Ge­or­gi­ne Krü­ger

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI 15 -

Die Leip­zi­ger Po­li­zei er­klärt auf An­fra­ge, man ha­be zwar „tiefs­tes Ver­ständ­nis für die emo­tio­na­le Aus­nah­me­si­tua­ti­on“der Hin­ter­blie­be­nen. Man dür­fe sich aber nicht zu dem Fall äu­ßern, da die „Aus­kunfts­zu­stän­dig­keit“bei den Kol­le­gen in Ober­fran­ken lie­ge. Dort wie­der­um ver­weist man auf längst ver­öf­fent­lich­te Pres­se­mit­tei­lun­gen. Er­klä­ren, war­um man so spät so we­nig tat, will nie­mand.

Andre­as Lö­sche hat den Ein­druck, als kämpf­ten die Be­am­ten im di­gi­ta­len Zeit­al­ter mit Re­chen­schie­bern ge­gen Lap­tops. Die Pra­xis, bei Ver­miss­ten­fäl­len erst ein­mal ab­zu­war­ten, stammt aus ei­ner Welt vor der stän­di­gen Er­reich­bar­keit über Smart­pho­nes. „Vie­le Men­schen, die schon in ei­ner ähn­li­chen Si­tua­ti­on wa­ren, schrie­ben und rie­ten uns, selbst ak­tiv zu wer­den“, sagt Andre­as Lö­sche. „Auf die Po­li­zei kön­ne man nicht war­ten.“Sein bit­te­res Fa­zit: „Wenn sie nicht da­zu­lernt, ist man oh­ne die Po­li­zei bes­ser dran.“

We­gen ras­sis­ti­scher Aus­wüch­se müs­sen die On­line-Fahn­der die Kom­men­tar­funk­ti­on ab­schal­ten

Lö­sche ist nicht al­lein. Es gab schon ei­ni­ge spek­ta­ku­lä­re Ver­miss­ten­fäl­le, die ähn­lich pri­vat ko­or­di­nier­te Su­chen aus­ge­löst ha­ben. Der jun­ge Schot­te Li­am C. et­wa ver­schwand nachts um zwei Uhr vom Jung­ge­sel­len­ab­schied sei­nes Bru­ders Col­gan auf der Ham­bur­ger Ree­per­bahn. Die Fa­mi­lie star­tet ei­ne Such­ak­ti­on ana­log in der gan­zen Stadt wie di­gi­tal über Face­book. Zehn­tau­sen­de be­tei­lig­ten sich. Bis Li­am nach drei Mo­na­ten des Hof­fens und Ban­gens, nach un­zäh­li­gen Hin­wei­sen und Ent­täu­schun­gen schließ­lich tot aus der El­be ge­bor­gen wird. Er war höchst­wahr­schein­lich noch in der Nacht be­trun­ken ins Was­ser ge­fal­len. Ähn­lich wie der mo­na­te­lang ver­miss­te HSV-Ma­na­ger Ti­mo Kraus, der im Win­ter 2017 in der El­be er­trank, und der von On­line-Hin­weis­ge­bern im gan­zen Land ver­mu­tet wur­de, bis schließ­lich sei­ne Lei­che auf­tauch­te. Auch die Mut­ter der von ei­nem af­gha­ni­schen Flücht­ling ge­tö­te­ten Su­san­na F. such­te kurz­zei­tig über Face­book. Sie mel­de­te sich auch bei Andre­as Lö­sche, sagt er, und sprach ihm Mut zu.

Bei vie­len Ver­miss­ten­fäl­len su­chen die An­ge­hö­ri­gen bald auf ei­ge­ne Faust. Und das geht on­line am leich­tes­ten. Für die Am 25. Sep­tem­ber 2006 steigt die da­mals 14-Jäh­ri­ge mit­tags ge­gen 13.50 Uhr aus dem Bus M27 in der Ber­li­ner Per­le­ber­ger Stra­ße aus. Nach Hau­se sind es nur noch 200 Me­ter. Doch sie kommt nie an. Ihr Han­dy wird we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter aus­ge­schal­tet. Dass sie frei­wil­lig ver­schwun­den ist, schließt die Po­li­zei aus, da sie just an die­sem Tag bei ei­ner Cas­ting-Agen­tur ei­ne Fern­seh­rol­le be­stä­ti­gen woll­te. Die Schau­spie­le­rei war Ge­or­gi­nes größ­ter Traum, sagt ih­re Mut­ter. Im März mel­de­te sich ein an­ony­mer An­ru­fer bei der Po­li­zei und sagt, Ge­or­gi­nes Lei­che lie­ge in Brie­selang bei Ber­lin. Ta­ge­lang su­chen Spür­trupps das Wald­ge­biet ab, er­folg­los. Trau­ma-The­ra­peu­tin Sy­bil­le Jatz­ko ist das ein klas­si­sches Mus­ter der emo­tio­na­len Über­le­bens­stra­te­gie. „Am An­fang steht im­mer der Schock“, sagt sie. „Ein sehr ko­gni­ti­ver Um­gang, kein emo­tio­na­ler Kon­takt, weil so vie­le Ge­füh­le gleich­zei­tig in ei­nem wü­ten.“An­ge­hö­ri­ge rück­ten zu­sam­men, füll­ten For­mu­la­re aus, or­ga­ni­sier­ten die Su­che. „Das Ge­fühl, hand­lungs­fä­hig zu sein, hilft über den ers­ten Schlag hin­weg“, sagt Jatz­ko. Andre­as Lö­sches tech­ni­scher, stra­te­gi­scher Um­gang mit dem Fall, sei­ne ana­ly­ti­sche Küh­le, das Ab­ar­bei­ten im­mer neu­er Auf­ga­ben – Jatz­ko hat das schon oft ge­se­hen. „So ei­ne qua­si pro­fes­sio­nel­le Dis­tanz ist an­fangs sehr sinn­voll, um Kraft zu sam­meln für das, was kommt.“

Doch wer sich im Netz ex­po­niert, zieht auch Hass auf sich. Andre­as Lö­sche kennt die­ses In­ter­net-Gift. Kaum ist die In­for­ma­ti­on im Netz, dass So­phie in ei­nen ma­rok­ka­ni­schen Lkw ge­stie­gen ist, stürzt sich das frem­den­feind­li­che Pu­bli­kum dar­auf. Von ras­sis­tisch un­ter­leg­tem vic­tim blai­ming („Sel­ber Schuld, wer in ein Au­to mit ma­rok­ka­ni­schem Kenn­zei­chen steigt!“) ge­paart mit dem Rat, in die AfD ein­zu­tre­ten, bis hin zu An­ti­se­mi­tis­mus und Mord­dro­hun­gen rei­chen die Kom­men­ta­re.

Lö­sche und das Team re­agie­ren mit ei­nem Post in den Netz­wer­ken: „Wir dis­tan­zie­ren uns klar von sol­chen ras­sis­ti­schen Spe­ku­la­tio­nen und ver­ur­tei­len ei­ne Ver­ein­nah­mung sei­tens rech­ter Grup­pie­run­gen!“Doch ein Ein­he­gen der Aus­wüch­se scheint aus­sichts­los zu sein. Das Team muss die Kom­men­tar­funk­ti­on der Face­book-Grup­pe ab­stel­len, ein wich­ti­ges Mit­tel zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Schwarm.

Die ers­ten et­wa 50 die­ser Nach­rich­ten hat Andre­as Lö­sche so­fort ge­löscht, dann erst be­gann er sie aus­zu­dru­cken und zu sam­meln. Ein Sta­pel die­ser Hass-Kom­men­ta­re liegt vor ihm auf dem Wohn­zim­mer­tisch in Bam­berg. Ko­pi­en hat er schon der Po­li­zei über­ge­ben. „Viel­leicht wer­den we­nigs­tens ei­ni­ge von de­nen be­langt.“

Die In­ter­net­sei­te zu So­phies Su­che gibt es üb­ri­gens noch. Ruft man sie auf, sieht man ei­nen Brief von Andre­as Lö­sche an die Po­li­zei. Ob die ihn ge­le­sen hat? Der Brief ent­hält auch ei­ne Bit­te: „Brin­gen Sie das nächs­te Mal dem Op­fer, sei­nen An­ge­hö­ri­gen und Freund*in­nen ein­fach Ih­re gan­ze Em­pa­thie und Ihr vol­les En­ga­ge­ment ent­ge­gen, auch wenn es ge­ra­de auf ein Wo­che­n­en­de zu­geht.“

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