Der Schatz in der Hei­de

Mit­ten in ei­nem eng­li­schen Na­tio­nal­park wird ei­ne Mi­ne für Mi­ne­ral­dün­ger ge­gra­ben, das Erz wird un­ter­ir­disch ab­trans­por­tiert. Es könn­te ein Mil­li­ar­den­ge­schäft wer­den – wenn das Un­ter­neh­men neue In­ves­to­ren fin­det

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 30 WIRTSCHAFT -

Nach der För­de­rung in der Mi­ne wer­den die Mi­ne­ra­li­en zu Dün­ger­gra­nu­lat ver­ar­bei­tet.

Die Fir­ma, de­ren ein­zi­ger Ge­schäfts­zweck der Bau und Be­trieb die­ses Berg­werks ist, re­si­diert in ei­nem Bü­ro­haus am Ran­de Sc­ar­bo­roughs. Vor­stands­chef Chris Fra­ser emp­fängt le­ger mit Drei-Ta­geBart, Ka­ro­hemd und Je­ans. „Das Pro­jekt ist schwie­rig, ei­ne Her­aus­for­de­rung, aber es gibt welt­weit kei­ne ver­gleich­ba­ren Re­ser­ven“, sagt er. Die Vor­kom­men reich­ten für mehr als 100 Jah­re. Der frü­he­re Ban­ker hat­te die Idee für die Mi­ne – und er konn­te vor zwei Jah­ren In­ves­to­ren über­zeu­gen, 1,2 Mil­li­ar­den Dol­lar als An­schub­fi­nan­zie­rung lo­cker zu ma­chen. Un­ter den Geld­ge­bern ist Gi­na Ri­ne­hart, Berg­bau-Un­ter­neh­me­rin und reichs­te Aus­tra­lie­rin.

Doch das Geld ist bald auf­ge­braucht, und nen­nens­wer­te Um­sät­ze er­zielt die Mi­ne erst, wenn sie fer­tig und die Pro­duk­ti­on hoch­ge­fah­ren ist. Das aber soll erst 2024 der Fall sein. Um die­se Zeit zu über­brü­cken, muss der 44-jäh­ri­ge Vor­stands­chef fri­sche Mil­li­ar­den auf­trei­ben. Und er muss die­se zwei­te Fi­nan­zie­rungs­run­de bis März ab­schlie­ßen. Ge­plant war, dass Si­ri­us drei Mil­li­ar­den Dol­lar an Dar­le­hen auf­nimmt. Für die Hälf­te soll die bri­ti­sche Re­gie­rung bür­gen – das macht Lon­don manch­mal für Groß­pro­jek­te, ge­gen ei­ne Ge­bühr.

Al­ler­dings muss­te Fra­ser im Sep­tem­ber ein­räu­men, dass die Kos­ten für die Mi­ne 400 bis 600 Mil­lio­nen Dol­lar hö­her aus­fal­len wer­den als ge­schätzt. Da­mit die Ban­ken die Dar­le­hen wie vor­ge­se­hen frei ge­ben, muss der Ma­na­ger die Lü­cke stop­fen; er muss noch ein­mal Geld von In­ves­to­ren ein­trei­ben. Fra­ser sagt, er sei zu­ver­sicht­lich, dass die Fi­nan­zie­rung bis Jah­res­en­de steht: „Das ist ein­fach ei­ne wei­te­re Her­aus­for­de­rung, die wir meis­tern müs­sen.“

Der Grund für die hö­he­ren Kos­ten ist der Trans­port-Tun­nel. We­gen Be­son­der­hei­ten der Geo­lo­gie muss der brei­ter und mit ei­ner di­cke­ren Um­man­te­lung als ur­sprüng­lich ge­plant ge­baut wer­den. Im Na­tio­nal­park kann das Un­ter­neh­men kei­ne Glei­se für Gü­ter­zü­ge ver­le­gen. Al­so wird das Mi­ne­ra­l­erz 250 Me­ter un­ter der Hei­de­land­schaft ab­trans­por­tiert – auf För­der­bän­dern durch ei­nen 37 Ki­lo­me­ter lan­gen Tun­nel. Das ist et­was mehr als die Ent­fer­nung zwi­schen Düs­sel­dorf und Köln. Die Röh­re en­det bei ei­nem Ver­la­de­ter­mi­nal an der Mün­dung des Flus­ses Tees.

Dies ist ei­ne In­dus­trie­re­gi­on, und das Was­ser ist tief ge­nug für gro­ße Schif­fe. Zu­nächst will Si­ri­us Mi­ne­rals hier die Ha­fen­an­la­ge des Stahl­werks Red­car nut­zen, das 2015 dicht mach­te. Spä­ter möch­te das Un­ter­neh­men ei­ge­ne An­le­ger er­rich­ten, um die Ka­pa­zi­tät zu er­hö­hen. Wo der Trans­port-Tun­nel am Fluss an­kommt, be­fin­det sich be­reits ei­ne Bau­stel­le: ho­he Zäu­ne, Krä­ne, Bag­ger, Ar­bei­ter. Sie be­rei­ten al­les für die Tun­nel-Bohr­ma­schi­ne vor.

Da­ne­ben wird ei­ne Fa­b­rik ent­ste­hen, die das Erz zer­klei­nert und zu Gra­nu­lat, klei­nen Ku­geln, ver­wan­delt. Das Dün­ger­gra­nu­lat wird dann von Schif­fen in al­le Welt trans­por­tiert. Si­ri­us Mi­ne­rals hat be­reits Ab­nah­me­ver­trä­ge für 8,2 Mil­lio­nen Ton­nen Dün­ger pro Jahr ab­ge­schlos­sen. Wenn das Berg­werk im Jahr 2029 sei­ne ma­xi­ma­le Ka­pa­zi­tät er­reicht hat, wird es 20 Mil­lio­nen Ton­nen jähr­lich lie­fern.

Na­turf­reun­de und Wan­de­rer im Na­tio­nal­park sol­len da­von mög­lichst we­nig mer­ken. Die Fir­ma ver­legt des­we­gen nicht nur den Trans­port zum Ha­fen un­ter Ta­ge, son­dern auch die Mi­nen­auf­bau­ten: Das Berg­werk hat kei­ne För­der­tür­me; die Auf­zug­an­la­gen sind in dem gro­ßen Kel­ler un­ter­ge­bracht, den die Bag­ger ge­ra­de aus­he­ben. Die Ge­bäu­de dar­über sol­len aus­se­hen wie ein Bau­ern­hof.

Auf der Bau­stel­le ist manch­mal Eng­lisch mit deut­schem Ak­zent zu hö­ren – an dem Rie­sen­pro­jekt sind die Bau­kon­zer­ne Bau­er und Strabag be­tei­ligt; die Tun­nel­boh­rer stam­men von Her­renk­necht.

Der Ein­satz der Deut­schen und Ös­ter­rei­cher soll da­bei hel­fen, ei­nen neu­en Markt zu schaf­fen. Bis­her gibt es nir­gend­wo gro­ße Po­ly­ha­lit-Mi­nen. Da­her spielt die­se Mi­ne­ra­li­en­mi­schung als Dün­ger fast kei­ne Rol­le. Statt­des­sen brin­gen Bau­ern Dün­ger mit Ka­li­um aus. Si­ri­us-Chef Fra­ser ar­gu­men­tiert, dass Po­ly­ha­lit min­des­tens gleich gut oder bes­ser sei, schließ­lich ent­hal­te die­se Mi­ne­ra­li­en­mi­schung ne­ben dem Ka­li­um noch drei wei­te­re wert­vol­le Stof­fe. Um Ab­neh­mern die Vor­tei­le zu be­wei­sen, lie­ßen die Bri­ten ih­ren Dün­ger tes­ten – bei mehr als 330 Feld­ver­su­chen mit 36 Nutz­pflan­zen in 25 Län­dern. Die Er­geb­nis­se ge­ben Fra­ser bis­lang recht.

Ei­ne Ton­ne Po­ly­ha­lit zu för­dern und am Ha­fen zu ver­ar­bei­ten, wird nach Schät­zun­gen der Fir­ma 30 Dol­lar kos­ten. Die be­reits un­ter­zeich­ne­ten Ab­nah­me­ver­trä­ge sol­len dem Kon­zern 140 bis 150 Dol­lar pro Ton­ne ein­brin­gen. Dar­aus er­gibt sich ei­ne fet­te Ge­winn­mar­ge, mit der Fra­ser um In­ves­to­ren wirbt. Der Ma­na­ger ist ge­bür­ti­ger Bri­te, hat aber lan­ge als In­vest­ment­ban­ker in Aus­tra­li­en ge­ar­bei­tet. Dort war er viel mit Berg­bau­kon­zer­nen be­schäf­tigt. Schließ­lich woll­te er sein ei­ge­nes Mi­nen­un­ter­neh­men auf­bau­en. Ein Geo­lo­ge wies ihn dar­auf hin, dass es am Ran­de der North York Moors ei­ne Ka­lium­mi­ne gibt – und viel­leicht noch wei­te­re Vor­kom­men.

Fra­sers Team stu­dier­te Un­ter­su­chun­gen, die zwi­schen den Drei­ßi­ger- und Sech­zi­ger­jah­ren in der Re­gi­on vor­ge­nom­men wur­den. Die lie­fer­ten Hin­wei­se auf ein gro­ßes Po­ly­ha­lit-La­ger un­ter dem Na­tio­nal­park und der Nord­see. Die Stu­di­en wa­ren in der Bran­che be­kannt. An­de­re Mi­nen­kon­zer­ne in­ter­es­sier­ten sich je­doch nicht für Po­ly­ha­lit, denn da­für exis­tiert noch kein gro­ßer Markt. Und im Na­tio­nal­park ab­zu­bau­en ist hei­kel. Fra­ser ließ sich nicht ab­schre­cken und gab Pro­be­boh­run­gen in Auf­trag. Als die­se po­si­tiv aus­fie­len, be­gann er, mit den Land­be­sit­zern über För­der­li­zen­zen zu ver­han­deln – heim­lich, da­mit die Be­trei­ber der be­ste­hen­den Mi­ne in der Nach­bar­schaft nichts merk­ten. 2014 reich­te er dann ei­nen Bau­an­trag ein, der ein Jahr spä­ter ge­neh­migt wur­de.

Die Land­eig­ner er­hal­ten 2,5 Pro­zent der Um­sät­ze, die Si­ri­us Mi­ne­rals mit dem Erz un­ter ih­rem Grund er­zielt. „Ei­ni­gen Far­mern möch­te ich den ers­ten Scheck per­sön­lich brin­gen“, sagt Fra­ser. „Das wird ei­ne hüb­sche Über­ra­schung.“Und es ist si­cher an­ge­neh­mer als das, was der Ma­na­ger ge­ra­de ma­chen muss: In­ves­to­ren we­gen hö­he­rer Kos­ten um mehr Geld bit­ten.

FO­TO: OH

Die Mi­ne­ra­li­en­mi­ne im Na­tio­nal­park ist von Wald um­ge­ben, da­mit sie we­ni­ger auf­fällt. Die Bau­ar­bei­ten be­gan­nen im April ver­gan­ge­nen Jah­res.

FO­TO: PR

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