Spio­na­ge in Ös­ter­reichs Streit­kräf­ten

Ein pen­sio­nier­ter Oberst aus Salz­burg soll In­for­ma­tio­nen nach Mos­kau ge­lie­fert ha­ben

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 POLITIK - Pe­ter münch

Wi­en – Ein Spio­na­ge­fall im Bun­des­heer droht die sonst sorg­sam ge­pfleg­ten Be­zie­hun­gen zwi­schen Ös­ter­reich und Russ­land ernst­haft zu be­las­ten. Wie Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP) und FPÖVer­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ma­rio Ku­na­sek auf ei­ner ei­lig ein­be­ru­fe­nen Pres­se­kon­fe­renz am Frei­tag­mor­gen be­rich­te­ten, soll ein in­zwi­schen pen­sio­nier­ter Oberst mehr als 20 Jah­re lang bis 2018 In­for­ma­tio­nen nach Mos­kau ge­lie­fert ha­ben. „Spio­na­ge ist in­ak­zep­ta­bel“, sag­te Kurz, „und rus­si­sche Spio­na­ge in Eu­ro­pa ist auch in­ak­zep­ta­bel.“

Die Alarm­stim­mung in Wi­en wird nicht nur durch die­sen Auf­tritt von Kanz­ler und Mi­nis­ter im Mor­gen­grau­en do­ku­men­tiert. Ver­kün­det wur­de auch so­gleich die Ab­sa­ge des für An­fang De­zem­ber ge­plan­ten Be­suchs von Au­ßen­mi­nis­te­rin Ka­rin Kn­eissl in Mos­kau. Kurz be­ton­te zwar mehr­mals, es ge­he zu­nächst nur um ei­nen Ver­dacht, doch er ge­he da­von aus, „dass sich der Ver­dacht be­stä­tigt“. Auf Fra­gen nach mög­li­chen Sank­tio­nen ant­wor­te­te er: „Wir wer­den das wei­te­re Vor­ge­hen mit un­se­ren eu­ro­päi­schen Part­nern be­spre­chen“. Klar sei, dass ein sol­cher Vor­fall das Ver­hält­nis zu Russ­land „nicht ver­bes­sern“wer­de.

Das sind un­ge­wöhn­li­che Tö­ne, weil Kurz und sei­ne Re­gie­rung an­sons­ten stets auf be­son­ders en­ge Be­zie­hun­gen zu Mos­kau Wert le­gen. Als die meis­ten eu­ro­päi­schen Part­ner im März als Re­ak­ti­on auf den Gift­an­schlag auf den eins­ti­gen Agen­ten Ser­gej Skri­pal in Groß­bri­tan­ni­en in ei­ner kon­zer­tier­ten Ak­ti­on rus­si­sche Di­plo­ma­ten aus­wie­sen, mach­te Wi­en nicht mit. Zur Be­grün­dung hieß es, Ös­ter­reich sei „ein neu­tra­les Land und sieht sich als Brü­cken­bau­er zwi­schen Ost und West“. Vor al­lem die FPÖ pflegt en­ge Kon­tak­te nach Mos­kau in­klu­si­ve ei­nes Freund­schafts­ver­trags mit der Kreml-Par­tei Ei­ni­ges Russ­land. Im Som­mer hat­te der Be­such Pu­tins als Eh­ren­gast auf der Hoch­zeit von Au­ßen­mi­nis­te­rin Kn­eissl jen­seits von Wi­en für Ir­ri­ta­tio­nen ge­sorgt.

Wi­en klingt alar­miert – legt es doch an­sons­ten Wert auf die gu­ten Be­zie­hun­gen zu Russ­land

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ku­na­sek teil­te nun mit, der Hin­weis auf ei­nen Spi­on bei den Streit­kräf­ten sei von ei­nem be­freun­de­ten aus­län­di­schen Di­enst ge­kom­men. Der Stan­dard will er­fah­ren ha­ben, dass der Tipp aus Deutsch­land kam. Das Ab­wehr­amt, ei­ner der bei­den Nach­rich­ten­diens­te des ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­heers, hat dem Mi­nis­ter zu­fol­ge dann den Ver­däch­ti­gen aus­fin­dig ge­macht und um­fang­rei­ches tech­ni­sches Ma­te­ri­al si­cher­ge­stellt. In ver­schie­de­nen Me­dien­be­rich­ten si­cker­te durch, dass es sich bei dem Mann um ei­nen vor fünf Jah­ren pen­sio­nier­ten Of­fi­zier aus Salz­burg han­delt. Der Erst­kon­takt mit dem rus­si­schen Ge­heim­dienst soll in der ira­ni­schen Haupt­stadt Te­he­ran statt­ge­fun­den ha­ben, ins­ge­samt ha­be der heu­te 70-Jäh­ri­ge et­wa 300 000 Eu­ro aus Mos­kau er­hal­ten. Da­für soll er In­for­ma­tio­nen über Waf­fen­sys­te­me, spä­ter auch über die Mi­gra­ti­ons­si­tua­ti­on in Ös­ter­reich ge­lie­fert und de­tail­lier­te Per­sön­lich­keits­pro­fi­le hoch­ran­gi­ger Of­fi­zie­re er­stellt ha­ben. Er soll noch ver­sucht ha­ben, be­las­ten­des Ma­te­ri­al zu ver­nich­ten, nun aber ge­stän­dig sein.

Es sei „noch nicht klar“, ob es sich um ei­nen Ein­zel­fall han­de­le, sag­te Ku­na­sek. Man müs­se nun das Si­cher­heits­netz in Ös­ter­reich „noch en­ger schnü­ren“. Kurz ver­wies mehr­mals auf ei­nen Fall in den Nie­der­lan­den, wo kürz­lich vier rus­si­sche Spio­ne aus­ge­wie­sen wor­den wa­ren. Sie sol­len ei­nen Ein­satz ge­gen die in Den Haag an­ge­sie­del­te Or­ga­ni­sa­ti­on für ein Ver­bot che­mi­scher Waf­fen (OPCW) ge­plant ha­ben. Das hat­te in­ner­halb von Na­to und EU zahl­rei­che em­pör­te Re­ak­tio­nen aus­ge­löst. Auch der ös­ter­rei­chi­sche Fall könn­te die eu­ro­päi­schen Part­ner wie­der auf den Plan ru­fen. Kurz for­der­te von Russ­land nun um­ge­hend „trans­pa­ren­te In­for­ma­tio­nen“.

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