Eva-Ma­ria Disch

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 14 BUCH ZWEI -

Nach­rich­ten-App „Te­le­gram“. Wie Pri­vat­de­tek­ti­ve ge­ben sie sich Auf­ga­ben: die Pfle­ge der Web­sei­ten, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Pres­se, die Über­set­zun­gen der Auf­ru­fe, das Sor­tie­ren von sinn­lo­sen und hilf­rei­chen Hin­wei­sen. Und sie schaf­fen es, die­ses En­ga­ge­ment vom In­ter­net auf die Stra­ße zu brin­gen. Dut­zen­de Hel­fer fah­ren Rast­stät­ten und Park­plät­ze ab, kle­ben Auf­ru­fe, te­le­fo­nie­ren mit Kran­ken­häu­sern. In­ner­halb von zwei Ta­gen hat Lö­sche mit sei­nen Mit­strei­tern ein dich­tes Netz aus­ge­wor­fen, um sei­ne Schwes­ter zu fin­den. Und schon bald be­last­ba­re Er­geb­nis­se er­ar­bei­tet. „Wir konn­ten So­phi­as Weg fast zwei­fels­frei re­kon­stru­ie­ren“, sagt er. „Bis zu ih­rer Lei­che.“

Be­vor die Po­li­zei über­haupt die Zu­stän­dig­kei­ten ge­klärt hat, wis­sen die SuchLai­en schon: Am Don­ners­tag, dem 14. Ju­ni, steigt So­phia Lö­sche um 18.20 Uhr an der Aral-Tank­stel­le in Leip­zig-Schkeu­ditz bei ei­nem Lkw-Fah­rer ein. Sie will nach Sü­den, Rich­tung Am­berg in der Ober­pfalz, zu ih­ren El­tern. Die 28-Jäh­ri­ge stu­dier­te in Leip­zig. Sie tramp­te oft. Am Tag ih­res Ver­schwin­dens trägt sie laut Such­auf­ruf: kur­ze Sports­horts von Adi­das, blau­es schul­ter­frei­es Ober­teil und wein­ro­te Schu­he (Mar­ke Hum­mel), auf­fäl­li­ge Fri­sur (kur­zer Po­ny, seit­lich ra­siert). Ge­gen 19.45 Uhr, ver­mut­lich auf Hö­he des Herms­dor­fer Kreu­zes in Thü­rin­gen, schreibt sie ei­nem Leip­zi­ger Freund über Te­le­gram, dass sie bei ei­nem Ma­rok­ka­ner na­mens Bob im Lkw sit­ze. Mit ei­nem Zwin­kers­mi­ley. Kein Hin­weis auf Ge­fahr.

Es ist ih­re letz­te Nach­richt.

Am Sams­tag, nach dem Hin­weis des pol­ni­schen Fah­rers, kommt das Leip­zi­ger Team auf die Idee, die Vi­deo­ka­me­ras der Tank­stel­le über­prü­fen zu las­sen. Doch der Päch­ter will oh­ne Po­li­zei kei­ne Bän­der her­aus­ge­ben. „So­phi­as Cou­si­ne hat die Leip­zi­ger Po­li­zei stun­den­lang be­kniet“, sagt Lö­sche, „dort­hin zu fah­ren und die Vi­de­os aus der Über­wa­chungs­ka­me­ra zu sich­ten.“End­lich kommt ein Strei­fen­wa­gen. Zu­sam­men spult man durch die Auf­nah­men und fin­det den Lkw, in den So­phia ein­ge­stie­gen ist. Er ist blau, in wei­ßer Schrift steht „Benn­trans“auf ihm. Es ist der Na­me ei­ner Spe­di­ti­on, die sich auf den Ver­kehr zwi­schen Eu­ro­pa und Ma­rok­ko spe­zia­li­siert hat. Lö­sche gibt die In­for­ma­tio­nen so­fort an die Po­li­zei wei­ter. Jetzt, Sams­tag ge­gen 17 Uhr, ha­ben so­wohl die Leip­zi­ger als auch Am 13. Ok­to­ber 2016 ver­ab­schie­det sich die zahn­me­di­zi­ni­sche Fachas­sis­ten­tin mor­gens in Ko­chel am See von ih­rem Mann. „Es war ein stink­nor­ma­ler Don­ners­tag“, sagt Ar­min Disch. Als der Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor am Abend nach Hau­se kommt, fehlt je­de Spur von sei­ner Frau. Ih­re Hand­ta­sche und das Han­dy fin­det er im Flur. Die Po­li­zei wei­gert sich, so­fort nach sei­ner Frau zu fahn­den. Erst am nächs­ten Tag durch­käm­men Such­trupps die idyl­li­sche Ge­gend, auch den Hain na­he dem Franz-Marc-Mu­se­um, wo ein Be­kann­ter sie zu­letzt ge­se­hen hat. „Ich kom­me erst zur Ru­he“, sagt Ar­min Disch, „wenn ich weiß, was ihr pas­siert ist.“ die Am­ber­ger Po­li­zis­ten den Lkw und so­gar ein Kenn­zei­chen. Doch erst Mon­tag, als die Zu­stän­dig­keit end­gül­tig ge­klärt ist, wer­den sie die­ser Spur ak­tiv nach­ge­hen. Wie­der wer­den Lö­sche und das Such­team schnel­ler sein. Sie ver­brei­ten das Bild tau­send­fach in den Netz­wer­ken. Aber nie­mand hat den Truck ge­se­hen. Al­so ru­fen sie am Mon­tag um et­wa 13 Uhr in Tan­ger bei der Spe­di­ti­on an.

„Wir ha­ben lan­ge dar­über dis­ku­tiert, ob wir das tun soll­ten“, sagt Lö­sche. „Ob wir So­phia, falls sie doch noch lebt, da­mit nicht wo­mög­lich ge­fähr­den.“Er hält so­gar Rück­spra­che mit der Po­li­zei in Am­berg. Ma­chen Sie mal, sa­gen die. Al­so ru­fen sie an – So­phi­as Cou­si­ne, ih­re bes­te Freun­din und ein Freund, der Ara­bisch spricht. Der Chef der Spe­di­ti­on gibt sich hilfs­be­reit. Sein Fah­rer sei in Nord­spa­ni­en, sagt er, auf sei­ner üb­li­chen Rou­te quer durch Eu­ro­pa. Die GPS-Da­ten kön­ne man je­doch nur der Po­li­zei über­ge­ben, die sich bis­her noch nicht ge­mel­det ha­be. Das Team will die­se In­for­ma­ti­on an die Be­am­ten wei­ter­ge­ben. Doch kurz dar­auf klin­gelt das Te­le­fon, mit dem sie in Ma­rok­ko an­ge­ru­fen ha­ben. „Von die­ser Stim­me im Kopf sind sie heu­te noch trau­ma­ti­siert“, sagt Andre­as Lö­sche.

„Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men“, sagt der Bru­der von So­phia Lö­sche, „hat die Po­li­zei ver­sagt.“

Am Te­le­fon ist der Fah­rer des Lkw. Er be­teu­ert sei­ne Un­schuld. Er ha­be So­phia an der Au­to­bahn­aus­fahrt 49 bei Lauf/Hers­bruck raus­ge­las­sen, am Don­ners­tag­abend. Dann schickt er, wie zum Be­weis, Bil­der sei­ner Fahrt per Whatsapp. Ein Fo­to ei­nes Au­to­ma­ten von Toll Collect, des Maut­sys­tems für Lkw. Ei­nen Screenshot ei­ner Rast­stät­te in Spa­ni­en , ei­ner Au­to­bahn­tank­stel­le na­he der nord­spa­ni­schen Ort­schaft Aspar­rena, von Goog­le Maps. Lö­sche, ob­wohl er dem Fah­rer nicht glaubt, pos­tet auf Face­book: „Das ist der Start ei­ner neu­en Su­che!“Er klam­mert sich an je­de Hoff­nung.

Doch das Fo­to von der Rast­stät­te war ein ver­steck­ter Hin­weis des mut­maß­li­chen Tä­ters. Am Don­ners­tag dar­auf, ei­ne Wo­che nach So­phi­as Ver­schwin­den, wird die spa­ni­sche Po­li­zei, die auf Ba­sis der vom Lkw-Fah­rer ver­schick­ten Bil­der prä­zi­se zu fahn­den be­ginnt, dort ei­ne halb ver­brann­te weib­li­che Lei­che fin­den. Laut der spa­ni­schen Pres­se, so er­fährt Lö­sche spä­ter, gibt es auf der Rou­te des Fah­rers un­ge­klär­te Frau­en­mor­de. Der Ver­däch­ti­ge wird schon am Di­ens­tag­nach­mit­tag ver­haf­tet, nach­dem er sei­nen Lkw zu­rück­ge­las­sen hat. In sei­nem Füh­rer­haus soll er ein Feu­er ge­legt ha­ben, um Spu­ren zu ver­wi­schen. 300 Ki­lo­me­ter vor der Fäh­re über die Mee­respas­sa­ge in Gi­bral­tar nach Ma­rok­ko wird er ge­stellt.

Der Last­wa­gen­fah­rer sitzt in Ober­fran­ken in Un­ter­su­chungs­haft, laut Staats­an­walt­schaft Bay­reuth lau­fen die Er­mitt­lun­gen noch. Das Such­team löst sich auf. Andre­as Lö­sche pos­tet auf Face­book ein Ge­dicht von Joachim Rin­gel­natz: „Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trau­ern – Mei­ne Lie­be wird mich über­dau­ern – Und in frem­den Klei­dern dir be­geg­nen – Und dich seg­nen...“Zum ers­ten Mal lässt er Trau­er zu.

„Die Po­li­zei hat viel zu spät re­agiert“, sagt er heu­te. „Und im­mer wie­der schlecht kom­mu­ni­ziert.“Vom bren­nen­den Lkw und vom Fund der Lei­che er­fährt der Bru­der aus den Me­di­en. Das Team ist zu­tiefst ent­täuscht von den Be­am­ten. „Ich sa­ge nicht, dass wir oder die Po­li­zei So­phia hät­ten ret­ten kön­nen“, sagt Andre­as Lö­sche. „Aber den­noch hat die Po­li­zei, bis auf we­ni­ge Aus­nah­men, ver­sagt. Der Tä­ter wä­re durch die­se Faul­heit fast ent­kom­men.“

Am mut­maß­li­chen Tat­ort im baye­ri­schen Sper­bes, wo der Lkw Don­ners­tag­nacht laut GPS zwei St­un­den stand, fin­det die Po­li­zei nichts. „Mit we­nig Auf­wand, aber et­was Ent­schlos­sen­heit“, sagt Lö­sche, „hät­te man den Tä­ter noch in Deutsch­land fas­sen kön­nen, statt spä­ter mit Hun­dert­schaf­ten die Wäl­der zu durch­käm­men.“Er nennt ein wei­te­res Bei­spiel: Um das Si­gnal von So­phi­as Han­dy zu or­ten, ru­fen Leip­zi­ger Be­am­te beim Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter O2 an. Doch oh­ne rich­ter­li­chen Be­schluss kann die Fir­ma kei­ne Da­ten da­für her­aus­ge­ben. War­um es den nicht gab, kann nie­mand sa­gen. Wäh­rend schon man­che In­for­ma­tik­stu­den­ten ge­nug Ha­ckerKennt­nis­se ha­ben, um je­des Han­dy auf drei Me­ter ge­nau zu or­ten, bleibt die Po­li­zei macht­los. „Bei solch ein­deu­ti­gen Hin­wei­sen auf ein Ge­walt­ver­bre­chen muss das je­doch tech­nisch wie ju­ris­tisch mög­lich sein“, fin­det Lö­sche.

Wie­so woll­te dann kein Po­li­zist nach So­phia Lö­sche su­chen, trotz al­ler Hin­wei­se auf ei­ne Ge­fahr?

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