Die Eh­re der Es­sens­ret­ter

Zwei Frau­en kämp­fen ge­gen Stra­fe für „Con­tai­nern“

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK 7 - Bernd kast­ner

Die Ol­chis sind Kin­der­buch­fi­gu­ren, die auf ei­ner Müll­kip­pe le­ben und al­ler­hand Unap­pe­tit­li­ches an­stel­len. „Ol­chis“nen­nen sich – selbst­iro­nisch – auch zwei Stu­den­tin­nen, die in Ol­ching bei Mün­chen woh­nen und dort beim „Con­tai­nern“er­wischt wur­den. Da­für will die Jus­tiz sie be­stra­fen. Bloß, wie soll das funk­tio­nie­ren, oh­ne das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den vie­ler Bür­ger zu ver­let­zen?

Als Fran­zis­ka St­ein und Ca­ro­li­ne Krüger (Na­men ge­än­dert) noch ge­nieß­ba­re Le­bens­mit­tel aus ei­nem Müll­con­tai­ner des Ol­chin­ger Ede­ka-Mark­tes in ei­ner Ju­ni­nacht in ih­re Ta­schen ge­packt hat­ten, stan­den zwei Po­li­zis­ten ne­ben ih­nen. Die Wa­re muss­te zu­rück in den Con­tai­ner, es folg­ten: Er­mitt­lungs­ver­fah­ren durch die Staats­an­walt­schaft Mün­chen II und Straf­be­fehl des Amts­ge­richts Fürs­ten­feld­bruck. 1200 Eu­ro soll­te je­de der Frau­en zah­len, oh­ne öf­fent­li­che Ver­hand­lung.

Die Staats­an­walt­schaft sieht ein be­son­de­res öf­fent­li­ches In­ter­es­se an der Straf­ver­fol­gung

Das leh­nen St­ein, 25, und Krüger, 28, ab. Nicht nur, weil ih­nen 2400 Eu­ro für ein paar Ki­lo ent­sorg­te Le­bens­mit­tel zu teu­er sind; son­dern auch, weil sie ge­gen Ver­schwen­dung kämp­fen, und auch ge­gen die Straf­bar­keit des Con­tai­nerns. Jus­tiz und „Le­bens­mit­tel­ret­ter“, wie sich „Con­tai­ne­rer“ger­ne nen­nen, agie­ren in ei­ner Grau­zo­ne: Wem ge­hört die Wa­re in der Ton­ne? Wel­chen Wert hat sie? Kann man je­man­dem über­haupt klau­en, was der gar nicht mehr ha­ben woll­te? Man mag den Ver­zehr von Obst und Jo­ghurt aus der Ton­ne ek­lig fin­den – aber muss es der Staat be­stra­fen? Ja, sagt die Jus­tiz und er­hebt den Vor­wurf des „be­son­ders schwe­ren Dieb­stahls“.

Zwei Pro­zess­ter­mi­ne hat­te das Ge­richt schon ab­ge­sagt, nun wur­de auch der drit­te kom­men­den Mon­tag ge­stri­chen. War­um? „Di­enst­li­che Grün­de“, heißt es im Brief des Ge­richts an die An­ge­klag­ten. Da­hin­ter ver­birgt sich der Ver­such der Jus­tiz, die Sa­che doch noch lei­se zu re­geln. Die Spre­che­rin der Staats­an­walt­schaft be­tont, dass der Straf­be­fehl nur des­halb er­gan­gen sie, weil die „Ol­chis“ei­ne Ein­stel­lung ge­gen Geld­auf­la­ge ver­wei­gert hät­ten. Nun liegt den Frau­en ein neu­es „An­ge­bot zur Gü­te“vor: Statt je 1200 Eu­ro Stra­fe sol­len St­ein und Krüger acht So­zi­al­stun­den ab­leis­ten. Es ist ein be­mer­kens­wer­tes An­ge­bot – sie sol­len bei der „Ta­fel“ar­bei­ten: Da­für, dass sie Le­bens­mit­tel vor der Ver­nich­tung ret­ten woll­ten, will die Jus­tiz die „Ol­chis“be­stra­fen, in­dem sie der „Ta­fel“hel­fen, die ih­rer­seits Le­bens­mit­tel vor Ver­nich­tung be­wahrt.

Der zu­stän­di­ge Amts­rich­ter in Fürs­ten­feld­bruck hat in ei­nem Brief an die „Ol­chis“auch sein Di­lem­ma for­mu­liert: „Das Ge­richt kann durch­aus nach­voll­zie­hen, dass die An­ge­klag­ten durch ihr Han­deln le­dig­lich auf den kri­tik­wür­di­gen Um­gang un­se­rer Ge­sell­schaft mit Le­bens­mit­teln hin­wei­sen woll­ten.“Aber die Staats­an­walt­schaft ha­be nun mal „das be­son­de­re öf­fent­li­che In­ter­es­se an der Straf­ver­fol­gung be­jaht“, das Mo­tiv für die Tat sei „nicht re­le­vant“. Auf ei­nen Frei­spruch bräuch­ten die An­ge­klag­ten je­den­falls nicht zu hof­fen.

„Ol­chi“-An­wäl­tin Su­san­ne Kel­ler nennt das Ver­fah­ren „ab­surd“, die Jus­tiz ver­su­che nun, aus ei­ner „Sack­gas­se“her­aus­zu­fin­den. St­ein und Krüger leh­nen ei­nen aus ih­rer Sicht fau­len De­al ab, sie wol­len kei­ne auch noch so ge­rin­ge Stra­fe ak­zep­tie­ren. Sie wol­len ei­nen Frei­spruch. Und sie wol­len die Dis­kus­si­on über das ei­gent­li­che The­ma am Lau­fen hal­ten: Mil­lio­nen Ton­nen Le­bens­mit­tel lan­den in Deutsch­land auf dem Müll, Jahr für Jahr. Das wol­len sie de­bat­tie­ren. Zwar wird am Mon­tag nicht ver­han­delt, aber zu ei­ner Kund­ge­bung vor dem Ge­richt in Fürs­ten­feld­bruck ru­fen die „Ol­chis“trotz­dem auf. Fürs leib­li­che Wohl der De­mons­tran­ten ist ge­sorgt – „mit le­cke­rem ge­ret­te­tem Es­sen“.

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