Kämp­fen wie die Bes­ti­en

Chris Pi­ne spielt im Net­flix-Film „Out­law King“den schot­ti­schen Wi­der­stands­kämp­fer und Na­tio­nal­hel­den Ro­bert the Bru­ce. Ein blu­ti­ges Spek­ta­kel in „Ga­me of Thro­nes“-Ma­nier, bei dem le­dig­lich die Fri­sur des Haupt­dar­stel­lers ein we­nig ir­ri­tiert

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 18 FEUILLETON - Von to­bi­as knie­be

Es war schon ein­mal schlim­mer mit den Zwän­gen des Film­starSys­tems. In den Acht­zi­ger­jah­ren et­wa hat­te ein Re­gis­seur, wenn er ei­nen hoch­tou­rigen Ac­tion-Block­bus­ter dre­hen woll­te, im Prin­zip nur drei Schau­spie­ler zur Ver­fü­gung: Ar­nold Schwar­ze­negger, Syl­ves­ter Stal­lo­ne oder Bru­ce Wil­lis. Das ist vor­bei, heu­te sind an­de­re Din­ge wich­ti­ger – et­wa die neu­er­dings un­schätz­bar wert­vol­len Rech­te an den Mar­vel-Fi­gu­ren.

Gänz­lich über­wun­den ist das Film­starDi­lem­ma aber noch nicht. Die­ses Ge­fühl be­schleicht ei­nen je­den­falls recht deut­lich zu Be­ginn der neu­en Net­flix-Ori­gi­nal­pro­duk­ti­on „Out­law King“. In­mit­ten all der grim­mi­gen schot­ti­schen und eng­li­schen Krie­ger­vi­sa­gen, die in der Er­öff­nungs­se­quenz ver­sam­melt wer­den, in­mit­ten von mit­tel­al­ter­li­chen Wal­le­m­äh­nen und stren­gen Prinz-Ei­sen­herz-Fri­su­ren taucht da plötz­lich ein selt­sa­mer Fremd­kör­per auf. Es ist das doch eher zar­te, un­ver­kenn­bar stups­nä­sig-ame­ri­ka­ni­sche Ge­sicht von Chris Pi­ne, den man als neu­en Cap­tain Kirk aus den „Star Trek“-Fil­men kennt.

Er ist der ein­zi­ge Star im gan­zen En­sem­ble – und of­fen­bar wur­de er nach al­ter Tra­di­ti­on ge­holt, da­mit „Out­law King“im un­über­schau­ba­ren Wust des Net­flix-An­ge­bots nicht un­ter­geht. Denn der Strea­m­ing­dienst setzt nicht nur auf Se­ri­en, in de­nen sich neue, un­be­kann­te Darstel­ler lang­sam in die Her­zen der Zu­schau­er schlei­chen. Auch ex­klu­si­ve und teu­re Spiel­film­pre­mie­ren sol­len den Ruhm der Platt­form meh­ren. Und da ver­traut man ge­le­gent­lich noch auf gro­ße Na­men, Will Smith oder Brad Pitt et­wa.

Als der schot­ti­sche Re­gis­seur Da­vid Ma­cken­zie nun vor der Auf­ga­be stand, sei­nen „Out­law King“zu be­set­zen – den Frei­heits­kämp­fer und Na­tio­nal­hel­den Ro­bert the Bru­ce –, kam al­so wie­der kein Schot­te zum Zug. Das hat schon ei­ne ge­wis­se Tra­di­ti­on. Der Ame­ri­ka­ner Mel Gib­son et­wa gab den Un­ab­hän­gig­keits-Mär­ty­rer Wil­li­am Wal­lace in „Bra­ve­he­art“, der Nord­ire Li­am Nee­son spiel­te den auf­stän­di­schen Volks­hel­den Rob Roy. Die bei­den hat­ten al­ler­dings noch Kan­ten im Ge­sicht, die Chris Pi­ne feh­len. Kom­pen­sie­ren sol­len das in die­sem Fall ein wuch­tig an­trai­nier­ter schot­ti­scher Ak­zent – und ei­ne wuch­ti­ge, hel­mar­ti­ge Fri­sur. Letz­te­re zeigt sich im Lauf des Films er­staun­lich wi­der­bors­tig – als tra­ge Chris Pi­ne nicht nur ei­ne schlech­te Pe­rü­cke auf dem Kopf, son­dern ein Pelz­tier mit sehr ei­ge­nem Wil­len.

Wie auch im­mer, hat man sich dar­an ein­mal ge­wöhnt, öff­net sich der Blick auf ein­drucks­voll wei­te, ein­drucks­voll grü­ne und manch­mal auch sehr schlam­mi­ge schot­ti­sche High­lands-Pan­ora­men. Und es geht gleich recht un­ver­hoh­len um Herr­schaft und Knecht­schaft, Recht und Un­recht, Macht­stra­te­gi­en und Ver­rat, Mord und Tot­schlag, als sei im ewi­gen „Ga­me of Thro­nes“ei­ne neue Spiel­run­de er­öff­net.

Das ist auch nicht ganz falsch, al­ler­dings geht es hier um den rea­len schot­ti­schen Thron, um die rea­le schot­ti­sche Ge­schich­te in den Jah­ren 1304 bis 1307. Die­se hat, wie sich zeigt, ih­re ei­ge­nen ir­ren Wen­dun­gen.

Zu Film­be­ginn hat ge­ra­de der En­g­län­der Ed­ward I. (Ste­phen Dil­la­ne) den schot­ti­schen Thron usur­piert, die schot­ti­schen Lords und al­so auch Ro­bert the Bru­ce muss­ten ih­ren Wi­der­stand auf­ge­ben und schwö­ren ihm nun zäh­ne­knir­schend die Treue. Der Frei­heits­kämp­fer Wil­li­am Wal­lace (oder eben, im gro­ßen Hol­ly­wood-Ge­schichts­at­las, Mel Gib­son mit blau be­mal­tem Ge­sicht) leis­tet zwar ir­gend­wo noch

Der ei­gent­li­che Star die­ses Films ist die schot­ti­sche Ge­schich­te

ver­zwei­fel­ten Wi­der­stand, der fin­det al­ler­dings im Off statt. Das Ein­zi­ge, was man von Wal­lace sieht, ist we­nig spä­ter ein ab­ge­hack­ter Arm, der öf­fent­lich zur Schau ge­stellt wird. Und schon bro­delt wie­der das ewig un­ab­weis­ba­re schot­ti­sche Grund­ge­fühl, von den En­g­län­dern ge­de­mü­tigt, aus­ge­nom­men und nach Strich und Fa­den ver­arscht zu wer­den.

Auch Ro­bert the Bru­ce sinnt bald wie­der auf Re­bel­li­on, wo­für er sich so­gar mit sei­nem größ­ten Thron­kon­kur­ren­ten ver­bün­den wür­de. Ein Ge­heim­tref­fen in ei­ner Kir­che geht al­ler­dings gründ­lich schief, auf hei­li­gem Bo­den rammt Ro­bert dem Ver­rä­ter ei­nen Dolch in den Hals. Und da­mit ist – ty­pisch Mit­tel­al­ter – der Grund­stein sei­nes Auf­stiegs ge­legt.

Die schot­ti­schen Bi­schö­fe näm­lich ha­ben nichts Ei­li­ge­res zu tun, als dem Mör­der Ab­so­lu­ti­on zu er­tei­len und ihn zum schot­ti­schen Kö­nig zu krö­nen, was wie­der­um die En­g­län­der erst so rich­tig auf­sta­chelt. Neue Be­sat­zungs­trup­pen rü­cken an, Ro­berts Ge­folg­schaft wird bö­se de­zi­miert, sei­ne Brü­der wer­den exe­ku­tiert, sei­ne Frau und sei­ne Toch­ter ge­ra­ten in Ge­fan­gen­schaft, er selbst muss als Ge­setz­lo­ser bis auf die Äu­ße­ren He­bri­den­in­seln flüch­ten.

Nach die­sem Tief­punkt folgt ei­ne Un­der­dog-Ge­schich­te, wie Fil­me­ma­cher und Zu­schau­er sie nun mal lie­ben – ein Mann kämpft sich zu­rück aus dem Un­ter­grund, teil­wei­se mit den Mit­teln des Gue­ril­la­kriegs, und zwingt schließ­lich in der Schlamm­schlacht von Lou­doun Hill ei­nen zah­len­mä­ßig weit über­le­gen­den Geg­ner erst­ma­lig in die Knie – Auf­takt zu dem Kraft­akt, die En­g­län­der für die nächs­ten 400 Jah­re aus dem Land zu wer­fen. Das ist dann doch sehr pa­ckend er­zählt, ge­ra­de in Br­ex­it-Zei­ten, und man­chen der Ne­ben­fi­gu­ren wünscht man so­gar die Zeit und Auf­merk­sam­keit, die sie in ei­ner gan­zen Se­rie be­kom­men wür­den.

Zum Bei­spiel Aa­ron Tay­lor-John­son als Ja­mes Dou­glas, der ei­ner der treu­es­ten Ge­folgs­män­ner des Out­law King wird. Am An­fang sieht man ihn vor dem eng­li­schen Thron noch un­ter­tä­nig um sei­ne ver­lo­re­nen Län­de­rei­en bit­ten, we­nig spä­ter aber stürmt er schon als lang­mäh­ni­ger Ma­ni­ac aufs Schlacht­feld. Die Auf­for­de­rung sei­nes An­füh­rers, „wie die Bes­ti­en zu kämp­fen“, nimmt er ernst – bald nen­nen sie ihn nur noch ehr­furchts­voll den „Schwar­zen Dou­glas“.

Oder die he­roi­sche Eliz­a­beth de Burgh (Flo­rence Pugh), die ganz am An­fang aus macht­stra­te­gi­schen Grün­den mit Ro­bert the Bru­ce ver­hei­ra­tet wird. Als En­g­län­de­rin soll sie sei­ne Treue zu Lon­don för­dern, ent­spre­chend miss­trau­isch wird sie auf­ge­nom­men. Dann aber ent­flammt sie wirk­lich für ih­ren Gat­ten und lässt auch wäh­rend der Re­bel­li­on nicht mehr von ihm ab, selbst als sie ge­fan­gen und in ei­nem Holz­kä­fig von ei­ner win­dum­tos­ten Burg­mau­er her­ab­ge­las­sen wird.

Der ei­gent­li­che Star hier ist Schott­lands wild be­weg­te, au­ßer­halb des Lan­des noch kaum be­kann­te Ge­schich­te. Hät­te Da­vid Ma­cken­zie den Mut ge­habt, das al­les mit ei­ner ech­ten Au­ßen­sei­ter­ban­de zu in­sze­nie­ren, pas­send zum Wir-ge­gen-den-Rest­der-Welt-Ge­fühl sei­ner Sto­ry – er hät­te wo­mög­lich ei­nen Klas­si­ker ge­schaf­fen, an dem sich noch für Ge­ne­ra­tio­nen die schot­ti­schen Her­zen wär­men könn­ten.

UK/US 2018 – Re­gie: Da­vid Ma­cken­zie. Buch: Bats­he­ba Doran, Ja­mes McIn­nes, Ma­cken­zie. Ka­me­ra: Bar­ry Ack­royd. Mit Chris Pi­ne, Ste­phen Dil­la­ne, Flo­rence Pugh, Aa­ron Tay­lor-John­son. 121 Mi­nu­ten. Ab­ruf­bar auf Net­flix.

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