­gar ei­nen Staats­ver­trag mit Di­tib ge­schlos­sen, die­ser re­gelt den Re­li­gi­ons­un­ter­richt, den Bau von Mo­sche­en und die Trä­ger­schaft von Kin­der­ta­ges­stät­ten. Die­se Zu­sam­men­ar­beit wür­de tor­pe­diert, wenn man Di­tib gleich­zei­tig für ex­tre­mis­tisch er­klä­ren wür­de. Auch aus der Deut­schen Is­lam­kon­fe­renz müss­te Di­tib dann wohl aus­schei­den. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz hat­te im Au­gust ein Dos­sier an die Lan­des­äm­ter her­aus­ge­schickt, ein 66 Sei­ten star­kes Di­tib-Sün­den­re­gis­ter, das Ver­bin­dun­gen zur tür­kisch-na­tio­na­lis­ti­schen Be­we­gung Mil­lî Gö­rüş und zu den rechts­ex­tre­men Grau­en Wöl­fen auf­zeig­te.

Of­fen ist, wie sich nun das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz ent­schei­den wird. Bleibt es bei sei­ner Ein­schät­zung und wagt ei­nen Al­lein­gang, um Di­tib in Gän­ze be­lau­schen zu kön­nen? Die Über­le­gung, ge­gen den Ver­band vor­zu­ge­hen, war schließ­lich nicht nur ein Pro­jekt des da­ma­li­gen Ver­fas­sungs­schutz­chefs Hans-Ge­org Maa­ßen, wie man­che spe­ku­lier­ten. Auch sein In­te­rims­nach­fol­ger Tho­mas Hal­den­wang er­klär­te im In­nen­aus­schuss des Bun­des­ta­ges, es ge­be „deut­li­che An­halts­punk­te da­für, dass man in die Über­le­gun­gen ein­tre­ten könn­te, Di­tib zu ei­nem so­ge­nann­ten Ver­dachts­fall zu ma­chen“.

Da­von un­be­rührt bleibt der Kurs des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums. We­gen der zu­neh­men­den Po­li­ti­sie­rung des Mo­schee­ver­ban­des seit dem ver­ei­tel­ten Putsch­ver­such in der Tür­kei im Ju­li 2016 hat das Mi­nis­te­ri­um sei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Di­tib bei In­te­gra­ti­ons­pro­jek­ten auf Eis ge­legt. In­te­gra­ti­ons­staats­mi­nis­te­rin An­net­te Wid­mann-Mauz (CDU) ver­langt im Ge­spräch mit der SZ, die deut­schen Di­tib-Mit­glie­der müss­ten sich „von An­ka­ra lö­sen“.

AFP

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