Rot­käpp­chen-Syn­drom

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von mat­thi­as dro­bin­ski

Wenn er das wüss­te, der Wolf! So­gar auf dem CDU-Par­tei­tag in Ham­burg strei­ten die Men­schen über ihn. Und als neu­lich die Bun­des­kanz­le­rin nach Dres­den kam, da heiz­ten ihr die säch­si­schen Par­tei­freun­de ein: Sie las­se den Os­ten mit den Wöl­fen al­lein, und nur die AfD ha­be in die­ser Sa­che das Ohr am Volk. Die wie­der­um klingt, als dro­he Deutsch­lands Un­ter­gang: Hor­den frem­der Räu­ber kä­men il­le­gal über die Gren­ze und frä­ßen deut­sche Läm­mer, Zick­lein, Kälb­chen – und bald auch Kin­der­gar­ten­kin­der. Da hel­fen nur Ober­gren­ze und Ab­schuss­quo­te! Die CDU möch­te nun, ge­trie­ben vom wach­sen­den Wolfs­zorn, das Raub­tier vom Na­tur­schutz- ins Jagd­recht über­füh­ren, was nach An­sicht vie­ler Ex­per­ten we­ni­ger den Scha­fen als viel­mehr dem Men­schen­ge­müt hilft. In länd­li­chen Ge­gen­den hat in­zwi­schen je­der Vier­te Angst vorm Wolf.

Die Wolfs­de­bat­te, die das Land zu­neh­mend spal­tet in Wolfs­kri­ti­ker und Wolfs­freun­de, ist ein schö­nes Bei­spiel für das Wachs­tum des Ir­ra­tio­na­len in der Po­li­tik. Dass es in Deutsch­land wie­der 73 Ru­del plus 30 Wolfs­paa­re gibt, ist zu­nächst ein­mal ein Er­folg: Der Wolf ist wie­der hei­misch im Land. Nur macht er eben auch zu­neh­mend Pro­ble­me. Bau­ern und Schä­fer müs­sen ih­re Tie­re teu­er schüt­zen, mit Elek­tro­zäu­nen, Her­den­schutz­hun­den, furcht­los an­grei­fen­den Eseln. Nicht im­mer aber reicht das aus, und dann lie­gen 50 und mehr Scha­fe in ih­rem Blut, ein Schlag für die Fi­nan­zen und auch die See­le je­des Schä­fers. Das darf ein Land, das mit dem Wolf le­ben will, nicht igno­rie­ren; auch nicht, dass ein­zel­ne Wöl­fe ih­re Men­schen­scheu ver­lie­ren und ge­tö­tet wer­den müs­sen. Es geht um Geld für Bau­ern und Schä­fer, um die Fra­ge, wann ein Wolf ge­schos­sen wer­den soll, um die Er­for­schung des Wolfs­ver­hal­tens. Es geht um ernst zu neh­men­de De­tail­pro­ble­me der Land­wirt­schaft und des Tier­schut­zes.

Nur ist der Wolf eben nicht ein­fach ein Tier. Er ist Pro­jek­ti­ons­flä­che al­ter Ängs­te und neu­er Na­tur­ro­man­tik, ist den ei­nen das mär­chen­haft Lis­ti­ge und Bö­se und den an­de­ren das Sinn­bild für die Ver­söh­nung von Mensch und Na­tur. Nur so ist zu er­klä­ren, dass gan­ze Land­stri­che vom Rot­käpp­chen-Syn­drom er­fasst wer­den, wenn der ers­te Wolf auf­taucht; nur so sind die Be­schimp­fun­gen zu ver­ste­hen, die auf den Land­rat von Gör­litz nie­der­pras­sel­ten, als er ei­nen Wolf zum Ab­schuss frei­gab, der mit­ten im Dorf ei­nen Hund ge­fres­sen hat­te.

Die Wolfs­de­bat­te ist ein schö­nes Bei­spiel für die wach­sen­de Ir­ra­tio­na­li­tät in der Po­li­tik

Der Wolf und sei­ne Un­ter­stüt­zer sind zu­dem für vie­le zum Sym­bol ge­wor­den, dass „die da oben“sie und ih­re Sor­gen ver­ges­sen ha­ben. Vie­le Lau­sit­zer, Sach­sen, Bran­den­bur­ger ge­hö­ren da­zu, die Bau­ern, Schä­fer, Land­be­woh­ner; Men­schen, die der Zorn ge­packt hat, weil die kul­tu­rel­le An­er­ken­nung des Lan­des sich auf der an­de­ren Sei­te ver­sam­melt, bei den Tier­schüt­zern und Städ­tern, den Wolf­sumar­mern, die im­mer auf der Sei­te der Gu­ten ste­hen. Vor al­lem das wird ver­han­delt wer­den, wenn es dem­nächst um den Wolfs­ge­setz­ent­wurf der CDU geht.

Wenn der Wolf das wüss­te! Er wür­de die bern­stein­far­be­nen Au­gen rol­len, über­for­dert da­mit, für all das her­hal­ten zu müs­sen. Er ist halt ein Tier. Und wenn die Men­schen ihm und sich selbst ei­nen Ge­fal­len tun wol­len, be­han­deln sie ihn auch als Tier. Als eins, das sein Le­bens­recht hat – des­sen Läm­mer­hun­ger man aber in Rech­nung stel­len soll­te.

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