Of­fe­ner Macht­kampf

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 4 MEINUNG - Von ste­fan kor­ne­li­us

Ei­nes der gro­ßen Rät­sel der Welt­po­li­tik ist ent­schlüs­selt, ei­ne der letz­ten Un­be­kann­ten in der Glei­chung der Mäch­te scheint auf­ge­löst zu sein: Chi­na und die USA ha­ben ih­re Ri­va­li­tät ak­zep­tiert. Die Zeit von Aus­gleich, ge­deih­li­chem Mit­ein­an­der, be­hut­sa­mer Steue­rung – sie ist vor­bei. Es geht nun nicht mehr um die Mo­da­li­tä­ten des Mit­ein­an­ders, son­dern um die Här­te im Ge­gen­ein­an­der. In Wa­shing­ton je­den­falls wächst ei­ne sel­te­ne Ei­nig­keit zwi­schen al­len po­li­ti­schen La­gern: Die USA müs­sen sich weh­ren ge­gen den Han­dels­gi­gan­ten, den Tech­no­lo­gie­rie­sen, den mi­li­tä­ri­schen Auf­stei­ger Chi­na. Will­kom­men in der neu­en Welt der Su­per­machts­kon­fron­ta­ti­on, in der nur noch nicht ent­schie­den ist, wie hef­tig die Kol­li­si­on aus­fal­len wird.

Seit der Öff­nung des Lan­des vor 40 Jah­ren war der Wes­ten von der Hoff­nung ge­lei­tet, dass Chi­na auf dem Weg der Markt­wirt­schaft auch von den Seg­nun­gen in­di­vi­du­el­ler Frei­hei­ten und des Plu­ra­lis­mus ge­küsst wer­den wür­de, kurz: dass Chi­na ir­gend­wann dem west­li­chen Mo­dell ver­fal­len müss­te. Das war ein Trug­schluss. Viel­mehr hat das Land zwar ei­nen ra­san­ten Auf­stieg ab­sol­viert, es hat Hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen aus der Ar­mut ge­führt und ei­nen be­mer­kens­wer­ten Ehr­geiz da­bei ge­zeigt. Aber es hat auch ei­ne ei­ge­ne Form der Ord­nung ent­wi­ckelt, die nun mehr und mehr Konflikte mit dem Wes­ten pro­vo­ziert.

Mi­li­tä­risch, tech­no­lo­gisch, ideo­lo­gisch, in den Spiel­re­geln der Markt­wirt­schaft, der Trans­pa­renz, Of­fen­heit und der Rechts­staat­lich­keit: Chi­nas Mo­dell wird von ei­ner wach­sen­den Zahl Po­li­ti­ker und Wirt­schafts­füh­rer im Wes­ten als Be­dro­hung wahr­ge­nom­men. Die Land­nah­me oder bes­ser Land­ge­win­nung im Süd­chi­ne­si­schen Meer steht geo­gra­fisch für die­se raum­grei­fen­de Grund­hal­tung, die staat­lich pro­kla­mier­te Tech­no­lo­gie­po­li­tik mit ih­ren stra­te­gi­schen Zu­käu­fen in al­ler Welt ist ih­re öko­no­mi­sche Aus­ge­burt.

All dies fie­le in die Ka­te­go­rie na­tür­li­che und bis­wei­len auch hef­ti­ge Kon­kur­renz, wenn denn der Wett­be­werb un­ter glei­chen Be­din­gun­gen statt­fän­de. Fin­det er aber nicht, we­der un­ter markt­wirt­schaft­li­chen noch un­ter po­li­ti­schen Ge­sichts­punk­ten. Vor al­lem die po­li­ti­sche Ab­sicht hin­ter Chi­nas neu­em Ex­pan­sio­nis­mus löst, wie Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er beim Chi­na-Be­such so tref­fend ge­sagt hat, „ein mul­mi­ges Ge­fühl“aus. Öko­no­mi­sche Ri­va­li­tät lie­ße sich steu­ern, po­li­ti­sche Kon­fron­ta­ti­on mün­det frü­her oder spä­ter in den Sys­tem­kon­flikt.

Zwi­schen den USA und Chi­na ist die Ri­va­li­tät voll ent­brannt. Eu­ro­pa wird es bald spü­ren

Die­ser Wen­de­punkt auf dem Weg zum Kon­flikt ist mit den USA nun er­reicht. Im Haft­be­fehl ge­gen die Hua­wei-Vor­stands­frau Meng Wanz­hou spie­geln sich al­le Ri­va­li­tä­ten um Märkte, Trans­pa­renz, Ver­trags­treue, Kon­trol­le und na­tür­lich die Sys­tem­fra­ge: Wie viel Macht ge­steht man ei­nem Kon­zern in der Steue­rung der Tech­no­lo­gie der Zu­kunft zu, wenn un­klar ist, wer die­sen Kon­zern in wel­cher Ab­sicht tat­säch­lich lenkt?

St­ein­mei­er hat freund­lich im Ton, aber klar in der Sa­che sei­nen chi­ne­si­schen Gast­ge­bern die Gr­und­vor­aus­set­zun­gen für ein ge­deih­li­ches Mit­ein­an­der un­ter­schied­li­cher Sys­te­me ge­nannt: Ver­läss­lich­keit und Be­re­chen­bar­keit. Die USA sind wei­ter, auch weil Trump dem Dia­log den Sau­er­stoff ent­zieht. Hier ste­hen sich nun zwei Groß­mäch­te feind­se­lig ge­gen­über. Deutsch­land und Eu­ro­pa wer­den sich die­sem Sog nicht ent­zie­hen kön­nen.

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