Streit­ge­spräch

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 6 POLITIK -

Ka­ta­ri­na Bar­ley will ei­ne zu­vor­kom­men­de Gast­ge­be­rin sein; des­halb legt sie ei­ne Schach­tel Pra­li­nen aus, als ihr Kon­tra­hent Rein­hard Mer­kel ihr Bü­ro be­tritt. Et­was Ner­ven­nah­rung kann nie scha­den bei ei­nem The­ma, das seit ei­ni­gen Wo­chen nicht nur kon­fron­ta­tiv, son­dern auch be­son­ders er­regt dis­ku­tiert wird. Meh­re­re SZ-Le­ser hat­ten sich in Mails an die Re­dak­ti­on ein Pro und Con­tra in Form ei­nes Streit­ge­sprächs ge­wünscht.

Bar­ley, 50, ist Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin seit März. Mer­kel, 68, war bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung Pro­fes­sor für Rechts­phi­lo­so­phie und Straf­recht an der Uni­ver­si­tät Ham­burg; mit der Kanz­le­rin ist er nicht ver­wandt. Bei­de ge­hö­ren der SPD an, aber sich zu du­zen, wie es in der Par­tei üb­lich ist – das steht am Don­ners­tag­mit­tag in dem Ber­li­ner Mi­nis­te­ri­um nicht ei­ne Se­kun­de lang zur De­bat­te. Bei­de re­den vol­ler Lei­den­schaft, mit Ar­men und mit Hän­den, meis­tens sit­zen sie weit aus­ein­an­der auf dem So­fa. Bei­de hö­ren auch nicht mit dem Dis­ku­tie­ren auf, als nach ei­ner St­un­de ei­gent­lich al­les ge­sagt ist und die Auf­nah­me­ge­rä­te aus­ge­schal­tet wer­den. Was den Pra­li­nen­kon­sum be­trifft: Ka­ta­ri­na Bar­ley nimmt ei­ne, Rein­hard Mer­kel kei­ne.

Herr Mer­kel, der Pakt be­ginnt da­mit, dass „Trieb­kräf­te“mi­ni­miert wer­den soll­ten, die zu Mi­gra­ti­on füh­ren. An­schlie­ßend sagt er: Wenn aber schon Mi­gra­ti­on, dann bit­te fair.

Mer­kel: Rich­tig.

Wo ist dann das Pro­blem?

Mer­kel: In der Wi­der­sprüch­lich­keit. Er sagt, er wol­le Flucht­ur­sa­chen be­kämp­fen und zugleich, dass Mi­gra­ti­on öko­no­misch ein Se­gen sei, und man­che Staa­ten sei­en bloß zu dumm, das zu ver­ste­hen.

Bar­ley: Sie ver­ken­nen eins: Es gibt ei­nen an­de­ren Pakt, der ge­ra­de in den UN zum The­ma Flucht ver­han­delt wird. Ge­nau da­mit be­fasst sich un­ser Pakt näm­lich nicht, son­dern mit Mi­gra­ti­on – zum Bei­spiel zum Ar­bei­ten, zur Aus­bil­dung, oder auch aus Lie­be. Ich weiß nicht, ob Sie Kin­der ha­ben.

Mer­kel: Ich hab’ Kin­der.

Bar­ley: Ich wün­sche mir doch für mei­ne Söh­ne, dass sie in den USA stu­die­ren, in Sin­ga­pur ar­bei­ten und sich in Bra­si­li­en

Frau Bar­ley, was ha­ben Sie in die­sem Ge­spräch ge­lernt?

Bar­ley: Es be­fruch­tet. Ich war sehr ge­spannt, weil ich Herrn Mer­kel ja ei­gent­lich sehr schät­ze. So ein Ge­spräch hilft mir, mei­ne Ar­gu­men­te noch­mals zu schär­fen. Bei dem The­ma wa­bert so vie­les.

Herr Mer­kel, und Sie?

Mer­kel: Na zu­nächst ei­ne Prä­zi­sie­rung von Auf­fas­sun­gen, die ich für falsch hal­te. Und dann die An­re­gung, auch die ei­ge­ne Po­si­ti­on noch mal zu über­den­ken. So geht es mir üb­ri­gens nach je­der De­bat­te mit ei­nem ver­nünf­ti­gen Ge­sprächs­part­ner.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.