Ta­ge wie die­ser

Es ist, als hät­te An­ge­la Mer­kel durch ih­ren Ver­zicht ih­re ei­ge­ne Par­tei wach ge­küsst. Und mit dem Sieg von An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat sich die Kanz­le­rin selbst im Ab­gang durch­ge­setzt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI 3 - Von ni­co fried

Und nun wird ab­ge­stimmt. Es ist 15.38 Uhr an die­sem be­deut­sa­men Frei­tag in der Ham­bur­ger Mes­se­hal­le. Gleich be­ginnt et­was völ­lig Neu­es in der CDU, et­was, das es so noch nie ge­ge­ben hat: Erst­mals wäh­len die De­le­gier­ten ei­nes CDUPar­tei­ta­ges hin­ter ei­nem Sicht­schutz aus Pap­pe.

Das Ding heißt Tisch­wahl­ka­bi­ne, je­der De­le­gier­te hat auf sei­nem Platz ei­ne vor­ge­fun­den. Spä­ter kön­nen sie die Pap­pe mit­neh­men, ei­ne Wahl­ka­bi­ne to go so­zu­sa­gen. Als die De­le­gier­ten die Ka­bi­ne auf­klap­pen, sieht der Par­tei­tag plötz­lich aus wie ein gro­ßer christ­de­mo­kra­ti­scher Ba­s­telWork­shop zur Ad­vents­zeit. Viel­leicht tau­chen ir­gend­wann ein paar Tisch­wahl­ka­bi­nen bei Ebay auf, Samm­ler­stü­cke für Fans. Wer­be­spruch: „Hin­ter die­sem Sicht­schutz wur­de ei­ne neue po­li­ti­sche Ära in Deutsch­land an­ge­kreuzt.“Kann ja je­der be­haup­ten, selbst wenn er ei­nen Ver­lie­rer ge­wählt hat. Die Pap­pe be­hält ihr Ge­heim­nis auf ewig für sich.

Noch weiß nie­mand, dass in 79 Mi­nu­ten An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er neue Par­tei­vor­sit­zen­de sein wird. Man ahnt, dass sie Blu­men be­kom­men wird, Ap­plaus und ei­ne Umar­mung von An­ge­la Mer­kel. Dass sie sa­gen wird: „Ich neh­me die Wahl an.“Sie ist die ach­te Vor­sit­zen­de der CDU. Aber ih­re wich­tigs­te Auf­ga­be ist es, nicht zu tri­um­phie­ren, da­mit die Ver­lie­rer sich nicht ge­de­mü­tigt füh­len. Vor al­lem der Ver­lie­rer.

Die­se Wahl ist der letz­te Akt der er­staun­lichs­ten Wie­der­be­le­bung seit La­za­rus

Die CDU hat sich zu­letzt in de­mo­kra­ti­sche Hö­hen auf­ge­schwun­gen, aber de­mo­kra­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen kön­nen auch tie­fe Wun­den schla­gen. Fried­rich Merz, der einst An­ge­la Mer­kel im Rin­gen um den Frak­ti­ons­vor­sitz der Uni­on un­ter­le­gen ist, wä­re sonst wohl heu­te gar nicht hier­her­ge­kom­men. Da­mit muss die CDU nach die­sem Par­tei­tag um­ge­hen. Und er muss da­mit um­ge­hen, dass er wie­der ver­lo­ren hat. So viel Ta­lent – und so we­nig For­tu­ne.

Doch die­ser Mo­ment ist noch in wei­ter Fer­ne. Jetzt wird erst ein­mal ge­wählt in die­ser CDU. Es ist der letz­te Akt der er­staun­lichs­ten Wie­der­be­le­bung seit La­za­rus: An­ge­la Mer­kel hat durch ih­ren Ver­zicht auf den Vor­sitz ih­re Par­tei wach ge­küsst – aus­ge­rech­net Mer­kel, der im­mer vor­ge­hal­ten wird, sie ha­be die De­bat­ten in der CDU er­stickt. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nur die hal­be Wahr­heit. Denn die CDU hat es sich über Jah­re im an­ge­neh­men Am­bi­en­te von Mer­kels Wah­l­er­fol­gen auch be­quem ge­macht. Nun aber sind Tau­sen­de Mit­glie­der zu den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ge­strömt, auf de­nen sich die drei Kan­di­da­ten prä­sen­tiert ha­ben; stun­den­lang wur­de dis­ku­tiert. Wei­te­re Tau­sen­de sa­hen sich die Ver­an­stal­tun­gen au­ßer­dem im In­ter­net an, wo­mög­lich so­gar ein paar nei­di­sche So­zi­al­de­mo­kra­ten. Aber jetzt wird ge­wählt. Jetzt gilt’s.

So un­vor­her­seh­bar er­scheint seit Wo­chen und auch in die­sen letz­ten Mi­nu­ten die Ent­schei­dung, so knapp ver­mu­ten die Ken­ner der Par­tei den Aus­gang, dass die De­le­gier­ten nicht nur wis­sen: Je­de Stim­me zählt. Sie müs­sen auch da­mit rech­nen, dass je­de Stim­me die ent­schei­den­de sein kann. Die drei Kan­di­da­ten sit­zen oben auf dem Po­di­um ne­ben­ein­an­der. Sie wäh­len und ge­ben ih­ren Stimm­zet­tel ab. Schickt man da ei­gent­lich als Christ­de­mo­krat ein Stoß­ge­bet hin­ter­her?

Apro­pos. Am frü­hen Mor­gen hat die­ser Tag mit ei­nem Got­tes­dienst im Ham­bur­ger Mi­chel be­gon­nen. Ei­ne öku­me­ni­sche Fei­er in ei­ner pro­tes­tan­ti­schen Kir­che. Die drei Kan­di­da­ten sind al­le ka­tho­lisch, Kramp-Kar­ren­bau­er viel­leicht so­gar noch ein biss­chen ka­tho­li­scher als Fried­rich Merz und Jens Spahn: Sie sitzt seit ei­ni­gen Jah­ren im Zen­tral­ko­mi­tee der Deut­schen Ka­tho­li­ken. Vor dem letz­ten Par­tei­tag in Ber­lin hat­te sie im Got­tes­dienst ei­ne Für­bit­te ge­le­sen und er­hielt bei der Wahl zur Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin prompt 98,87 Pro­zent. Doch dies­mal hat auch der lie­be Gott die Qu­al der Wahl.

Als An­ge­la Mer­kel in die Kir­che kommt, rennt ei­ne Frau hin­ter ihr her und be­schimpft die Kanz­le­rin laut­hals als „Schwein“. Mer­kel geht wei­ter, sie fin­det ei­nen Platz ne­ben Jens Spahn. Viel­leicht fragt sie ihn: Willst du dir so was wirk­lich an­tun? Wenn Spahn über­haupt noch ei­ne Chan­ce auf den Par­tei­vor­sitz hat­te, dann wird er sie spä­ter auf dem Par­tei­tag gleich am An­fang sei­ner Be­wer­bungs­re­de ver­spie­len. Da ver­gleicht er sei­nen Mut, für den Par­tei­vor­sitz zu kan­di­die­ren, mit Hel­mut Kohls Mut, die Chan­ce der Ein­heit zu er­grei­fen. Das Be­frem­den im Saal ist fast mit Hän­den zu grei­fen. Man kann Jens Spahn für den Rest die­ser Ge­schich­te al­so ver­nach­läs­si­gen.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, er­klingt es im Mi­chel. Kramp-Kar­ren­bau­er sitzt ziem­lich weit hin­ten in der Kir­che, ge­schul­det wohl ei­ner Mi­schung aus De­mut und Ver­spä­tung. Merz sitzt in der ers­ten Rei­he, aber von Mer­kel aus ge­se­hen auf der an­de­ren Sei­te des Kir­chen­schiffs. Vier Stro­phen singt die christ­de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­de. In der drit­ten heißt es: „Er ist die rech­te Freu­den­sonn’, bringt mit sich lau­ter Freud’ und Wonn’.“

Fried­rich Merz. Man muss jetzt gar nicht so selbst­ver­ständ­lich tun. Sei­ne Rück­kehr in die­sem Jahr ist ei­ne ab­so­lu­te Sen­sa­ti­on ge­we­sen. „Die Welt hat sich ver­än­dert. Und ich mich üb­ri­gens auch“, hat Merz ge­sagt, als er sich En­de Ok­to­ber in Ber­lin der Pres­se stell­te. Zu­nächst war da­von nichts zu er­ken­nen, Merz klang wie Merz, er re­de­te wie Merz und vor al­lem sah er 2018 ei­gent­lich auch noch aus wie der Merz von vor zehn Jah­ren. Das muss man ihm las­sen.

Sein Wahl­kampf war der Ver­such ei­nes Kunst­stücks: Je­ne be­die­nen, die den Fried­rich Merz von frü­her schät­zen, ja ver­eh­ren, die ei­gent­lich gar nicht wol­len, dass er sich ver­än­dert hat. Bier­de­ckel, Leit­kul­tur. Für die­se An­hän­ger ist er „die rech­te Freu­den­sonn’“. An­de­rer­seits muss­te er auch ge­läu­tert er­schei­nen, mo­de­ra­ter, wo­mög­lich so­gar in der La­ge, noch drei Jah­re als CDUVor­sit­zen­der ei­ne Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on hin­zu­neh­men. Wenn sie es denn um­ge­kehrt aus­hal­ten wür­den mit ihm, Mer­kel und die SPD.

Es war ein Come­back, als wür­de Mat­thi­as Platz­eck noch ein­mal SPD-Vor­sit­zen­der wer­den wol­len. Oder Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg CSU-Chef. Mit dem Un­ter­schied, dass die an sich selbst oder ih­rer Ge­sund­heit ge­schei­tert wa­ren. Merz, fast ei­ne Art Wie­der­gän­ger sei­ner selbst, wur­de 2002 von Mer­kel aus dem Frak­ti­ons­vor­sitz ge­kippt, 2009 schied er aus dem Bun­des­tag aus, frei­wil­lig, wie er ger­ne be­tont, nicht ab­ge­wählt. Er scheint es nicht ver­wun­den zu ha­ben, dass er sich nie an Hö­he­rem be­wei­sen durf­te, und be­haup­te­te jetzt, er kön­ne die CDU wie­der zu al­ter Stär­ke füh­ren und die AfD hal­bie­ren.

Schnell be­lei­digt, oft et­was trot­zig, so war Fried­rich Merz im­mer. Und er ver­gisst nichts

Als An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er ihm im Wahl­kampf um den Vor­sitz vor­rech­ne­te, dass sie im Saar­land je­ne 40 Pro­zent für die CDU ver­gan­ge­nes Jahr schon ein­mal ge­holt ha­be, die er im­mer in Aus­sicht stell­te, da hielt Merz ihr ei­ni­ge Ta­ge spä­ter sein letz­tes Wahl­krei­s­er­geb­nis von mehr als 50 Pro­zent vor, im tief­schwar­zen Sau­er­land hat­te er das ge­holt, 2005, al­so vor 13 Jah­ren. Schnell be­lei­digt, oft et­was trot­zig. So war er im­mer.

15.45 Uhr. Zu­rück auf dem Par­tei­tag. Der ers­te Wahl­gang läuft noch. Na­tür­lich könn­te auch die Stim­me der De­le­gier­ten An­ge­la Mer­kel aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern aus­schlag­ge­bend sein. Sie sitzt oben auf dem Po­di­um, aber nur noch bei den ko­op­tier­ten Mit­glie­dern des Prä­si­di­ums, die Wür­den­trä­ger so­zu­sa­gen. Erst sehr spät klappt auch Mer­kel die Tisch­wahl­ka­bi­ne vor sich auf. Sie ver­schwin­det fast da­hin­ter. Wo Wolf­gang Schäu­b­le wählt, ist nicht zu se­hen.

Kramp-Kar­ren­bau­er ge­gen Merz, das war auch das Du­ell Mer­kel ge­gen Schäu­b­le

Merz ge­gen Kramp-Kar­ren­bau­er. Das ist am En­de ganz of­fen auch das Du­ell Schäu­b­le ge­gen Mer­kel ge­wor­den. Man wuss­te von bei­den, wer wes­sen Fa­vo­rit ist. Mer­kel hat Kramp-Kar­ren­bau­er An­fang des Jah­res zur Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­macht, die da­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­den­tin aus dem klei­nen Saar­land. Sie soll­te ei­ne bes­se­re Aus­gangs­po­si­ti­on für noch Hö­he­res be­kom­men. Für ei­nen Zeit­punkt in der Zu­kunft, ir­gend­wann.

Doch dann ging es we­gen der schlech­ten Land­tags­wahl­er­geb­nis­se und der noch schlech­te­ren Um­fra­ge­zah­len für die CDU im Bund viel schnel­ler ab­wärts mit der Par­tei­vor­sit­zen­den Mer­kel als er­war­tet. Kramp-Kar­ren­bau­er muss­te sprin­gen, al­les ris­kie­ren. Hät­te sie ver­lo­ren, hät­te sie po­li­tisch nichts mehr ge­habt: kein Amt, kein Man­dat. Sie wol­le der Par­tei die­nen, hat­te sie als neue Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­sagt. Im Fal­le ei­ner Nie­der­la­ge hät­te es sich ruck­zuck aus­ge­dient ge­habt.

Merz war drei Jah­re jün­ger als Kram­pKar­ren­bau­er jetzt, als er 2009 aus dem Bun­des­tag aus­schied. Zehn Jah­re spä­ter woll­te er CDU-Chef wer­den. Und Kanz­ler, auch wenn er das so noch nicht ge­sagt hat. Au­ßer den bei­den weiß nie­mand wirk­lich, wer die­se Idee hat­te: Merz selbst oder Schäu­b­le. Aber Schäu­b­le war je­den­falls da­für. Sei­ne öf­fent­li­che Fest­le­gung An­fang der Wo­che hat die­sen Wahl­kampf ver­schärft, ei­ne Art Stell­ver­tre­ter­kon­flikt dar­aus ge­macht: Wes­sen Er­be setzt sich durch? Mer­kels? Schäu­bles? Das letz­te Kräf­te­mes­sen in ei­ner un­ver­gleich­li­chen po­li­ti­schen Zwei­er­be­zie­hung.

Al­le wuss­ten, dass Mer­kel für Kram­pKar­ren­bau­er ist. Und Schäu­b­le für Merz. Aber Mer­kel hat da­zu ge­schwie­gen. Noch auf dem Pres­se­abend vor dem Par­tei­tag sag­te sie, sie ha­be „ab­so­lu­te Neu­tra­li­tät“für „ab­so­lut rich­tig“ge­hal­ten. Schäu­b­le nicht. Im Ge­gen­teil. „Es wä­re das Bes­te für Deutsch­land, wenn Merz ei­ne Mehr­heit auf dem Par­tei­tag er­hal­ten wür­de“, hat er ge­sagt. Das Bes­te nicht für die CDU, fürs gan­ze Land, für die De­mo­kra­tie. Mehr geht nicht. Schon gar nicht von ei­nem Bun­des­tags­prä­si­den­ten.

Aber Schäu­b­le war da­mit auch ein Ri­si­ko ein­ge­gan­gen: Hät­te Merz ge­won­nen, wä­re er nur ein Vor­sit­zen­der ge­we­sen, der Schäu­bles Hil­fe brauch­te. Nun, da Merz ver­lo­ren hat, ist auch Schäu­b­le ein Ver­lie­rer. Er al­ler­dings wird es ver­kraf­ten. Es ist na­tür­lich kei­ne schö­ne Nie­der­la­ge. Mer­kel hat sich trotz al­ler Schwä­chung als zäh er­wie­sen. Trotz­dem ist es für Schäu­b­le ei­ne der wei­t­aus leich­ter aus­zu­hal­ten­den Schick­sals­schlä­ge in sei­nem Le­ben. Für Merz ist es hart. Wie­der ver­lo­ren, als es um al­les ging. Wie­der ver­lo­ren, ob­wohl ihm Schäu­b­le ge­hol­fen hat.

Der ers­te Wahl­gang ist um. 999 De­le­gier­te ha­ben ge­wählt. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat 450 Stim­men, Fried­rich Merz 392, Jens Spahn 157. Es ist ein re­spek­ta­bles Er­geb­nis für Spahn. Und jetzt plötz­lich ist er auch wie­der wich­tig. Denn die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet jetzt: Zu wem ge­hen die Spahn-Wäh­ler?

Zwei­ter Durch­gang. Wie­der wird ab­ge­stimmt, wie­der aus­ge­zählt. Da bleibt Zeit für noch ei­nen Rück­blick auf die­sen Tag. Auf die Be­wer­bungs­re­den. Ih­re Rei­hen­fol­ge wur­de nach dem Al­pha­bet an­ge­ord­net. Kramp-Kar­ren­bau­er hat be­gon­nen.

13.51 Uhr. Kramp-Kar­ren­bau­er re­det erst ein­mal über sich selbst, war­um sie 1981 in die CDU ein­ge­tre­ten sei. Es sei die Zeit der Un­ter­gangs­ängs­te ge­we­sen. Die CDU aber sei die Par­tei ge­we­sen, die im­mer Kurs ge­hal­ten ha­be, spä­ter auch bei der Nach­rüs­tung, dann bei der deut­schen Ein­heit. Die CDU ha­be Men­schen aus al­len La­gern in die po­li­ti­sche Mit­te ge­zo­gen. Kramp-Kar­ren­bau­er braucht im­mer ein biss­chen An­lauf­zeit. Fast vier Mi­nu­ten dau­ert es, bis sie den ers­ten Ap­plaus be­kommt.

Auch heu­te ste­he man vor Pro­ble­men und Her­aus­for­de­run­gen. „Aber die Ant­wort dar­auf liegt bei uns.“Und nur ei­ne schar­fe Atta­cke ge­gen den po­li­ti­schen Geg­ner rei­che ihr für ei­ne star­ke Volks­par­tei nicht aus. Die Bür­ger war­te­ten auf das „Wir ma­chen.“

Kramp-Kar­ren­bau­er ist um Ein­dring­lich­keit be­müht, sie re­det lei­den­schaft­lich, wenn auch auf Dau­er in ei­ner et­was an­stren­gen­den Ton­la­ge. Bil­dung, Di­gi­ta­li­sie­rung, Bü­ro­kra­tie­ab­bau, Leis­tungs­be­reit­schaft, kon­se­quen­ter Staat, das sind ih­re The­men, Mut ihr durch­ge­hen­des Mo­tiv. Man müs­se auch mit lieb ge­wor­de­nen Ge­wohn­hei­ten bre­chen, kla­re Kan­te zei­gen, sagt sie ein­mal. Kla­re Kan­te, das will sie nicht Fried­rich Merz al­lein über­las­sen. Sie ap­pel­liert an die Ein­heit der Uni­on. In­ne­re Stär­ke sei wich­ti­ger als äu­ße­re Laut­stär­ke. Der Ap­plaus nimmt im Lau­fe der Re­de zu. Auch Män­ner ru­fen Bra­vo. Sie holt raus, was raus­zu­ho­len ist. Aber reicht das?

14.15 Uhr. Als Ers­tes äu­ßert Fried­rich Merz Dank und An­er­ken­nung für die „Frau Bun­des­kanz­le­rin“. Und for­dert doch im nächs­ten Satz Auf­bruch und Er­neue­rung. Der Ap­plaus für ihn kommt schnel­ler. Aber Merz lässt sich Zeit, er gibt zu­nächst den Staats­mann und re­det über In­ter­na­tio­na­les. Dann erst biegt er ab in die In­nen­po­li­tik und lan­det als­bald bei der AfD. Mit Ach­sel­zu­cken ha­be die CDU auf sie re­agiert – so hat er es vor ein paar Wo­chen ge­sagt. Kramp-Kar­ren­bau­er hat das als ver­let­zend für vie­le CDU-Mit­glie­der be­zeich­net. Jetzt kor­ri­giert sich Merz: Er strei­te nie­man­dem das Be­mü­hen ab, Wäh­ler von der AfD zu­rück­zu­ho­len. „Doch es ge­lingt uns nicht.“

Im­mer wie­der spricht er über die Kanz­le­rin, er lobt sie so­gar, die „lie­be An­ge­la“

Was der CDU feh­le, sei der Dia­log, das Ver­ständ­nis für die Sor­gen der Men­schen. Aus dem Zu­hö­ren müss­ten Ant­wor­ten ent­ste­hen. Da­für brau­che es auch wie­der den Streit in der CDU selbst. Bil­dung oder Si­cher­heit der Ar­beits­plät­ze sind sei­ne The­men. Die po­pu­lärs­ten For­de­run­gen hebt er sich für das En­de auf: Schutz der Po­li­zis­ten, mehr Un­ter­stüt­zung für Sol­da­ten. Stär­ke ge­gen­über den USA, um re­spek­tiert zu wer­den. Und ganz ne­ben­bei spricht er das 40-Pro­zent-Ziel wie­der an, für die CDU „im gan­zen Land“. Nicht nur im Saar­land, wie Kramp-Kar­ren­bau­er, soll das hei­ßen. Er lässt nichts auf sich sit­zen.

Bei­de pa­cken ei­ni­ges in ih­re rund 20-mi­nü­ti­gen Re­den: Kramp-Kar­ren­bau­er vie­le Ap­pel­le und Zie­le, Merz eher Ana­ly­sen und For­meln. Bei­de wol­len kein The­ma lie­gen­las­sen, nie­man­des In­ter­es­se ver­ges­sen. Im­mer wie­der spricht Merz auch über Mer­kel, nur Gu­tes. Er lobt sie so­gar aus­drück­lich, die „lie­be An­ge­la“, für man­che Stand­haf­tig­keit. Und er ver­spricht, dass man gut mit­ein­an­der aus­kom­men wer­de. Der Ap­plaus am En­de ist ähn­lich wie bei Kram­pKar­ren­bau­er. Die Span­nung steigt.

Und am En­de löst sie sich auf in ei­ner Mi­schung aus Ju­bel und Er­schre­cken. An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hat ge­won­nen. 35 Stim­men Vor­sprung von 999. Sie dankt Merz und Spahn, sie bit­tet bei­de, als Stell­ver­tre­ter zu kan­di­die­ren. Merz lehnt ab. Er muss hart ge­trof­fen sein, aber er ver­hält sich fair. Er lässt sich nichts an­mer­ken.

Spahn wird spä­ter ins Prä­si­di­um ge­wählt. Merz wird nun wie­der in der Wirt­schaft ver­schwin­den. Aber sei­ne An­hän­ger müs­sen be­frie­det wer­den. Kramp-Kar­ren­bau­er hat jetzt ei­nen knall­har­ten Job.

FO­TO: RE­GI­NA SCHMEKEN

Da wa­ren es noch drei: Fried­rich Merz, An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und Jens Spahn (v. links) vor dem ers­ten Wahl­gang.

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