20 Jah­re nach der Tat

Staats­an­walt for­dert le­bens­lan­ge Haft für Mord an Mäd­chen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 12 PANORAMA - Su­san­ne höll

Gie­ßen – Mehr als zwei St­un­den hat Rick J. ver­stei­nert auf der An­kla­ge­bank ge­ses­sen, vor sich ei­ne Ak­te, ei­nen Stift in der re­gungs­lo­sen Hand. Erst als ihm das letz­te Wort in ei­nem der ei­gen­tüm­lichs­ten Tö­tungs­pro­zes­se ge­ge­ben wird, spürt man Auf­re­gung. Der 42-Jäh­ri­ge nes­telt am Mi­kro­fon und lehnt ei­ne län­ge­re Stel­lung­nah­me ab. „An­ge­sichts des­sen, was ich an Leid und Schmerz an­ge­rich­tet ha­be, kann al­les, was ich sa­ge, nur lä­cher­lich wir­ken“, sagt er mit ge­bro­che­ner Stim­me.

Die Plä­doy­ers des Staats­an­walts, der Ne­ben­kla­ge und selbst sei­ner Ver­tei­di­ger ha­ben ihm zu­ge­setzt. Sein elen­des und rui­nier­tes Le­ben wur­de aber­mals aus­ge­brei­tet. In­tel­li­gent und ge­bil­det, ab­ge­rutscht in sei­nen Zwan­zi­gern, ar­beits­los, dro­gen­und spiel­süch­tig, be­herrscht von se­xu­ell ab­nor­mem Ver­hal­ten, ei­ner Vor­lie­be für jun­ge Mäd­chen und Kin­der­por­nos. Rick J. muss da­mit rech­nen, bis zu sei­nem Tod hin­ter Git­tern zu blei­ben. An­klä­ger Tho­mas Hau­bur­ger for­dert le­bens­lan­ge Haft für die Ent­füh­rung und Er­mor­dung der acht Jah­re al­ten Jo­han­na Boh­na­cker im Jahr 1999 in Mit­tel­hes­sen. Das Mäd­chen wur­de tot ge­fun­den, ge­fes­selt mit Stri­cken, den Kopf ver­klebt mit me­ter­lan­gem Kle­be­band. Der An­ge­klag­te hat­te sie in sein Au­to ge­zerrt, mit dem Ziel, sie zu miss­brau­chen.

Der Fall sorg­te für Auf­se­hen, vom Tä­ter fehl­te fast zwei Jahr­zehn­te je­de Spur. Erst ei­ne bi­zar­re Ent­de­ckung in ei­nem Mais­feld in der Ge­gend brach­te 2017 den ent­schei­den­den Hin­weis. Rick J. hat­te ein 14 Jah­re al­tes, geis­tig of­fen­kun­dig zu­rück­ge­blie­be­nes Mäd­chen ge­fes­selt und sie zu se­xu­el­len Spie­len ge­nö­tigt. Die Spur auf dem Kle­be­band stimm­te mit ei­nem Ab­druck über­ein, den die Er­mitt­ler sei­ner­zeit bei den Fes­seln von Jo­han­na ge­fun­den hat­ten. Nach 18 Jah­ren räum­te der An­ge­klag­te ein, das Kind im Dro­gen­rausch ver­schleppt zu ha­ben, be­haup­te­te in et­li­chen wi­der­sprüch­li­chen Aus­sa­gen aber, er ha­be sie nicht vor­sätz­lich ge­tö­tet, sie im Kof­fer­raum sei­nes Au­tos viel­mehr tot auf­ge­fun­den. Sein Ver­tei­di­ger for­dert des­halb ei­ne Stra­fe we­gen Tot­schlags, es wä­ren ma­xi­mal 15 Jah­re. Sei­nem Man­da­ten at­tes­tier­te er ein zu­letzt aso­zia­les Le­ben. Und er schlägt vor, Rick J. we­gen sei­ner Dro­gen­sucht in ei­ne Ent­zugs­kli­nik zu brin­gen.

„Ein Ver­lie­rer hat Herr über Le­ben und Tod ge­spielt“, sagt die Mut­ter des Mäd­chens

Wäh­rend des Plä­doy­ers der Ver­tei­di­gung schüt­telt Gabriele Boh­na­cker den Kopf. Die Mut­ter von Jo­han­na ist zu­sam­men mit ih­rem mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Mann und ih­ren an­de­ren bei­den Töch­tern 18 Jah­re durch die Höl­le ge­gan­gen. Zwi­schen­zeit­lich stan­den auch sie und ihr Mann im Ver­dacht, für den Tod des Kin­des ver­ant­wort­lich zu sein. An all dies er­in­nert die Ju­ris­tin, die als Ne­ben­klä­ge­rin auf­tritt. Er­staun­lich ge­fasst in ih­rer tie­fen Trau­er zeich­net sie ein Bild ih­rer fröh­li­chen Toch­ter, die Op­fer wur­de, weil sie zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort ge­we­sen war. „Ein Ver­lie­rer hat Herr über Le­ben und Tod ge­spielt“, sagt sie zu Rick J. Der schaut sie nicht an, sitzt ver­stei­nert auf sei­nem Stuhl, hält sich an sei­nem Ku­gel­schrei­ber fest. Das Ur­teil wird am 19. No­vem­ber er­war­tet.

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