Angst­frei und um­welt­be­wusst

Erst­mals re­giert in Me­xi­ko-Stadt ei­ne ge­wähl­te Bür­ger­meis­te­rin

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 POLITIK - Se­bas­ti­an scho­epp

Mün­chen – Als ers­tes ließ sie die schuss­si­che­ren Fens­ter im Rat­haus ent­fer­nen. Clau­dia Shein­baum ist der Mei­nung, sie ha­be kei­nen Grund, Angst zu ha­ben – was für ei­ne me­xi­ka­ni­sche Links­po­li­ti­ke­rin ei­ne mutige Aus­sa­ge ist. Spä­ter wit­zel­te die neue Bür­ger­meis­te­rin von Me­xi­ko-Stadt, sie wer­de die 500 Ki­lo schwe­ren Tei­le zu­sam­men mit dem Prä­si­den­ten­flug­zeug ver­kau­fen, das der neue Staats­chef An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor au­ßer Di­enst ge­stellt hat. Die­ser Gleich­klang in den Ab­sich­ten ist kein Zu­fall. Clau­dia Shein­baum, die nun ihr Amt an­ge­tre­ten hat, ge­hört zu López Ob­ra­dors Link­s­par­tei Mo­re­na – da­mit sind nun die Prä­si­dent­schaft, der Se­nat und die Haupt­stadt in lin­ker Hand. Das hat es noch nie ge­ge­ben, es zeigt, wie groß der Wunsch der Wäh­ler nach Wan­del war.

Im Fal­le Me­xi­ko-Stadts ist die­ser auch an­ge­zeigt. Die größ­te Stadt Nord­ame­ri­kas hat ein ge­wal­ti­ges Si­cher­heits-, Kor­rup­ti­ons­und Um­welt­pro­blem. Vor al­lem für die Lö­sung von Letz­te­rem scheint die 56-jäh­ri­ge Shein­baum die rich­ti­ge Per­son zu sein. Die Toch­ter jü­di­scher Im­mi­gran­ten aus Bul­ga­ri­en und Li­tau­en ist stu­dier­te Phy­si­ke­rin, sie be­sitzt ei­nen Dok­tor in Um­welt­tech­nik, forsch­te in Ka­li­for­ni­en und war Mit­glied des UN-Welt­kli­ma­rats. Sie war von 2000 bis 2006 Um­welt­se­kre­tä­rin in Me­xi­ko-Stadt, als López Ob­ra­dor dort als Bür­ger­meis­ter am­tier­te. Da­mals gab es ers­te Ve­rän­de­run­gen – bes­se­re Ka­na­li­sa­ti­on, mehr Grün, au­to­freie Sonn­ta­ge, die den Me­xi­ka­nern das Rad­fah­ren na­he­brin­gen sol­len. Das ist un­ter nor­ma­len Um­stän­den ein sui­zi­da­les Un­ter­fan­gen an­ge­sichts des Me­gaVer­kehrs. Shein­baum hat mehr Elek­tro­bus­se ver­spro­chen, will den öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr stär­ken und den In­di­vi­du­al­ver­kehr re­gu­lie­ren.

Als Aka­de­mi­ke­rin for­mu­liert Shein­baum prä­zi­se, über­legt ge­nau, was sie sagt, und hegt Vor­be­hal­te ge­gen po­pu­lis­tisch an­mu­ten­de Dis­kur­se, wie sie López Ob­ra­dor manch­mal in­to­niert. Ih­re Vor­bil­der sind die Bür­ger­meis­te­rin­nen von Bar­ce­lo­na, Ada Co­lau, und Ma­nue­la Car­me­na in Ma­drid, die eben erst gro­ße Tei­le des Au­to­ver­kehrs aus dem Stadt­zen­trum ver­bannt hat und da­bei ge­wal­ti­ge Vor­be­hal­te der Ma­cho-Au­to­fah­rer­lob­by über­win­den muss­te. Ge­hört zur Link­s­par­tei Mo­re­na: Clau­dia Schein­baum.

Von gro­ßen Ver­spre­chun­gen nimmt Clau­dia Shein­baum eher Ab­stand. Ein paar kla­re Maß­nah­men hat sie aber an­ge­kün­digt: Als ers­te ge­wähl­te Re­gie­rungs­che­fin von Me­xi­ko-Stadt – so der of­fi­zi­el­le Ti­tel – will sie mehr für die Si­cher­heit von Frau­en tun. Die Zahl von Frau­en­mor­den ist in Me­xi­ko-Stadt be­son­ders hoch. Sie will die Struk­tur der Po­li­zei ver­än­dern, die von vie­len Bür­gern mehr als Be­dro­hung wahr­ge­nom­men wird. Shein­baum will Pri­vi­le­gi­en in den Äm­tern be­sei­ti­gen, die Stadt­ver­wal­tung ver­klei­nern und die Kor­rup­ti­on be­kämp­fen. Mit dem ein­ge­spar­ten Geld sol­len un­ter an­de­rem Be­hau­sun­gen für die Op­fer des Erd­be­bens von 2017 be­zahlt wer­den. Vor al­lem aber will sie sich nicht im Rat­haus ein­mau­ern. Die Ent­fer­nung der Si­cher­heits­fens­ter war da ein ers­ter sym­bo­li­scher Akt.

FO­TO: SERGEI GRITS/AP

Sie zwan­gen das al­te Re­gime in die Knie: Im April gin­gen Hun­dert­tau­sen­de auf die Stra­ße in Ar­me­ni­ens Haupt­stadt Eri­wan.

FO­TO: AFP

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