Miss­brauch­tum

Lau­ra Lin­nen­baum in­sze­niert in Düs­sel­dorf Kleist als Bei­trag zu „Me Too“

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 20 FEUILLETON - Cor­ne­lia fied­ler

Was fällt ei­gent­lich mehr ins Ge­wicht, im Kampf des Pa­tri­ar­chats um sei­ne an­ge­knacks­te Vorherrschaft: Dass ge­gen den ame­ri­ka­ni­schen Film­pro­du­zen­ten Har­vey Wein­stein und den deut­schen Re­gis­seur Die­ter We­del er­mit­telt wird? Oder dass in der Per­son Brett Ka­va­n­augh wis­sent­lich ein Mann zum Rich­ter auf Le­bens­zeit am ame­ri­ka­ni­schen Su­pre­me Court be­ru­fen wur­de, den meh­re­re Frau­en der ver­such­ten Ver­ge­wal­ti­gung be­schul­di­gen? Viel­leicht darf man ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt nicht so klein­krä­me­risch auf­rech­nen. Aber man kann durch­aus an ihm zwei­feln, wenn selbst ein über 200 Jah­re al­tes Thea­ter­stück über Miss­brauch der bru­ta­len Ver­schär­fung durch die Re­gie be­darf, um im Jahr 2018 zeit­ge­mäß zu sein, so ge­sche­hen am Schau­spiel­haus Düs­sel­dorf: Die Re­gis­seu­rin Lau­ra Lin­nen­baum lie­fert mit ih­rer Ver­si­on von Kleists „Der zer­broch­ne Krug“ei­nen schar­fen und wich­ti­gen De­bat­ten­bei­trag im zwei­ten Jahr der „Me Too“-Be­we­gung.

Es ist ein Sys­tem von Macht­miss­brauch und ver­leug­ne­ter Mit­wis­ser­schaft, das Hein­rich von Kleist in sei­nem Lust­spiel von 1808 fi­le­tiert: Im Zen­trum des Stücks ste­hen der se­xu­ell über­grif­fi­ge Dorf­rich­ter Adam und die jun­ge Eve. Am Mor­gen nach sei­ner Tat, die mit ei­ner über­stürz­ten Flucht, di­ver­sen Ver­let­zun­gen und dem Ab­sturz des ti­tel­ge­ben­den Erb­stücks en­de­te, ist der Rich­ter plötz­lich ge­zwun­gen, sei­nen ei­ge­nen Fall zu ver­han­deln. Da­durch wirkt „Der zer­broch­ne Krug“nicht wie ein Klas­si­ker, den die Stadt­thea­ter aus bil­dungs­bür­ger­li­chem Pflicht­ge­fühl mit­schlep­pen. Das Au­ßer­ge­wöhn­li­che an die­sem Stück ist, dass und wie Kleist den quä­len­den Pro­zess­tag in ei­ne ge­mei­ne Ko­mö­die ver­packt, de­ren Ko­mik bis heu­te ver­blüf­fend gut funk­tio­niert. Über­grif­fig: Andre­as Gro­th­gar und Cen­net Rüya Voß.

Die Re­gis­seu­rin Lau­ra Lin­nen­baum kann kra­wal­li­ge Ko­mö­di­en mit bit­te­rem Ab­gang. Das hat sie be­reits 2017 mit ih­rer Urauf­füh­rung der In­te­gra­ti­ons­gro­tes­ke „Ho­mo­ha­l­al“von Ibra­him Amir be­wie­sen. Be­vor sie und ih­re Dra­ma­tur­gin Fe­li­ci­tas Zürcher das Ge­läch­ter in Düs­sel­dorf jäh be­en­den, zie­hen sie erst mal sämt­li­che Hu­mor­re­gis­ter: von ab­sur­den Wort­pi­rou­et­ten über Her­ren­wit­ze bis zum Slap­stick ist al­les da­bei. Andre­as Gro­th­gar kennt als grob lä­dier­ter Rich­ter Adam mit bau­ern­schlau blit­zen­den Au­gen kei­ner­lei Scham­gren­ze. Ge­richts­rat Wal­ter, auf Kon­troll­rei­se durch die Ge­richts­sä­le der Pro­vinz, ent­puppt sich bei Flo­ri­an Lan­ge als ma­nie­rier­ter Macht­mensch. Eves Mut­ter Marthe, kühl ge­spielt von Michae­la Stei­ger, punk­tet mit iro­ni­schen All­tags­se­xis­men.

Marthe will vor Ge­richt ih­ren teu­ren Krug er­setzt ha­ben. Vor al­lem aber will sie die Eh­re ih­rer Toch­ter be­schüt­zen, in­dem sie aus­sagt, de­ren Ver­lob­ter Ruprecht (Ste­fan Gor­ski) und nicht et­wa ein Frem­der ha­be ihn zer­stört. Dass we­der sie noch Ruprecht das ge­rings­te Ver­trau­en in Eve ha­ben, ist das frau­en­ver­ach­ten­de Gr­und­nar­ra­tiv, das Kleist dem ach so hei­te­ren Plot un­ter­legt. An­stel­le der leicht­gän­gi­gen Kurz­fas­sung, die der Dra­ma­ti­ker nach der ge­flopp­ten Urauf­füh­rung selbst er­stellt hat­te, in­sze­niert Lin­nen­baum die lan­ge Ver­si­on. Die­se soll Un­glück brin­gen, mun­kelt man bis heu­te am Thea­ter. Was sie wirk­lich bringt, ist Auf­klä­rung. Nur in die­ser Fas­sung darf Eve vom Ob­jekt zum Sub­jekt wer­den und er­zäh­len, wie es zum Über­griff durch den Rich­ter kam.

Cen­net Rüya Voß hat schon ei­ne un­glaub­li­che Büh­nen­prä­senz, wenn sie nur stumm mit sich rin­gend am Rand steht. Jetzt don­nert sie die­sen Mo­no­log mit ei­ner tief ver­letz­ten Wahr­haf­tig­keit her­aus, die dem Abend ei­ne ex­trem schmerz­li­che Wen­dung ver­passt. Wie je­de miss­brauch­te Frau bis heu­te wird auch Eve ge­nö­tigt, öf­fent­lich in­ti­me De­tails zu er­zäh­len. Klar ist, dass die zwei Mi­nu­ten, über die sie schweigt, die schlimms­ten wa­ren.

Nicht um der Ge­rech­tig­keit Wil­len, son­dern um Scha­den vom Jus­tiz­ap­pa­rat ab­zu­wen­den, über­nimmt Ge­richts­rat Wal­ter nun den Fall. Rich­ter Adam flieht. Nach­dem Wal­ter das Vor­ge­fal­le­ne zu­recht­ge­bo­gen und -ge­lo­gen hat, for­dert er dreist ei­nen Kuss von Eve. Das ist an sich schon ei­ne per­fi­de Macht­de­mons­tra­ti­on. Bei Lin­nen­baum wird dar­aus ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung mit An­sa­ge – auf of­fe­ner Büh­ne. Ge­richts­rat Wal­ter hat bei ihr ver­stan­den, dass er in die­sem Sys­tem un­an­greif­bar ist. Ein Sys­tem, in dem die Wahr­heit mit Be­lei­di­gun­gen über­tönt wird, und die Mo­ral mit Ge­walt.

FO­TO: SAN­DRA THEN

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