SPRACHLABOR

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 16 FORUM & LESERBRIEFE - Her­mann un­ter­stö­ger

ÜBER DAS AL­TER sagt un­ser Le­ser S., es kön­ne hoch oder nied­rig sein, nie aber jung. Er kri­ti­siert da­mit die For­mu­lie­rung „auf­grund des jun­gen Al­ters“, die frei­lich nicht von uns stamm­te, son­dern vom Po­li­zei­prä­si­di­um Mün­chen. Jen­seits der Fra­ge, ob und in wel­chem Aus­maß wir ei­nen als Zi­tat aus­ge­wie­se­nen Text kor­ri­gie­ren dür­fen, ste­hen wir vor dem jun­gen Al­ter als sol­chem. Es ist vie­ler­orts vor­zu­fin­den, et­wa in der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, die sich mit Ver­kal­kung oder Bla­sen­schwä­che „im jun­gen Al­ter“be­fasst, und an der TU Braun­schweig spür­te man dem „Werk­stoff­ver­hal­ten von ul­trahoch­fes­tem Be­ton im jun­gen Al­ter“nach. Apro­pos hoch und nied­rig: Das nied­ri­ge als Pen­dant zum ho­hen Al­ter ist un­ge­bräuch­lich, wo­hin­ge­gen das jun­ge Al­ter sich auf die Pa­ten­schaft der jun­gen Jah­re be­ru­fen kann, ob­wohl ja auch die Jah­re selbst we­der jung noch alt sind.

ALS AL­F­RED KUBIN 1877 zur Welt kam, hieß sein Ge­burts­ort Leit­me­ritz, heu­te heißt er Li­toměřice. Der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit hal­ber wur­de bei uns dar­aus ein „da­mals böh­mi­sches Leit­me­ritz“, was Le­ser Dr. S. ver­blüff­te: Sei­nes Wis­sens hat sich der Ort nicht aus Böh­men fort­be­wegt. Der ähn­lich ir­ri­tier­te Le­ser W. will wis­sen, ob Leit­me­ritz/Li­toměřice nun wo­mög­lich am Meer liegt. Da es we­ni­ger auf die Staats- als auf die Kul­tur­zu­ge­hö­rig­keit an­kom­me, emp­feh­le sich die Ver­si­on „da­mals deut­sches Leit­me­ritz“. Wer dies nicht glau­be, schließt W., „muss zur Stra­fe 24 St­un­den Pe­ter Alex­an­der hö­ren“.

NOCH ET­WAS VER­BLÜFF­TE Dr. S., näm­lich die „zäh­ne­trop­fen­de Vor­freu­de“, an der sich auch Le­se­rin N. die Au­gen aus­biss. Die Me­ta­pher ba­siert auf der Re­dens­art vom Was­ser, das ei­nem im Mund zu­sam­men­läuft: „Zäh­ne­trop­fend blät­tert man sich durch die Re­zep­te“(aus ei­nem Buch­tipp). Sti­lis­tisch ist sie du­bi­os, tech­nisch aber völ­lig da­ne­ben, da das Was­ser, das ei­nem im Mund zu­sam­men­läuft, nie von den Zäh­nen tropft, son­dern al­len­falls – und pein­lich ge­nug – aus den Mund­win­keln.

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