Men­schen­rech­te, Marx und an­de­re Mei­nun­gen

Bei sei­nem Chi­na-Be­such ver­sucht Bun­des­prä­si­dent St­ein­mei­er, sich be­hut­sam zu äu­ßern, aber das Nö­ti­ge zu sa­gen

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 7 - Sz

Mün­chen – Bei ei­ner Re­de am Frei­tag vor Stu­den­ten ei­ner Uni­ver­si­tät im west­chi­ne­si­schen Si­chuan nann­te Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er die Ver­ab­schie­dung der All­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te vor 70 Jah­ren ei­nen „Glücks­fall der Ge­schich­te“. Ge­mein­sa­me Fun­da­men­te sei­en heu­te wich­ti­ger denn je, sag­te St­ein­mei­er. Die Re­geln der ge­mein­sa­men Ko­ope­ra­ti­on dürf­ten nicht auf­ge­weicht wer­den. Deutsch­land re­spek­tie­re und be­wun­de­re zwar den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung Chi­nas. Al­ler­dings ha­be Deutsch­land lan­ge Zeit er­war­tet, dass Chi­na dem Wes­ten im­mer ähn­li­cher wer­de und sich zu ei­ner li­be­ra­len De­mo­kra­tie ent­wick­le. „Die Er­war­tun­gen ha­ben sich nicht er­füllt.“

Seit Mitt­woch ist St­ein­mei­er auf ei­nem sechs­tä­gi­gen Staats­be­such in der chi­ne­si­schen Volks­re­pu­blik. Das ist bis­her sein längs­ter Aus­lands­auf­ent­halt in ei­nem ein­zel­nen Land. Die Ge­sprä­che mit Chi­nas po­li­ti­scher Füh­rung sind erst für Mon­tag ge­plant. Dann trifft St­ein­mei­er in Pe­king mit Prä­si­dent Xi Jin­ping und Mi­nis­ter­prä­si­dent Li Ke­qiang zu­sam­men. Schwer­punkt sei­nes Staats­be­su­ches sind die ge­sell­schaft­li­chen Fol­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung in Chi­na, die wohl in kei­nem Staat so weit­rei­chend sind wie in dem chi­ne­si­schen Sys­tem. „Mehr Macht für we­ni­ge oder mehr Chan­cen­gleich­heit dank di­gi­ta­ler, frei zu­gäng­li­cher Ide­en“, so for­mu­lier­te St­ein­mei­er

Die Fra­ge, ob Di­gi­ta­li­sie­rung mehr Frei­heit brin­gen soll, hat das Re­gime für sich ge­löst

am Frei­tag ei­ne der drän­gen­den Fra­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung. Die Ge­schich­te des „ost­deut­schen Über­wa­chungs­staats“un­ter­strei­che aus sei­ner Sicht die Not­wen­dig­keit, ei­ne „Ethik der Di­gi­ta­li­sie­rung“zu ent­wi­ckeln.

Auch die zu­neh­men­den Span­nun­gen zwi­schen Pe­king und Ber­lin mach­te St­ein­mei­er in sei­ner Re­de zum The­ma. Die Be­zie­hun­gen sei­en „aufs engs­te ver­wo­ben“. Längst sei­en bei­de Län­der nicht mehr nur Part­ner, son­dern auch Kon­kur­ren­ten. „Vor­stän­de deut­scher Fir­men stö­ren sich nicht sel­ten an schwie­ri­gen Markt­zu­gangs- und In­ves­ti­ti­ons­be­din­gun­gen, die sie in Chi­na vor­fin­den, ge­ra­de im Ver­gleich zu den Re­geln in Deutsch­land“, sag­te St­ein­mei­er.

Vor die­sem Hin­ter­grund be­ton­te er die Be­deu­tung ei­nes in­ten­si­ven Aus­tauschs zwi­schen den bei­den Län­dern, rief aber auch zu „wech­sel­sei­ti­ger Fair­ness“im wirt­schaft­li­chen Wett­be­werb auf. „Chi­na und Deutsch­land ha­ben bei­de von der of­fe­nen in­ter­na­tio­na­len Ord­nung pro­fi­tiert“, sag­te St­ein­mei­er. 40 Jah­re nach der Öff­nung Chi­nas se­he man die Er­fol­ge die­ser Po­li­tik. Das ist auch ein Ap­pell an Pe­king, die Markt­öff­nung wei­ter vor­an­zu­trei­ben – und nicht wie­der um­zu­keh­ren.

So warb St­ein­mei­er auch für ei­ne noch en­ge­re deutsch-chi­ne­si­sche Zu­sam­men­ar­beit, um die in­ter­na­tio­na­le Ord­nung zu ver­tei­di­gen. Ge­ra­de wenn von ein­fluss­rei­chen Mit­be­grün­dern die­ser Ord­nung Zwei­fel ge­sät wür­den, „dann müs­sen wir, Deutsch­land und Chi­na, um­so mehr für die Er­hal­tung die­ser Ord­nung ein­tre­ten, vom Han­del bis zum Kli­ma­schutz und dar­über hin­aus“, sag­te der Bun­des­prä­si­dent. An­ge­sichts der kon­flikt­träch­ti­gen in­ter­na­tio­na­len La­ge sag­te St­ein­mei­er: „Lei­der wird es in der Welt wie­der üb­lich, die Be­zie­hun­gen zwi­schen Staa­ten und Völ­kern schwarz oder weiß zu ma­len.“Das aber pas­se nicht für das in Jahr­zehn­ten ge­wach­se­ne en­ge Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land Sei­ne Lei­den­schaft ent­stamm­te sei­nem Mit­ge­fühl, sei­nem Sinn für die Wür­de und Frei­heit der En­rech­te­ten.“ Un­ver­fäng­li­che Schön­heit: Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er wird ein Alt­stadt­be­zirk im süd­chi­ne­si­schen Guang­zhou prä­sen­tiert. und Chi­na. In vie­len Zu­kunfts­fra­gen hät­ten Deutsch­land und Chi­na ähn­li­che In­ter­es­sen. Wirt­schaft­lich sei­en sie auf­ein­an­der an­ge­wie­sen. „Un­se­re bei­den Län­der sind so eng ver­bun­den wie nie.“

St­ein­mei­er äu­ßer­te am Frei­tag zwar in sei­ner Re­de nicht di­rekt Kri­tik an der La­ge in Xin­jiang. In der west­chi­ne­si­schen Pro­vinz sol­len laut ei­nem Be­richt der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Hu­man Rights Watch über ei­ne Mil­li­on Men­schen auf­grund ih­rer Eth­nie und Re­li­gi­on in La­gern in­haf­tiert sein. Al­ler­dings ver­wies er auf die ei­ge­nen Leh­ren aus der deut­schen Ge­schich­te, die von Un­frei­heit und Un­ter­drü­ckung ge­prägt sei: „Das macht uns be­son­ders sen­si­bel für das, was mit je­nen ge­schieht, die nicht der herr­schen­den Mei­nung sind, die ei­ner eth­ni­schen Min­der­heit an­ge­hö­ren oder ih­re Re­li­gi­on aus­üben wol­len.“Des­halb sei man in Deutsch­land be­sorgt und be­un­ru­higt, wo im­mer per­sön­li­che Frei­hei­ten ein­ge­schränkt wer­den. Auf die Fra­ge ei­nes deut­schen Stu­den­ten aus dem Pu­bli­kum am Frei­tag er­klär­te er da­zu, dass er die La­ge in Xin­jiang bei sei­nen Ge­sprä­chen mit sei­nen po­li­ti­schen Part­ner in Pe­king in den kom­men­den Ta­gen of­fen the­ma­ti­sie­ren wer­de.

Dass Chi­na die­ses Jahr mit viel Ge­tö­se den 200. Ge­burts­tag von Karl Marx ge­fei­ert hat­te, nahm St­ein­mei­er zum An­lass, ei­ne klei­ne An­mer­kung zu des­sen Vi­ta zu er­gän­zen. Marx sei ein gro­ßer deut­scher Den­ker ge­we­sen, aber auch ein lei­den­schaft­li­cher Hu­ma­nist, der bei­spiels­wei­se Pres­se­frei­heit und hu­ma­ne Ar­beits­be­din­gun­gen ge­for­dert ha­be: „Sei­ne Lei­den­schaft ent­stamm­te sei­nem Mit­ge­fühl, sei­nem Sinn für die Wür­de und Frei­heit der Ent­rech­te­ten.“

Beim The­ma Rechts­staat kä­men Deutsch­land und Chi­na aus „un­ter­schied­li­chen Wel­ten.“Die ho­he Wert­schät­zung der Rechts­staat­lich­keit in Deutsch­land sei ei­ne „his­to­ri­sche Er­fah­rung mit Will­kür und Un­rechts­herr­schaft“, sag­te St­ein­mei­er. Zugleich mahn­te er, dass je viel­fäl­ti­ger sich Ge­sell­schaft und pri­va­te Wirt­schaft in Chi­na ent­wi­ckel­ten, um­so grö­ßer wür­de auch das Be­dürf­nis nach Rechts­si­cher­heit und rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren in Chi­na wer­den, die frei blie­ben von will­kür­li­cher Be­ein­flus­sung von au­ßen.

St­ein­mei­er über Karl Marx

FO­TO: BRIT­TA PE­DER­SEN/DPA

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