Hap­py End

Wie Nor­man Wolf über Twit­ter sei­nen ver­schol­len ge­glaub­ten Va­ter wie­der­fand – und sich vor On­line-Miss­gunst zu schüt­zen wuss­te

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - BUCH ZWEI 15 - Frie­de­mann ka­rig

Vor ei­nem Star­bucks in ei­ner Kle­in­stadt bei Bos­ton sitzt Nor­man Wolf, 25 Jah­re alt. Ein hübscher jun­ger Mann mit ver­wu­schel­ten dunk­len Haa­ren und gro­ßen Au­gen. Seit 2017 ist er Au-pair bei ei­ner ame­ri­ka­ni­schen Fa­mi­lie. Nor­man schreibt ge­ra­de ein Buch – wie er sei­nen Va­ter nach zehn Jah­ren wie­der­fand. „Neu­lich saß ich in ei­nem Ca­fé, hat­te ge­ra­de ein Ka­pi­tel zu En­de ge­schrie­ben und hät­te fast ge­heult“, sagt er und fährt sich durch die Haa­re.

Al­les be­gann mit ei­nem Tweet am ers­ten Weih­nachts­fei­er­tag 2017.

Um 16.36 Uhr schreibt Nor­man un­ter sei­nem Twit­ter­na­men @de­in­the­ra­peut: „Das hier fällt mir schwer, viel­leicht kann Twit­ter hel­fen. Ich su­che mei­nen Pa­pa. Er ist obdachlos und soll in Ham­burg le­ben. Sein kör­per­li­cher Zu­stand ist ver­mut­lich schlecht. Das Fo­to ist cir­ca ein Jahr alt. Ein Ret­weet wür­de mir al­les be­deu­ten.“

Auf dem Fo­to sieht man ei­nen äl­te­ren Mann in ei­ner Spar­kas­sen­fi­lia­le sit­zen. Sei­ne Au­gen sind ver­quol­len, Haa­re und Bart un­ge­pflegt. In­ner­halb we­ni­ger St­un­den wird Norm­ans Tweet ra­send schnell ver­brei­tet. Am En­de sind es knapp 19 000 User, die den Such­auf­ruf tei­len.

Ziel­los läuft Nor­man in Bos­ton durch den frisch ge­fal­le­nen Schnee, ge­gen die Auf­re­gung. Und schickt wei­te­re In­for­ma­tio­nen hin­ter­her: Dass sein Va­ter Klaus hei­ße, sich vorm Ver­schwin­den ei­ne Kopf­ver­let­zung zu­ge­zo­gen ha­be und al­ko­hol­ab­hän­gig sei. Er ha­be ei­nen Mann, der sich manch­mal mit ihm un­ter­hielt, ge­fragt, ob er ein Fo­to von ihm ma­chen kön­ne. Das ha­be der Mann na­mens Alex ihm, Nor­man, über Face­book ge­schickt.

Nor­man ist ge­schockt. Sei­ne Fa­mi­lie ging seit Jah­ren da­von aus, dass der Va­ter tot sei. Wenn ihn je­mand nach sei­nem Va­ter ge­fragt hat­te, ant­wor­te­te er, dass der in den Al­ko­hol ab­ge­glit­ten sei und sich im­mer un­re­gel­mä­ßi­ger ge­mel­det ha­be. Zum 16. Ge­burts­tag rief der Va­ter sei­nen Sohn das letz­te Mal an, seit­dem hat­te Nor­man nie wie­der von ihm ge­hört.

Der Mann na­mens Alex ha­be dann al­ler­dings nicht mehr re­agiert, wo­mög­lich sei ihm die Ver­ant­wor­tung zu viel ge­we­sen, spe­ku­liert Nor­man heu­te. So be­schloss er, sich im In­ter­net an die Öf­fent­lich­keit zu wen­den. „Ich hat­te mei­ne klei­ne Twit­terCom­mu­ni­ty als ex­trem hilfs­be­reit schät­zen ge­lernt“, sagt er.

Doch sein Such­auf­ruf löst auch Kri­tik aus. Er het­ze sei­nem Va­ter ei­ne Twit­terMeu­te auf den Hals. Er sei nur auf Auf­merk­sam­keit aus. „Das sind die ewi­gen Pseu­doSkep­ti­ker, die al­les in den Dreck zie­hen müs­sen“, sagt Nor­man heu­te und kann dar­über la­chen, wie sich Frem­de plötz­lich für De­tails aus sei­ner Ver­gan­gen­heit in­ter­es­sier­ten, um Wi­der­sprü­che in sei­ner Ge­schich­te zu fin­den. „Da­mals war das hart“, sagt Nor­man. „Ich hat­te mich ge­ra­de über­wun­den, an die Öf­fent­lich­keit zu ge­hen, und dann glaubt man mir nicht.“Bis­lang hat­te er nur über sein Stu­di­um der Psy­cho­lo­gie get­wit­tert und über den Um­gang mit psy­chisch kran­ken Men­schen.

Den­noch über­wiegt die Hilfs­be­reit­schaft. Hin­wei­se ge­hen ein, Frem­de bie­ten an, die Au­gen of­fen zu hal­ten. Auch gro­ße Me­di­en be­rich­ten über sei­ne Su­che. Ein Ret­tungs­sa­ni­tä­ter, der Norm­ans Va­ter schon öf­ter auf­ge­sam­melt hat­te, mel­det sich, da­zu ein Arzt, der ihn be­han­del­te. Ein paar Ta­ge spä­ter mel­det sich ein jun­ger Mann, der in der Nä­he der Spar­kas­sen­fi­lia­le ar­bei­tet und sagt, er ha­be sich schon öf­ter mit Nor­man Wolfs Va­ter un­ter­hal­ten. Der Frem­de weiß De­tails aus dem Le­ben der Wolfs, die er nur von Klaus Wolf selbst wis­sen kann. Er bit­tet den Mann, sei­nen Va­ter zu fra­gen, ob sie ein­mal te­le­fo­nie­ren könn­ten. Nor­man möch­te Ge­wiss­heit.

Zur ver­ab­re­de­ten Zeit ruft Nor­man das Han­dy des Frem­den an, der reicht es Klaus Wolf. Es ist der 4. Ja­nu­ar 2018, als Nor­man zum ers­ten Mal nach zehn Jah­ren wie­der mit sei­nem Va­ter spricht. Drei Wo­chen spä­ter fliegt Nor­man nach Ham­burg und schließt sei­nen Va­ter in die Ar­me. „Das glau­be ich nicht“, sagt der. Nor­man twit­tert ein Fo­to, wie er sei­nen Va­ter küsst, da­zu nur ein Wort: „Pa­pa“. Und ein Herz.

Doch nicht al­le tei­len sei­ne Freu­de. „Es gibt Men­schen, die sich ei­nen Spaß dar­aus ma­chen, an­de­re zu ver­let­zen“, sagt Nor­man. Ich ken­ne dei­nen Va­ter, schreibt ihm ei­ner. Er hat mir er­zählt, dass er sich für sei­nen Sohn schämt. Mit sei­nem Auf­ruf hat Nor­man Wolf ei­ne Grup­pe an­ge­zo­gen, die man „Siff-Twit­te­rer“nennt. Im­mer wie­der or­ga­ni­sie­ren sie sich ge­gen ein­zel­ne User, Frau­en, Ho­mo­se­xu­el­le. Mit al­len Mit­teln wol­len sie pro­vo­zie­ren. „Es gibt vie­le, vie­le gu­te Men­schen“, sagt Nor­man Wolf heu­te. „Und eben auch ein paar Miss­güns­ti­ge und Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker.“

Auf Twit­ter las­sen sich über­grif­fi­ge User schnell blo­ckie­ren. So kann man ver­hin­dern, dass sie noch In­hal­te se­hen oder in Kon­takt tre­ten kön­nen. „Das ha­be ich ge­macht“, sagt Nor­man. „Sonst hört das auch nicht auf.“Ein User aus der Ecke der Sif­fTwit­te­rer ko­piert Norm­ans Auf­ruf, plat­ziert das Ge­sicht ei­nes Rap­pers an­stel­le von Norm­ans Va­ter. Der „Witz“ver­brei­tet sich schnell. „Das war ek­lig“, sagt Nor­man, „sol­che Fa­kes krat­zen na­tür­lich auch an mei­ner Glaub­wür­dig­keit.“Als die­ser Ac­count vor Kur­zem ge­sperrt wor­den ist, freut sich Nor­man öf­fent­lich. „Da hat­te ich wie­der fünf­zig Trol­le am Hals“, sagt er.

Sei­nen Va­ter in­ter­es­siert all das we­nig. Zu ihm hat Nor­man jetzt über meh­re­re Men­schen Kon­takt, die in Ham­burg re­gel­mä­ßig nach ihm schau­en. Ganz ana­log.

FO­TO: TWIT­TER/@DE­IN­THE­RA­PEUT

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