So­phia Lö­sche

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI -

An die­ser Aral-Tank­stel­le in Schkeu­ditz, die na­he dem Flug­ha­fen Leip­zig liegt, wird So­phia Lö­sche am Don­ners­tag, den 14. Ju­ni 2018, ge­gen 18.20 Uhr von ei­nem Last­wa­gen­fah­rer mit­ge­nom­men. Ein­ein­halb St­un­den spä­ter sen­det sie ei­nem Freund ein Zwin­kers­mi­ley und ei­ne Text­nach­richt mit ih­rem Han­dy, dass der Fah­rer „Bob“hei­ße und aus Ma­rok­ko stam­me. Es ist ihr letz­tes Le­bens­zei­chen. Ein Va­ter möch­te sei­ne Toch­ter am Bahn­hof in Am­berg ab­ho­len. Die 28-Jäh­ri­ge stu­diert in Leip­zig und trampt oft heim in die baye­ri­sche Kle­in­stadt. Nur für die letz­te Stre­cke nimmt sie die Bahn. Es ist Don­ners­tag­abend, nach 23 Uhr, der letz­te Zug kommt. Doch So­phia steigt nicht aus. Der Va­ter geht nach Hau­se. Am nächs­ten Mor­gen ruft er sei­nen Sohn an, So­phi­as Bru­der: „So­phia ist ges­tern Abend nicht an­ge­kom­men.“Der Sohn, Andre­as Lö­sche, 50 Jah­re alt, re­agiert so­fort. Es ist Frei­tag, der 15. Ju­ni 2018, als die Su­che be­ginnt.

Schon sechs Ta­ge spä­ter en­det sie mit der er­schüt­tern­den Ge­wiss­heit: So­phia Lö­sche ist tot, ver­mut­lich schon seit der Nacht ih­res Ver­schwin­dens. Der mut­maß­li­che Tä­ter, ein aus Ma­rok­ko stam­men­der Lkw-Fah­rer, wird in Spa­ni­en ver­haf­tet. Fast je­de Spur und je­den Hin­weis, die zu ihm füh­ren, ha­ben Andre­as Lö­sche und ein Team aus 80 Freun­den und Ver­wand­ten selbst er­mit­telt – nicht die Po­li­zei. Im In­ter­net ha­ben sie sich ver­bün­det, die Su­che ko­or­di­niert, bis sie den Tä­ter auf­spü­ren. Die Po­li­zei kann, als sie nach Ta­gen auf­holt mit ih­ren Er­mitt­lun­gen, den An­ge­hö­ri­gen nur prä­sen­tie­ren, was die längst schon wis­sen.

„Schon nach 90 St­un­den hat­ten wir den Haupt­ver­däch­ti­gen am Te­le­fon“, sagt Andre­as Lö­sche

Am Frei­tag, dem 15. Ju­ni, ist So­phia ei­ner von 250 bis 300 Men­schen, die auf deut­schen Po­li­zei­dienst­stel­len täg­lich als ver­misst ge­mel­det wer­den. Die Hälf­te taucht bin­nen Ta­gen oder Wo­chen wie­der auf. Nur drei Pro­zent blei­ben für im­mer ver­schwun­den. Die ers­ten 48 St­un­den sind die wich­tigs­ten, sagt die Sta­tis­tik, sa­gen Ex­per­ten. Da­nach sind vie­le Spu­ren kalt.

Frü­her konn­ten An­ge­hö­ri­ge nur hof­fen, dass die Po­li­zei ei­nen Er­folg beim Su­chen ver­mel­det. Heu­te bie­tet das In­ter­net Lai­en un­end­li­che Mög­lich­kei­ten. Im Kol­lek­tiv kön­nen sie Dok­tor­ar­bei­ten über­prü­fen, Le­xi­ka er­stel­len, Fil­me crowd­fun­den – und eben auch Ver­miss­te su­chen. Auf ei­ge­ne Faust, schnell und ef­fek­tiv wie nie. Die so­zia­len Netz­wer­ke sind zu ei­ner mäch­ti­gen Such­ma­schi­ne für Men­schen ge­wor­den. Aber wem nützt und wem scha­det das? Die Po­li­zei, dein Freund und Hel­fer – stimmt die­ser Satz über­haupt noch? Und wie soll man mit Trol­len und Fehl­in­for­ma­tio­nen um­ge­hen im Netz, mit Selbst­dar­stel­le­rei und Auf­merk­sam­keits­ha­sche­rei?

„Dank des Ein­sat­zes un­zäh­li­ger Frei­wil­li­ger“, sagt Andre­as Lö­sche,„hat­ten wir schon nach 90 St­un­den den Haupt­ver­däch­ti­gen am Te­le­fon. Bis zu die­sem Zeit­punkt gab es fak­tisch kei­ne Po­li­zei­ar­beit.“Er sitzt in sei­nem Haus bei Bam­berg. Hier und in Leip­zig hal­fen zwi­schen­zeit­lich bis zu 80 Men­schen, bil­de­ten ei­ne zi­vi­le Task Force. „Die Hilfs­be­reit­schaft war un­glaub­lich“, sagt Lö­sche, kur­ze graue Haa­re, die schma­len Schul­tern im Band-Shirt ei­ner BluesCom­bo, vor sich grü­nen Tee. „Wir konn­ten in­ner­halb von St­un­den fast pro­fes­sio­nel­le Struk­tu­ren auf­bau­en.“

Lö­sche ar­bei­tet als Tour­ma­na­ger für Bands. Für die Grü­nen sitzt er im Kreis­tag. Er ist auf Twit­ter, Face­book, und Ins­ta­gram ak­tiv. Es ge­lingt ihm, sehr sach­lich zu

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