Raus aus der Krei­de­zeit

Ein 14-jäh­ri­ger Schü­ler star­tet ei­ne Pe­ti­ti­on für di­gi­ta­les Ler­nen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 7 - Paul mun­zin­ger

Mün­chen – Da­vid Si­mon weiß selbst, dass er es schlech­ter hät­te tref­fen kön­nen. Das Gym­na­si­um, das der 14-Jäh­ri­ge aus Köln im be­nach­bar­ten Brau­wei­ler be­sucht, ver­fügt über nicht we­ni­ger als drei Com­pu­ter­räu­me. „Wenn man sich an­de­re Schu­len an­schaut, ist das Lu­xus“, sagt der Acht­kläss­ler. Aber eben nur dann. Für die meis­ten Schü­ler ste­he nur ei­ner der Räu­me of­fen, die an­de­ren sind der Ober­stu­fe und be­son­de­ren Pro­jek­ten vor­be­hal­ten. Und nicht nur das: Die Rech­ner brauch­ten drin­gend ein Up­date, die Lehr­plä­ne so­wie­so – und im Klas­sen­zim­mer ge­be es statt Whi­te­board und Bea­mer ei­ne klapp­ri­ge Ta­fel und ei­nen Over­head­pro­jek­tor mit di­ckem oran­ge­nen Ka­bel, der nach Mi­nu­ten den Di­enst ver­sa­ge.

Um die Di­gi­ta­li­sie­rung der Schu­len vor­an­zu­trei­ben, hat die Bun­des­re­gie­rung schon 2016 fünf Mil­li­ar­den Eu­ro ver­spro­chen. Doch der Di­gi­tal­pakt Schu­le, der ei­gent­lich im Ja­nu­ar star­ten soll­te, steckt mit al­len vier Rei­fen im fö­de­ra­len Mo­rast fest. Da­vid Si­mon hat sei­nem Är­ger ver­gan­ge­ne Wo­che Luft ge­macht, in Form ei­ner On­line-Pe­ti­ti­on: „#Mo­der­neSchu­le statt #St­ein­zeitSchu­le“. Bis zum Frei­tag tru­gen sich fast 20 000 Un­ter­stüt­zer ein.

Wenn Me­di­en Ge­schich­ten wie je­ne von Da­vid Si­mon auf­grei­fen, ist ei­ne ge­wis­se Vor­sicht ge­bo­ten. Groß ist die Ver­su­chung, ei­nem sper­ri­gen The­ma ein mensch­li­ches Ge­sicht zu ge­ben und auf die Auf­klä­rung ei­nes kom­ple­xen Sach­ver­halts zu­guns­ten ei­ner emo­tio­na­len Bot­schaft zu ver­zich­ten. In die­sem Fall: Die Po­li­tik kriegt es mal wie­der nicht ge­ba­cken. So pau­schal stimmt das nie, und sper­ri­ger als der Streit um den Di­gi­tal­pakt geht es kaum. Dass es aber nicht ge­lun­gen ist, die Auf­blä­hung die­ses Streits zur Schick­sals­fra­ge des Fö­de­ra­lis­mus zu ver­hin­dern, kommt die­ser Ka­te­go­rie schon ge­fähr­lich na­he – egal, ob man auf Sei­ten des Bun­des oder Län­der steht.

Das gilt um­so mehr, als der Di­gi­tal­pakt schon bei sei­ner Grund­stein­le­gung 2016 kei­nes­wegs die Spit­ze des Fort­schritts mar­kier­te. Ein Whi­te­board hat schon Da­vid Si­mons Grund­schu­le an­ge­schafft, da war er in der drit­ten Klas­se, fünf Jah­re ist das her. Um­so mehr är­gert es ihn, dass er jetzt, am Gym­na­si­um, wei­ter dar­auf war­ten muss. Er in­ter­es­siert sich für Com­pu­ter, sein ei­ge­ner PC ist nicht von der Stan­ge, son­dern Mar­ke Ei­gen­bau, ein biss­chen Pro­gram­mie­ren ha­be er auch ge­lernt – in sei­ner Frei­zeit.

Was Da­vid Si­mon sich wün­schen wür­de: ei­ne gu­te Mi­schung. „Man muss jetzt nicht je­des Heft durch ein Ta­blet er­set­zen“, sagt er. Die Schu­le aber soll­te zu­min­dest Com­pu­ter- Grund­kennt­nis­se wie Ta­bel­len­kal­ku­la­ti­on und Text­be­ar­bei­tung ver­mit­teln so­wie Apps oder Er­klär­vi­de­os in den Un­ter­richt ein­bau­en – nicht, um den Leh­rer zu er­set­zen, son­dern um ihn zu ent­las­ten. Und dass Smart­pho­nes im Klas­sen­zim­mer ta­bu sind, fin­det er auch nicht zeit­ge­mäß. Dort sei bis­lang nur ein tech­ni­sches Hilfs­mit­tel er­laubt: der Ta­schen­rech­ner.

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