EN­DE EI­NER ÄRA

18 Jah­re und acht Mo­na­te, so lan­ge hat An­ge­la Mer­kel die CDU ge­führt und ge­prägt. „Wir ha­ben uns auch ge­gen­sei­tig et­was zu­ge­mu­tet“, sagt sie auf dem Par­tei­tag in Ham­burg – und zieht ih­re ei­ge­ne Bi­lanz

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 THEMA DER WOCHE - Von ro­bert roß­mann

Am En­de ist sie dann doch er­grif­fen, aber es ist ja auch ein be­son­de­rer Mo­ment. Ei­ne hal­be St­un­de lang hat An­ge­la Mer­kel ge­spro­chen, so nüch­tern, wie es nun mal ih­re Art ist. Es ist ih­re Ab­schieds­re­de als Par­tei­che­fin, nach mehr als 18 Jah­ren an der CDU-Spit­ze. In der Zeit ha­be der HSV 24 Trai­ner und die SPD zehn Vor­sit­zen­de ver­schlis­sen, wird Vol­ker Bouf­fier spä­ter sa­gen. Ei­ne Ära geht zu En­de. An­de­re hät­ten ver­sucht, den Saal mit Pa­thos zu be­geis­tern, aber Mer­kel hat sich für ei­ne Ana­ly­se mit ein paar fei­nen Bot­schaf­ten ent­schie­den. Phy­si­ke­rin halt. Jetzt wird sie aber doch weh­mü­tig. Sie ha­be sich im­mer vor­ge­nom­men, ih­re Äm­ter mit Wür­de zu tra­gen – und sie ei­nes Ta­ges auch mit Wür­de zu ver­las­sen, sagt Mer­kel. Und jetzt sei es an der Zeit, „ein neu­es Ka­pi­tel“auf­zu­schla­gen. In die­sem Mo­ment sei sie von ei­nem ein­zi­gen, al­les über­ra­gen­den Ge­fühl er­füllt: der Dank­bar­keit. „Es war mir ei­ne gro­ße Freu­de, es war mir ei­ne Eh­re.“

Schäu­b­le wird am En­de nur in ho­möo­pa­thi­schen Do­sen klat­schen

Dann ist die Re­de vor­bei, die De­le­gier­ten ste­hen auf, zehn Mi­nu­ten Ap­plaus. Mit­glie­der der Frau­en-Uni­on we­deln mit „Dan­ke Che­fin“-Pla­ka­ten. Es ist ein sehr re­spekt­vol­ler, aber kein eu­pho­ri­scher Ab­schied, den die Par­tei ih­rer Dau­er-Vor­sit­zen­den er­weist. Aber er passt zu Mer­kel. Das An­ge­bot, zur Eh­ren­vor­sit­zen­den ge­wählt zu wer­den, hat sie ab­ge­lehnt. Und auch sonst woll­te Mer­kel nicht, dass gro­ßes Bo­hei um sie ge­macht wird. Und so gibt es nur ei­ne kur­ze Eh­rung durch Hes­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Bouf­fier, ei­nen kaum län­ge­ren Film über Mer­kel – und als Ab­schieds­ge­schenk den Takt­stock, mit dem Kent Na­ga­no wäh­rend des G-20-Gip­fels in Ham­burg für die Staats­gäs­te Beet­ho­vens Ne­un­te di­ri­giert hat­te. Für „die wich­tigs­te Di­ri­gen­tin der Welt­po­li­tik“, wie Bouf­fier sagt.

In ih­rer Re­de skiz­ziert Mer­kel zu­vor ein vor­ge­zo­ge­nes po­li­ti­sches Ver­mächt­nis. Und sie er­in­nert an den Zu­stand, in dem sie die CDU im Jahr 2000 über­nom­men hat. Da­mals hät­ten sich die po­li­ti­schen Geg­ner schon die Hän­de ge­rie­ben, dass sich die CDU nie mehr von der Spen­den­af­fä­re er­ho­len wür­de, sagt Mer­kel. Auch die La­ge heu­te, mit der AfD und der star­ken Po­la­ri­sie­rung in der Ge­sell­schaft, sei ei­ne Her­aus­for­de­rung. Aber die wah­re Schick­sals­stun­de, die ha­be die CDU vor 18 Jah­ren er­lebt. Doch da­mals ha­be sich die Par­tei auf ih­re ei­ge­nen Stär­ken be­son­nen, sie ha­be es al­len ge­zeigt. Sie ha­be zu­sam­men­ge­stan­den und zur Sa­che zu­rück­ge­fun­den.

Die­se Pas­sa­ge ist auch ein Sei­ten­hieb ge­gen Wolf­gang Schäu­b­le, der da­mals we­gen sei­nes Fehl­ver­hal­tens in der Spen­den­af­fä­re als CDU-Chef zu­rück­ge­tre­ten ist. Und der sich vor we­ni­gen Ta­gen in ei­nem In­ter­view nicht nur für Fried­rich Merz aus­ge­spro­chen hat, son­dern in­di­rekt auch mit Mer­kel ge­bro­chen hat. Merz – und da­mit Die CDU sei „heu­te ei­ne an­de­re als im Jahr 2000 – und das ist gut so“: An­ge­la Mer­kel auf dem Par­tei­tag. De­ser­teu­re ver­hängt hat­te. In sei­ner Re­de ver­ur­teilt Fil­bin­ger die Zu­las­sung ho­mo­se­xu­el­ler Le­bens­part­ner­schaf­ten als „Per­ver­tie­rung“der Ver­fas­sung. Er wet­tert ge­gen das Ab­trei­bungs­recht. Und er for­dert ein En­de der „Ge­schichts­klit­te­rung“in Schul­bü­chern, in de­nen es zu sehr um das Drit­te Reich ge­he. Fil­bin­ger wird nicht aus­ge­buht, son­dern be­klatscht. An­schlie­ßend wäh­len die De­le­gier­ten ih­re neue Par­tei­che­fin. Das ist die CDU am ers­ten Tag der Ära Mer­kel.

An die­sem Frei­tag ist aber nun der letz­te Tag der Ära Mer­kel als Par­tei­che­fin. Und den nutzt sie auch, um ih­re zwei­te Kern­bot­schaft los­zu­wer­den. Es ist – kurz ge­sagt – ein Lob des Kom­pro­mis­ses. Der CDU sei es ge­lun­gen, in fünf­zig der sieb­zig Jah­re, die die Bun­des­re­pu­blik jetzt be­ste­he, den Kanz­ler oder die Kanz­le­rin zu stel­len, sagt Mer­kel. Ge­lun­gen sei das, weil die Par­tei sich zwar stets be­müht ha­be, Po­li­tik nach ih­ren Wer­ten zu ge­stal­ten – da­bei aber im­mer auch ver­stan­den ha­be, dass man nicht „al­lei­ne die Weis­heit ge­pach­tet“ha­be, dass man Pro­ble­me auch im­mer mit den Au­gen der an­de­ren se­hen müs­se, und dass man nicht im­mer auf die ein­fa­che Ant­wort set­zen dür­fe. Die Christ­de­mo­kra­ten hät­ten im­mer Freu­de dar­an ge­habt, dass die Welt „nicht Schwarz-Weiß ist, son­dern vol­ler Schat­tie­run­gen“.

An ei­ner Stel­le lässt sie dann doch ih­re Prä­fe­renz für die Nach­fol­ge er­ken­nen

Das ist zwar ziem­lich ge­flun­kert, der Kom­pro­miss ist bis heu­te bei Wei­tem nicht je­dem in der CDU das höchs­te Gut. Vor al­lem Jens Spahn und Fried­rich Merz gel­ten eher als Po­li­ti­ker der kla­ren Kan­te.

Aber was er­klärt Mer­kel nun zu den drei Kan­di­da­ten? Sie ha­be sich „ab­so­lu­te Neu­tra­li­tät auf­er­legt“, das hat die Kanz­le­rin be­reits am Vor­tag ge­sagt. Und sie spricht sich in ih­rer Re­de tat­säch­lich für nie­man­den aus. An ei­ner Stel­le kann man ih­re Prä­fe­renz aber doch er­ken­nen. Dass die Uni­on es ge­schafft ha­be, bei der Bun­des­tags­wahl 2017 ei­ne rot-rot-grü­ne Mehr­heit zu ver­hin­dern, das lie­ge an den Er­fol­gen bei den drei Land­tags­wah­len zu­vor im Saar­land, in Schles­wig-Hol­stein und in Nord­rheinWest­fa­len, sagt Mer­kel. Sie nennt An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er zwar nicht mit Na­men, aber je­der im Saal weiß auch so, wem die Par­tei den Er­folg im Saar­land zu ver­dan­ken hat. Und Da­ni­el Gün­ther, der Kie­ler Mi­nis­ter­prä­si­dent, hat­te sich für Kramp-Kar­ren­bau­er als CDU-Che­fin aus­ge­spro­chen. Er gilt, wie der nord­rhein­west­fä­li­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­min La­schet, auch als Un­ter­stüt­zer des Kur­ses der Kanz­le­rin.

Bei der Be­sich­ti­gung der Par­tei­tags­hal­le am Don­ners­tag hat­te Mer­kel ge­sagt, sie freue sich „auf den Tag mor­gen“und sei „wie al­le an­de­ren auch na­tür­lich ge­spannt“auf das Er­geb­nis. Dass es meh­re­re Kan­di­da­ten ge­be, das sei doch „De­mo­kra­tie pur“. Dass dann Kramp-Kar­ren­bau­er zu ih­rer Nach­fol­ge­rin ge­wählt wür­de, dar­über dürf­te Mer­kel aber doch er­leich­tert ge­we­sen sein.

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

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