Der Schmer­zens­mann

Wirt­schafts­mi­nis­ter Tria hat in Ita­li­ens spen­dier­freu­di­ger Po­pu­lis­ten-Re­gie­rung ei­nen schwe­ren Stand. In Rom fra­gen sich vie­le, wie lan­ge er durch­hält

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 8 POLITIK - Oli­ver mei­ler

Rom – Manch­mal er­klärt Sa­ti­re mehr als lan­ge Ana­ly­sen. Et­wa im Fall von Gio­van­ni Tria, dem par­tei­lo­sen ita­lie­ni­schen Wirt­schafts­und Fi­nanz­mi­nis­ter. Der be­rühm­te Ko­mi­ker und Imi­ta­tor Mau­ri­zio Croz­za, der in sei­nen oft­mals bril­lan­ten TV-Sket­chen das po­li­ti­sche Per­so­nal des Lan­des per­si­fliert, un­ter Ein­be­zie­hung von Mas­ke und Ac­ces­soires, spielt Tria neu­er­dings fast täg­lich. Der Mi­nis­ter er­scheint da als Pro­fes­sor im stän­di­gen Zwie­spalt zwi­schen volks­wirt­schaft­li­cher Ver­nunft und auf­ge­zwun­ge­nem Wahn­sinn – als Gei­sel der Po­pu­lis­ten. Er wie­der­holt al­so al­le Pa­ro­len von Le­ga und Cin­que Stel­le im Haus­halts­streit mit Brüs­sel, schüt­telt da­zu aber im­mer­zu den Kopf, mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen, und flüs­tert ganz lei­se: „Holt mich hier raus.“Da muss sich ei­ner je­den Tag ver­bie­gen.

In Ita­li­en wird nun wie­der dar­über spe­ku­liert, dass der rö­mi­sche Wirt­schafts­pro­fes­sor sein Amt nie­der­le­gen könn­te – end­gül­tig zer­mürbt von den tak­ti­schen Spiel­chen sei­ner Ka­bi­netts­kol­le­gen. Am jüngs­ten Re­gie­rungs­gip­fel zum Haus­halt hat er gar nicht teil­ge­nom­men, was für ei­nen Schatz­mi­nis­ter doch recht un­ge­wöhn­lich ist. Die Zei­tung Cor­rie­re del­la Se­ra schreibt über die Be­zie­hung Tri­as zum Rest der obers­ten Mi­nis­ter­rie­ge: „Die gro­ße Käl­te hat nun si­bi­ri­sche Wer­te er­reicht.“Die Re­pubb­li­ca ge­braucht ein ähn­li­ches Bild und spricht von „Frost“.

Wür­de Tria tat­säch­lich in den kom­men­den Ta­gen zu­rück­tre­ten, mit­ten in der lau­fen­den Par­la­ments­de­bat­te über den Etat für 2019, wä­re das ein har­ter Schlag für die oh­ne­hin schon an­ge­schla­ge­ne Glaub­wür­dig­keit Ita­li­ens an den Märk­ten und bei den eu­ro­päi­schen Part­nern. Ein Rück­tritt wä­re aber auch un­lo­gisch, ge­ra­de jetzt, wo Tria die bei­den Vi­ze­pre­miers Mat­teo Sal­vi­ni und Lu­i­gi Di Maio end­lich zur Rä­son ge­bracht hat, ein biss­chen we­nigs­tens. Sie ha­ben si­gna­li­siert, dass sie bei der ge­plan­ten Neu­ver­schul­dung um ei­ni­ge De­zi­mal­stel­len nach­ge­ben wer­den, so wie es Tria im­mer ge­for­dert hat­te. Um wie viel ge­nau, ist noch im­mer nicht klar.

Im Haus­halts­streit kommt Rom der EU nun of­fen­bar ent­ge­gen – ein klei­nes biss­chen zu­min­dest

Vor­ge­se­hen war mal ein De­fi­zit von 2,4 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts – drei Mal so viel wie einst mit der EU ver­ein­bart. Nun sieht es so aus, als sei­en Sal­vi­ni und Di Maio be­reit, die Aus­ga­ben für ih­re wich­tigs­ten Wahl­ver­spre­chen, die Ren­ten­re­form re­spek­ti­ve den Bür­ger­lohn, um je rund 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zu stut­zen. Da­mit wä­re man dann bei ei­ner Neu­ver­schul­dung von 2,1 Pro­zent. Das reicht aber nicht aus: Brüs­sel er­war­tet wohl ei­ne Sen­kung auf 1,9 Pro­zent. Die Quo­te wä­re ganz im Sinn Tri­as, der hat­te im­mer ein De­fi­zit von un­ter zwei Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung an­ge­mahnt. Und ge­nau das ist das Pro­blem: Sal­vi­ni und Di Maio fin­den, der Mi­nis­ter ha­be die Kar­ten viel zu früh of­fen­ge­legt. Es ist wie beim Po­kern: Man hät­te Brüs­sel ganz ger­ne noch et­was län­ger hin­ge­hal­ten.

Nun soll Pre­mier Gi­u­sep­pe Con­te al­lei­ne mit der EU ver­han­deln und mit ei­nem Kom­pro­miss mög­lichst ver­hin­dern, dass ein De­fi­zit­ver­fah­ren ge­gen Ita­li­en ein­ge­lei­tet wird. Und Tria? Der wuss­te von An­fang an, dass sein Pos­ten ein be­son­ders zen­tra­ler und aus­ge­stell­ter sein wür­de. An sei­ner Stel­le war der Eu­ro­pa- und Eu­ro­kri­ti­ker Pao­lo Sa­vo­na vor­ge­se­hen ge­we­sen, eben­falls Wirt­schafts­pro­fes­sor, vor­ge­schla­gen von der Le­ga. Der 80-jäh­ri­ge Sa­vo­na war als Pro­vo­ka­ti­on ge­dacht, als kämp­fe­ri­sche Bot­schaft an die Adres­se Brüs­sels. Ita­li­ens Staats­prä­si­dent dräng­te statt­des­sen auf Gio­van­ni Tria, die­ser soll­te das Aus­land be­ru­hi­gen. Das ge­lang ihm zwar nicht, die Ve­r­un­si­che­rung an der Bör­se wuchs. Doch am En­de hat es den An­schein, als set­ze sich die ver­nünf­ti­ge Li­nie durch.

Die Fünf Ster­ne fin­den trotz­dem, Tria müs­se weg. Und zwar so­fort. Er wä­re ein idea­ler Sün­den­bock. Sie konn­ten ihn nie lei­den, weil er ih­nen zu ri­go­ros ist. Als der Fi­nanz­mi­nis­ter Di Maio ein­mal klar­ge­macht hat­te, dass das Geld in der Kas­se ein­fach nicht aus­rei­chen wür­de für al­le schö­nen Ver­hei­ßun­gen der Cin­que Stel­le, ging der jun­ge „Ca­po po­li­ti­co“der Be­we­gung ins Fern­se­hen und sag­te: „Was ist denn das für ein Fi­nanz­mi­nis­ter, der die Res­sour­cen in der Kas­se nicht fin­det?“

Als wä­re es ei­ne Os­te­rei­er­su­che. Es sind eben er­gie­bi­ge Zei­ten für Ita­li­ens Sa­ti­ri­ker.

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