Der Traum vom ganz neu­en Land

Im Früh­jahr feg­te die „sam­te­ne Re­vo­lu­ti­on“in Ar­me­ni­en ei­ne Herr­schaft hin­weg, in der die Kor­rup­ti­on bes­ser ge­dieh als die Wirt­schaft. Mit der Wahl am Sonn­tag soll die Ve­rän­de­rung auch im Par­la­ment ver­an­kert wer­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 10 POLITIK - Von frank nien­huy­sen

Ed­schmi­atsin/Eri­wan – Sie will Ve­rän­de­rung, das Düs­te­re aus der Ver­gan­gen­heit los­wer­den. Dia­na Gas­par­jan steht in ih­rem Bür­ger­meis­ter­zim­mer, sie schaut an die Wand und sagt, noch vor der ers­ten Fra­ge, „die bei­den Bil­der sind mir zu dun­kel, ich wer­de sie aus­tau­schen“. Dann knöpft sie sich die Mö­bel vor. Dun­kel­brau­ner Schreib­tisch, alt­ba­cke­ne Stuhl­rei­hen, könn­te schon zur So­wjet­zeit hier so aus­ge­se­hen ha­ben. „Nicht mein Ge­schmack, vie­les ist alt“, sagt sie, „das än­de­re ich, so­bald ich da­zu kom­me.“Neue Zei­ten bre­chen al­so an, im Bür­ger­meis­ter­zim­mer von Dia­na Gas­par­jan, aber auch in ih­rer Stadt Ed­schmi­atsin, in ih­rem Land Ar­me­ni­en.

Gas­par­jan ist 30, die ers­te Frau, die je­mals in dem Kau­ka­sus-Staat ein Bür­ger­meis­ter­amt aus­übt. Sie kann nicht sa­gen, dass sie das ge­wollt hät­te. Ihr ers­ter Ge­dan­ke war, freund­lich ab­zu­leh­nen, als sie sich im Früh­jahr von der Re­vo­lu­ti­ons­wel­le er­fas­sen ließ und der neue Mi­nis­ter­prä­si­dent Ni­kol Pa­schin­jan sie bat, das Amt vor­läu­fig zu über­neh­men. Sie kennt Pa­schin­jan schon lan­ge, aber sie hat­te ja ei­nen gu­ten Job, war Ju­ris­tin im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. „Ich dach­te dann, gut, ich ma­che das jetzt bis zur Neu­wahl, aber die Bür­ger hier wer­den nie­mals ei­ne Frau wäh­len.“Gas­par­jan irr­te sich, und er­hielt die ab­so­lu­te Mehr­heit. Seit dem Herbst ist Gas­par­jan ein Sym­bol für die Zei­ten­wen­de. Die Ar­me­ni­er seh­nen sich nach Auf­bruch, dem En­de der al­ten Eli­te, am Sonn­tag dürf­te sich das auch bei der Par­la­ments­wahl zei­gen.

Der Volks­tri­bun Pa­schin­jan ist nach der „sam­te­nen Re­vo­lu­ti­on“im Früh­jahr Mi­nis­ter­prä­si­dent ge­wor­den, jetzt will er, dass die neu­en Macht­ver­hält­nis­se auch im Par­la­ment ze­men­tiert wer­den. Die bis­lang do­mi­nie­ren­de Re­pu­bli­ka­ni­sche Par­tei hat längst ka­pi­tu­liert und als Ziel Platz zwei aus­ge­ru­fen. Um den muss sie al­ler­dings kämp­fen. Vie­le Mit­glie­der ha­ben die al­te Par­tei der Macht il­lu­si­ons­los ver­las­sen, man­che ha­ben sich ge­schmei­dig Pa­schin­jan an­ge­schlos­sen, der be­wusst auch Ver­tre­ter von Bür­ger­initia­ti­ven in sein Team hol­te. Wenn nicht ein Wun­der ge­schieht, wird sei­ne Al­li­anz „Mein Schritt“, die vor al­lem aus der Par­tei Zi­vil­ver­trag be­steht, mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit ge­win­nen. Im Land wird al­len­falls ge­rät­selt, ob es für die üb­ri­gen Par­tei­en über­haupt zu nen­nens­wer­ter Op­po­si­ti­on reicht. So viel Rück­halts konn­te sich noch kein ar­me­ni­scher

„Es gab hier ei­ne Dik­ta­tur, ei­ne At­mo­sphä­re der Furcht“

Po­li­ti­ker zu­vor ge­wiss sein. Im Früh­jahr hat­te Pa­schin­jan ei­nen Pro­test­marsch bis in die Haupt­stadt Eri­wan an­ge­führt, dem sich mehr als 100 000 Men­schen an­schlos­sen. Sie trotz­ten dem fre­chen Ver­such des eins­ti­gen Prä­si­den­ten Sersch Sargs­jan, nach sei­nem Ab­tritt in das nun mäch­ti­ge­re Amt des Pre­miers zu wech­seln. Die Ar­me­ni­er ha­ben dies ver­hin­dert. Das Re­gime beug­te sich dem Druck der Stra­ße. Nun soll die Re­vo­lu­ti­on voll­endet wer­den.

Dia­na Gas­par­jan hat­te sich am Auf­stand be­tei­ligt. „Bis 18 Uhr war ich im Mi­nis­te­ri­um, dann ging ich auf den Platz der Re­pu­blik und un­ter­stütz­te Pa­schin­jan“, sagt sie. Es ging um mehr De­mo­kra­tie, Trans­pa­renz, da­ge­gen, dass we­ni­ge Mäch­ti­ge Po­li­tik, Wirt­schaft und Ge­sell­schaft di­ri­gie­ren wie ih­ren Be­trieb. Sie kennt die Will­kür auch aus ih­rer Hei­mat­stadt.

Ed­schmi­atsin ist ei­ne Kle­in­stadt na­he Eri­wan, und doch sehr viel mehr: Sie gilt als hei­li­ge Stadt, ist Zen­trum der ar­me­nisch-apos­to­li­schen Kir­che, Sitz des Ka­tho­li­kos. Was man auch sieht au­ßer der präch­ti­gen Ka­the­dra­le, sind Ar­mut, re­no­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Stra­ßen, her­un­ter­ge­kom­me­ne Rei­hen­häu­ser, von de­ren Bal­ko­nen auf­ge­häng­te Wä­sche bau­melt. „Ed­schmi­atsin hat Po­ten­zi­al, aber es wur­de nie ge­nutzt“, sagt die neue Bür­ger­meis­te­rin. „Es gab hier ei­ne Dik­ta­tur, ei­ne At­mo­sphä­re der Furcht.“Fast 20 Jah­re herrsch­te Man­wel Gri­gor­jan, ein ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral und Ab­ge­ord­ne­ter der Re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei. Gas­par­jan sagt, „er war der Chef von al­lem, er konn­te je­man­dem ver­bie­ten, hier zu ste­hen oder dort zu par­ken. Vie­le ha­ben sich nicht ge­traut, ein Ge­schäft zu er­öff­nen, aus Furcht, je­mand könn­te An­tei­le ein­for­dern“. Gri­gor­jans Sohn war Bür­ger­meis­ter, Gas­par­jans Vor­gän­ger. Er trat zu­rück, sein Va­ter wur­de fest­ge­nom­men. Und Gas­par­jan bas­telt nun an der Zu­kunft.

Stra­ßen müs­sen er­neu­ert wer­den, al­te Dä­cher re­pa­riert, Grün­flä­chen an­ge­legt wer­den. Wo an­fan­gen, wo auf­hö­ren? Der EU-Ver­tre­ter in Ar­me­ni­en hat ihr be­reits Hil­fe si­gna­li­siert, da­zu setzt sie auf Fund­rai­sing, auf neue Spon­so­ren, Misch­fi­nan­zie­run­gen wie Crowd­fun­ding, Gas­par­jan will die Bür­ger mit ab­stim­men las­sen, wel­che Pro­jek­te Vor­rang be­kom­men sol­len. Nur: Trans­pa­rent und ge­set­zes­treu soll jetzt al­les ver­lau­fen, „das müs­sen al­le ak­zep­tie­ren“, sagt die Bür­ger­meis­te­rin.

Es ge­hört Idea­lis­mus da­zu, die Stel­le im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um auf­zu­ge­ben und nun für 400 Dol­lar mo­nat­lich müh­sam ge­gen Kor­rup­ti­on an­zu­ar­bei­ten. Gas­par­jan sagt ja sel­ber, die Kor­rup­ti­on sei auch des­halb so groß, weil Mi­nis­ter, Staats­an­wäl­te, Be­am­te, Bür­ger­meis­ter so we­nig ver­die­nen, „aber ich über­neh­me die Ver­ant­wor­tung, auch für die­ses Ge­halt zu ar­bei­ten“.

Schwer ge­nug, in Ed­schmi­atsin die Wen­de zu schaf­fen, Pa­schin­jan will sie für ganz Ar­me­ni­en. Der­art groß sind die Hoff­nun­gen, dass Ent­täu­schun­gen kaum aus­blei­ben wer­den. „Es braucht viel­leicht Ge­ne­ra­tio­nen, denn die Pro­ble­me lie­gen im Sys­tem: die Kor­rup­ti­on, die Ver­flech­tung von Po­li­tik und Wirt­schaft“, sagt Alex­an­der Iskan­dar­jan, Di­rek­tor des Kau­ka­sus-In­sti­tuts in Eri­wan. „Es ist ein Un­ter­schied, ge­gen ein­zel­ne kor­rup­te Per­so­nen vor­zu­ge­hen oder Kor­rup­ti­on als sol­che zu be­en­den. Bis­her kann ich erst we­ni­ge kon­kre­te Ver­bün­de­te: Ni­kol Pa­schin­jan ist seit dem Um­sturz Re­gie­rungs­chef Ar­me­ni­ens. Er über­zeug­te Dia­na Gas­par­jan, Bür­ger­meis­te­rin in Ed­schmi­atsin zu wer­den. Zä­sur im Hand­um­dre­hen. Im Sü­den liegt Iran, im Nor­den Ge­or­gi­en und dann Russ­land, mit dem Ar­me­ni­en ein prag­ma­ti­sches Ver­hält­nis pflegt. Dass Pa­schin­jan mit ei­ner Re­vo­lu­ti­on das al­te Re­gime hin­weg­ge­fegt hat und von De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit re­de­te, wur­de in Mos­kau mit Miss­trau­en ge­se­hen. Doch Pa­schin­jan konn­te den Kreml be­ru­hi­gen, dass es ihm nicht um die EU oder Russ­land ge­he, son­dern um Ar­me­ni­ens Wohl. Für das er Russ­land eben auch braucht.

Russ­land lie­fert Gas, und mit Waf­fen und Sol­da­ten auch Si­cher­heit ge­gen die Tür­kei und Aser­bai­dschan. Und es bie­tet in der Eu­ra­si­schen Wirt­schafts­uni­on ei­nen Markt für ar­me­ni­sche Wa­ren. Mit der EU wie­der­um ist Ar­me­ni­en durch das Part­ner­schafts­ab­kom­men Ce­pa ver­bun­den. Es herrscht ein Ge­fühl nö­ti­ger Ba­lan­ce, auch bei Pa­schin­jan, der frü­her sei­ne Sym­pa­thie für den Wes­ten ge­zeigt hat, nun aber auch den Kon­takt mit Wla­di­mir Pu­tin ge­sucht hat. „Er hat auch kei­ne Wahl“, sagt Iskan­dar­jan, „die meis­ten mei­ner Stu­den­ten wol­len zwar nach Eu­ro­pa, ler­nen Eng­lisch. Aber Ar­me­ni­en will kein Kampf­platz sein zwi­schen Russ­land und der EU.“

Der Be­völ­ke­rung ist dies völ­lig be­wusst, sie will ein­fach, dass Will­kür und Vet­tern­wirt­schaft en­den, Platz ma­chen für Auf­schwung und hö­he­re Ge­häl­ter. Sa­ra An­jar­go­li­an glaubt dar­an. Noch nie so sehr wie jetzt. Bis vor sechs Jah­ren war sie An­wäl­tin in Los An­ge­les. Sie stammt aus ei­ner der vie­len ar­me­ni­schen Dia­spo­ra-Fa­mi­li­en, die we­gen des Ge­no­zids vor hun­dert Jah­ren den Kau­ka­sus ver­las­sen ha­ben, aus der Fer­ne Geld in das un­ab­hän­gi­ge Ar­me­ni­en schi­cken und den Staat ent­las­ten. Sie sagt, „das Geld von der Dia­spo­ra ha­ben die frü­he­ren Re­gie­run­gen im­mer sehr gern ge­se­hen, nicht aber die Leu­te sel­ber, mit ih­ren Wer­ten von De­mo­kra­tie und Frei­heit.“

Jetzt glaubt sie nicht nur an die po­li­ti­sche Re­vo­lu­ti­on, son­dern auch an die wirt­schaft­li­che. An Ar­me­ni­en als IT-Land, in dem sich be­reits ei­ne Grün­der­sze­ne ent­wi­ckelt hat mit vie­len Start-ups, die Pa­schin­jan aus­bau­en will. An mehr Tou­ris­mus. An­jar­go­li­an sitzt in ei­nem Bü­ro in­mit­ten der Haupt­stadt, sie ist Che­fin von Im­pact Hub Eri­wan, das sich als Ide­en-Zen­trum ver­steht, mit Be­ra­tung und Netz­wer­ken hilft. Sie schaut di­rekt auf den Platz der Re­pu­blik, wo auf dem Re­gie­rungs­ge­bäu­de die ar­me­ni­sche Fah­ne weht und im April mehr als 100 000 Men­schen de­mons­trier­ten. Sie sagt, „end­lich wer­den die Mo­no­po­le der Olig­ar­chen auf­ge­bro­chen. Die Men­schen wer­den jetzt ernst ge­nom­men, der Pre­mier fährt nicht mehr hin­ter schwar­zen Au­to­fens­tern an ih­nen vor­bei.“Neu­lich hör­te sie ih­ren Zahnarzt te­le­fo­nie­ren, er wies ei­nen Be­ste­chungs­ver­such ab. „Jetzt gibt es ei­ne an­de­re Furcht, näm­lich die, et­was an­zu­neh­men“, sagt An­jar­go­li­an, „lang­sam än­dert sich was.“

FO­TO: OH

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.