Und die Welt sieht zu

In Je­men to­ben die schwers­ten Ge­fech­te seit Mo­na­ten, Hun­der­te Men­schen sind um­ge­kom­men. Die Ver­ein­ten Na­tio­nen be­fürch­ten ei­ne Hun­gers­not

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Paul-an­ton krü­ger

Mün­chen – Die Hoff­nun­gen auf ei­ne bal­di­ge Waf­fen­ru­he in Je­men ha­ben sich zer­schla­gen. Ei­ne Wo­che nach dem Auf­ruf von US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ja­mes Mat­tis und Au­ßen­mi­nis­ter Micha­el Pom­peo an die Kriegs­par­tei­en, bin­nen 30 Ta­gen Frie­dens­ge­sprä­che zu be­gin­nen, to­ben die schwers­ten Ge­fech­te seit Mo­na­ten um die Ha­fen­stadt Ho­deidah. Zu­dem bra­chen Kämp­fe an der Front im Lan­des­in­ne­ren aus, die drei Jah­re lang ru­hig war.

Am Don­ners­tag re­agier­te der UN-Son­der­ge­sand­te Mar­tin Grif­fiths: Er ver­schob ei­ne neue Ver­hand­lungs­run­de bis En­de des Jah­res, die er ei­gent­lich bis En­de des Mo­nats hat­te zu­sam­men­brin­gen wol­len. Zugleich wol­len sich die UN nun auf ei­nen Plan kon­zen­trie­ren, um ei­ne groß­flä­chi­ge Hun­gers­not in Je­men ab­zu­wen­den.

Hat­ten im Som­mer von den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten un­ter­stütz­te Mi­li­zen die ers­te Groß­of­fen­si­ve auf Ho­deidah an­ge­führt, sind es nun Kämp­fer, die dem in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Prä­si­den­ten Abd Rab­bo Ma­sur Ha­di na­he­ste­hen und von Sau­di-Ara­bi­en un­ter­stützt wer­den, wie west­li­che Di­plo­ma­ten und Mit­ar­bei­ter von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen be­rich­ten. Sie ha­ben wo­mög­lich kein In­ter­es­se an Ver­hand­lun­gen, die dar­auf hin­aus­lau­fen wür­den, Ha­di zu er­set­zen, der nicht ein­mal die Un­ter­stüt­zung der Emi­ra­te ge­nießt.

Sie ver­su­chen, Ho­deidah ein­zu­kes­seln und da­mit den auf­stän­di­schen Huthi-Mi­li­zen die Ver­bin­dun­gen in den Nor­den und Nord­os­ten ab­zu­schnei­den. Bei den Kämp­fen star­ben in den ver­gan­ge­nen zehn Ta­gen meh­re­re Hun­dert Men­schen. Der Ha­fen, über den mehr als 70 Pro­zent al­ler Le­bens­mit­tel und Hilfs­gü­ter ins Land ge­lan­gen, blieb bis­lang ver­schont. Dort wur­den auch wei­ter Schif­fe ent­la­den.

Die neu­en Kämp­fe ha­ben Zwei­fel ge­weckt, ob die USA be­reit sind, Druck auf Ri­ad und Abu Dha­bi zu ma­chen. Die von den bei­den Golf­staa­ten an­ge­führ­te Mi­li­tär­ko­ali­ti­on flog bis zu 200 Luft­an­grif­fe pro Tag, was oh­ne Zu­tun der USA schwer vor­stell­bar ist. Die Ko­ali­ti­on ließ wis­sen, sie be­zie­he nur „de­fen­si­ve Po­si­tio­nen“. Das aber ist an­ge­sichts der Vor­stö­ße we­nig glaub­haft.

Mil­lio­nen Staats­be­diens­te­te ha­ben seit zwei Jah­ren kei­ne Ge­häl­ter mehr be­kom­men

Das „Schwei­gen ih­rer in­ter­na­tio­na­len Un­ter­stüt­zer ist oh­ren­be­täu­bend“, sagt Frank McMa­nus, Län­der­di­rek­tor des In­ter­na­tio­nal Res­cue Com­mit­tee, der größ­ten Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on in Je­men. Tat­säch­lich ha­be sich die Si­tua­ti­on ver­schlech­tert, vor al­lem im Gou­vern­o­rat Ho­deidah, wo wie­der Zehn­tau­sen­de auf der Flucht sind. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal be­schul­dig­te die Hut­his, sich in Kran­ken­häu­sern zu ver­schan­zen und so das hu­ma­ni­tä­re Völ­ker­recht zu bre­chen. Die USA er­wä­gen laut Wa­shing­ton Post, die Hut­his zur Ter­ror­grup­pe zu er­klä­ren, was die Ver­mitt­lungs­ver­su­che der UN wei­ter er­schwe­ren könn­te.

Die Lie­fe­rung von Le­bens­mit­teln ist nicht un­ter­bro­chen, al­ler­dings ha­ben der Ver­fall der Wäh­rung und der Zu­sam­men­bruch der Wirt­schaft da­zu ge­führt, dass sich Mil­lio­nen Je­me­ni­ten nicht mehr sel­ber ver­sor­gen kön­nen. Muss­ten sie im Au­gust noch et­wa 500 Ri­al für ei­nen Dol­lar be­zah­len, wa­ren es jüngst bis zu 800. Da 90 Pro­zent al­ler Le­bens­mit­tel ein­ge­führt wer­den müs­sen, stei­gen die Prei­se, so­bald der Ri­al nach­gibt. Vie­le ha­ben kei­ne Ar­beit mehr oder zu­min­dest kei­ne aus­rei­chen­den Ein­künf­te. Zu­dem ha­ben die Men­schen ih­re Re­ser­ven auf­ge­zehrt.

Der Staat als wich­tigs­ter Ar­beit­ge­ber hat sei­nen sie­ben Mil­lio­nen Be­diens­te­ten über­wie­gend seit zwei Jah­ren kei­ne Ge­häl­ter mehr ge­zahlt. Für die Kri­se wird Prä­si­dent Ha­di ver­ant­wort­lich ge­macht, der die Zen­tral­bank un­ter sei­ne Kon­trol­le ge­bracht hat und ih­re Gut­ha­ben nach Sau­di­Ara­bi­en trans­fe­rie­ren ließ.

In­zwi­schen ist die Hälf­te der Be­völ­ke­rung, 14 Mil­lio­nen Je­me­ni­ten, von ei­ner aku­ten Hun­gers­not be­droht. Zwar ster­ben je­den Tag Men­schen an Hun­ger, vor al­lem Kin­der. Of­fi­zi­ell ru­fen die UN ei­ne Hun­gers­not aber erst aus, wenn 20 Pro­zent der Haus­hal­te un­ter ex­tre­mer Le­bens­mit­tel­knapp­heit und mehr als 30 Pro­zent al­ler Kin­der un­ter fünf Jah­ren an aku­ter Man­gel­er­näh­rung lei­den und über­dies pro Tag mehr als zwei von 10 000 Men­schen an Hun­ger ster­ben. Das Wel­ter­näh­rungs­pro­gramm (WFP) will nun sei­ne Hilfs­lie­fe­run­gen ver­dop­peln. Statt sie­ben bis acht Mil­lio­nen Je­me­ni­ten sol­len künf­tig 14 Mil­lio­nen Es­sens­ra­tio­nen er­hal­ten, kün­dig­te ein Spre­cher an. Al­ler­dings er­for­dert dies ei­ne groß an­ge­leg­te lo­gis­ti­sche Ope­ra­ti­on, zu­sätz­li­che Mit­ar­bei­ter, Trans­port­mög­lich­kei­ten, Si­cher­heits­vor­keh­run­gen und mehr Geld.

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