Wem ge­hört 17 Black?

In Mal­ta schwelt ein Kor­rup­ti­ons­skan­dal, in des­sen Zen­trum zwei en­ge Ver­trau­te des Pre­mier­mi­nis­ters ste­hen. Nun kommt neu­es Licht in die Af­fä­re, in die auch Sie­mens ver­wi­ckelt ist

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 POLITIK - Mau­ri­ti­us much, han­nes mun­zin­ger, bas­ti­an ober­may­er

Val­let­ta – Ei­ne ein­fa­che Fra­ge lässt den St­abs­chef des mal­te­si­schen Pre­mier­mi­nis­ters die Flucht er­grei­fen: „Wem ge­hört 17 Black?“Es ist ein son­ni­ger Nach­mit­tag im Ju­ni, und Keith Schem­bri, der St­abs­chef, rund­lich, blau­er An­zug, Hai­fisch­kra­gen, eilt durch die Gas­sen der Alt­stadt von Val­let­ta, der Haupt­stadt Mal­tas, flan­kiert von drei Män­nern. Auf sei­nen Fer­sen ein Re­por­ter, der im­mer wie­der die­se Fra­ge stellt, ein Mal, zwei Mal, am En­de zehn Mal: „Wem ge­hört 17 Black?“

Schem­bri ist das sicht­lich un­an­ge­nehm, fast je­der kennt ihn hier, im­mer­hin ist er ei­ner der mäch­tigs­ten Män­ner des Lan­des. Und wenn er die Ant­wort auf die Fra­ge des Jour­na­lis­ten weiß, könn­te ihn das sein Amt kos­ten, oder so­gar die Frei­heit. Denn Schem­bris heim­li­che Brief­kas­ten­fir­ma soll­te, laut ei­ner No­tiz in den „Pa­na­ma Pa­pers“, von ei­ner rät­sel­haf­ten Fir­ma na­mens 17 Black ei­ne Mil­lio­nen­sum­me be­kom­men. Da­zu kam es am En­de nie, of­fen­bar weil die Pa­na­ma Pa­pers dem Ge­schäft zeit­lich zu­vor­ka­men – aber Schem­bri konn­te den Ver­dacht, dass sei­ne Fir­ma ur­sprüng­lich von die­ser ob­sku­ren Fir­ma Geld be­kom­men soll­te, nie ent­kräf­ten.

Seit mehr als zwei Jah­ren schwelt in Mal­ta ein Kor­rup­ti­ons­skan­dal, in des­sen Zen­trum die zwei engs­ten Ver­trau­ten des Pre­mier­mi­nis­ters Jo­seph Mu­s­cat ste­hen: be­sag­ter St­abs­chef Schem­bri und Tou­ris­mus­mi­nis­ter Kon­rad Miz­zi. Miz­zi war bis 2016 Ener­gie­mi­nis­ter und setz­te sich zu­sam­men mit Schem­bri seit sei­nem Amts­an­tritt 2013 für ein 450 Mil­lio­nen Eu­ro schwe­res Kraft­werks­pro­jekt ein. Den Auf­trag be­kam das Kon­sor­ti­um Elec­tro­gas – ein Zu­sam­men­schluss von Sie­mens, der staat­li­chen Öl­ge­sell­schaft Aser­bai­dschans und von mal­te­si­schen In­ves­to­ren. Sie­mens ist bis heu­te an dem Pro­jekt be­tei­ligt.

Wem al­so ge­hört 17 Black? Nach Er­kennt­nis­sen der SZ und wei­te­rer Me­di­en könn­te aus­ge­rech­net ei­ner der In­ves­to­ren des 450-Mil­lio­nen­pro­jekts hin­ter der Fir­ma ste­cken: Yor­gen Fen­ech, ei­ner der Vor­stän­de des Elec­tro­gas-Kon­sor­ti­ums. Je­ner Fen­ech wird in ei­ner Bank-Kor­re­spon­denz, die auch die SZ ein­se­hen konn­te, als 17-Black-Ei­gen­tü­mer ge­nannt. Er war bis da­hin nicht durch Ex­per­ti­se im Ener­gie­sek­tor auf­ge­fal­len; er be­trieb Ca­si­nos und Ho­tels. Nach­dem sein Fa­mi­li­en­be­trieb dann Ge­sell­schaf­ter des Elec­tro­gas-Kon­sor­ti­ums wur­de, zog er in den Vor­stand ein.

Meh­re­re Qu­el­len be­stä­tig­ten die­se In­for­ma­ti­on den Re­por­tern des Daph­ne-Pro­jekts – ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses von In­ves­ti­ga­tiv-Jour­na­lis­ten, der un­ter Fe­der­füh­rung der Or­ga­ni­sa­ti­on For­bid­den Sto­ries die Re­cher­chen der im ver­gan­ge­nen Jahr er­mor­de­ten mal­te­si­schen Jour­na­lis­tin Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia fort­führt. Auch die SZ ist Teil die­ser Ko­ope­ra­ti­on.

Mit den mal­te­si­schen Spit­zen­po­li­ti­kern Keith Schem­bri und Kon­rad Miz­zi be­fass­te sich Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia seit Jah­ren: 2016 ent­hüll­te sie, dass die bei­den kurz nach der Re­gie­rungs­über­nah­me der So­zi­al­de­mo­kra­ten 2013 Brief­kas­ten­fir­men in Pa­na­ma ein­ge­rich­tet hat­ten. In den Pa­na­ma Pa­pers fand sich dann ei­ne E-Mail, die – schein­bar – de­ren Zweck auf­deck­te: Die Pa­na­ma-Fir­men soll­ten laut den An­la­ge­be­ra­tern der Po­li­ti­ker mo­nat­li­che Zah­lun­gen in Hö­he von 150 000 Eu­ro er­hal­ten – und zwar von ei­ner Fir­ma na­mens 17 Black Li­mi­ted, an­ge­sie­delt in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten. Seit­her fragt sich ganz Mal­ta: Wem ge­hört 17 Black?

Soll­te Yor­gen Fen­ech tat­säch­lich der Ei­gen­tü­mer sein, führt das gleich zur nächs­ten „Ich be­ant­wor­te Ih­re dum­men Fra­gen seit fünf Jah­ren“: Keith Schem­bri, St­abs­chef des mal­te­si­schen Pre­miers, ist kein Freund neu­gie­ri­ger Re­por­ter. Fra­ge: War­um rech­nen die Be­ra­ter der bei­den Po­li­ti­ker da­mit, dass Fen­echs Fir­ma ih­nen Geld über­wei­sen will – noch da­zu ver­deckt? Die dem­nach ge­plan­ten Zah­lun­gen ei­nes der Pro­fi­teu­re des 450-Mil­lio­nen-Deals an be­tei­lig­te Po­li­ti­ker wür­den den schon lan­ge kur­sie­ren­den Ver­dacht näh­ren, dass im Rah­men des Pro­jekts Elec­tro­gas Schmier­geld ge­zahlt wer­den soll­te.

Die Mit­tel da­für wa­ren wohl vor­han­den: Re­por­ter des Daph­ne-Pro­jekts er­fuh­ren aus Ban­ken­krei­sen in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, dass zwi­schen 2014 und 2015 min­des­tens neun Mil­lio­nen Eu­ro über ein Kon­to von 17 Black bei der Noor Bank ge­flos­sen sein sol­len. Auch heu­te ver­fü­ge die Fir­ma auf dem Kon­to noch über bis zu drei Mil­lio­nen Dol­lar. Die Bank ha­be das Kon­to aber im letz­ten Mo­nat ge­sperrt und der na­tio­na­len Zen­tral­bank we­gen Geld­wä­sche­ver­dacht ge­mel­det.

Yor­gen Fen­ech be­strei­tet auf Nach­fra­ge nicht aus­drück­lich, dass ihm 17 Black ge­hört – wohl aber, dass er je ge­plant ha­be, Po­li­ti­kern Gel­der zu über­wei­sen, oder das ge­tan ha­be. Un­klar bleibt, ob über­haupt je Geld an die Pa­na­ma-Fir­men floss. Das Vor­ha­ben, Kon­ten für die bei­den Brief­kas­ten­fir­men der Po­li­ti­ker zu er­öff­nen, wur­de je­den­falls auf Eis ge­legt, als die Pa­na­maPa­pers-Ent­hül­lun­gen be­gan­nen.

Keith Schem­bri und Kon­rad Miz­zi tru­gen we­nig zur Klä­rung des Sach­ver­halts bei. Schem­bri sag­te der SZ und ih­ren Part­nern, 17 Black sei nur ein po­ten­zi­el­ler Ge­schäfts­part­ner ge­we­sen. Der ehe­ma­li­ge Ener­gie­mi­nis­ter Miz­zi sag­te, es ha­be kei­ne Ver­bin­dung zu 17 Black Li­mi­ted ge­ge­ben. Kon­fron­tiert mit ei­nem Screenshot der Pa­na­ma-Pa­pers-E-Mail, zwei­felt er die Au­then­ti­zi­tät der Do­ku­men­te an. So­wohl Miz­zi als auch Schem­bri er­klä­ren nun, nicht zu wis­sen, ob Fen­ech der Ei­gen­tü­mer sei.

Durch die neu­en Ent­hül­lun­gen muss sich auch Sie­mens Fra­gen ge­fal­len las­sen: War dem Kon­zern be­kannt, dass der ört­li­che Ge­schäfts­part­ner Fen­ech Ei­gen­tü­mer ei­ner Fir­ma ist, von der Gel­der an Brief­kas­ten­fir­men mal­te­si­scher Po­li­ti­kern flie­ßen soll­ten? Aus­ge­rech­net an den Mi­nis­ter und den St­abs­chef, die sich zu­vor für das Kraft­werks­pro­jekt ein­ge­setzt hat­ten? Auf all das hät­te man ger­ne Ant­wor­ten – al­ler­dings wei­ger­te sich Sie­mens, kon­kre­te Fra­gen der SZ zum The­ma 17 Black zu be­ant­wor­ten. Die Be­grün­dung: Sie­mens ste­he „in kei­ner Ge­schäfts­be­zie­hung zu die­sem Un­ter­neh­men“.

Die Ver­fol­gungs­jagd im Ju­ni en­de­te mit dem Ver­schwin­den Schem­bris im Amts­ge­bäu­de des Pre­mier­mi­nis­ters. Auf die Fra­ge, war­um er nicht ant­wor­ten wol­le, rief er dem Jour­na­lis­ten noch zu: „Ich be­ant­wor­te Ih­re dum­men Fra­gen seit fünf Jah­ren.“

FO­TO: D. Z. LU­PI/REU­TERS

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