Gu­te Nacht, Brum­mi

Lkw-Fah­rer sol­len künf­tig ih­re Ka­bi­ne re­gel­mä­ßig ge­gen ein Ho­tel­bett tau­schen. Nur: Wol­len sie das?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 12 PANORAMA - Von max sprick

Als Klaus Stumpf auf­wacht, fär­ben die letz­ten Son­nen­strah­len des Ta­ges die Al­pen am Ho­ri­zont rot. Stumpf schlägt die Vor­hän­ge an sei­nen Pan­ora­ma­fens­tern zur Sei­te, er blickt auf den Son­nen­un­ter­gang. Und je­de Men­ge Last­wa­gen, pe­ni­bel auf­ge­reiht am Rast­platz Für­hol­zen West, Au­to­bahn 9.

Klaus Stumpf, 59, fährt seit 38 Jah­ren Lkws quer durch Eu­ro­pa. Frü­her in Fah­rer­ka­bi­nen, in de­nen er nicht auf­recht ste­hen konn­te und auf Schaum­stoff­ma­t­rätz­chen schlief, kaum brei­ter als ei­ne Yo­ga­mat­te. Jetzt sitzt er in der Ka­bi­ne sei­nes li­la­far­be­nen 40-Ton­ners auf ei­ner Sie­ben-Zo­nen­Kalt­schaum­ma­trat­ze mit Lat­ten­rost und ein­ge­bau­tem Kühl­schrank dar­un­ter; an der ei­nen Wand hängt ein Fern­se­her mit Sat-An­la­ge, auf dem rie­si­gen Ar­ma­tu­ren­brett ste­hen Ge­würz­glä­ser und ei­ne Kaf­fee­ma­schi­ne. Klaus Stumpf dreht sich zum Start in sei­nen Ar­beits­tag ein paar Zi­ga­ret­ten, be­vor er los­fährt, um in Ulm Frisch­wa­re auf­zu­la­den, die er nach Ha­nau bringt, dann wei­ter in die Ei­fel, noch mal auf­la­den, Tief­kühl­piz­zen dies­mal, dann nach Hau­se an die Berg­stra­ße.

Beim Zi­ga­ret­ten­dre­hen er­zählt Stumpf von dem The­ma, das ihn und sei­ne Kol­le­gen ge­ra­de um­treibt: der Be­schluss der EU-Ver­kehrs­mi­nis­ter von An­fang der Wo­che, der bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen für Lkw-Fah­rer schaf­fen soll. Ei­ner der Kern­punk­te ist ein „ab­so­lu­tes Ka­bi­nen­schlaf­ver­bot“, wie Ös­ter­reichs Ver­kehrs­mi­nis­ter Nor­bert Ho­fer es nann­te. Ei­ne Spre­che­rin re­la­ti­vier­te das spä­ter, es ge­he um Über­nach­tun­gen wäh­rend der wö­chent­li­chen Ru­he­zeit; nach sechs Ta­gen auf Ach­se müs­sen Lkw-Fah­rer min­des­tens 45 St­un­den am Stück pau­sie­ren, in die­ser Zeit sol­len sie nicht mehr im Fahr­zeug über­nach­ten. Son­dern im Ho­tel. Ho­fer glaubt, da­mit wür­den Miss­stän­de auf über­füll­ten Au­to­bahn­park­plät­zen be­sei­tigt.

„Das mit den Ho­tels fin­de ich gut“, sagt Stumpf und zieht den Rauch sei­ner Zi­ga­ret­te tief ein. Er bläst ihn wie­der aus und lacht laut: „Wenn ich das Geld hät­te, wür­de ich jetzt in Ho­tels in­ves­tie­ren. Ist doch ei­ne su­per Ge­schäfts­idee!“Es gibt al­lein in Deutsch­land mehr als 1,5 Mil­lio­nen ge­mel­de­te Lkw-Fah­rer, plus die un­zähl­ba­ren aus dem Aus­land. Der Stra­ßen­gü­ter­ver­kehr wird in den kom­men­den Jah­ren deut­lich stei­gen, das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um rech­net bis 2030 mit ei­nem An­stieg von 40,5 Pro­zent – al­lein in Bay­ern. „Wo bit­te sol­len denn all die Fah­rer schla­fen, wenn nicht in ih­ren Ka­bi­nen?“, fragt Stumpf. Und: „Selbst wenn es so vie­le Ho­tels gä­be, wer soll das denn be­zah­len?“Dass sein Chef das über­nimmt, hält er für ei­nen schlech­ten Witz, und von sei­nen 24 Eu­ro Spe­sen pro Tag lässt sich nir­gends näch­ti­gen. Ge­gen die Über­fül­lung der Park­plät­ze hat Klaus Stumpf sei­ne ei­ge­ne Maß­nah­me er­grif­fen: Seit ei­ni­gen Jah­ren fährt er aus­schließ­lich nachts. „Wenn ich mor­gens zum Schla­fen ab­fah­re, sind die Park­plät­ze leer ge­fegt.“

„In der Ka­bi­ne zu schla­fen, ge­hört zu die­sem Job da­zu“, sagt Vla­di­mir Alek­seev

Von Für­hol­zen West kann man das nicht be­haup­ten, rund um die Fah­rer­tü­ren lie­gen Zi­ga­ret­ten­stum­mel, Man­da­ri­nen­scha­len und Son­nen­blu­men­ker­ne. Im Lkw ne­ben Stumpf lie­gen ei­ne Pa­ckung Ein­weg­ra­sie­rer am Front­fens­ter und ein Num­mern­schild, dar­auf in ky­ril­li­schen Buch­sta­ben der Na­me des Fah­rers: Vla­di­mir Alek­seev. Die­ser lä­chelt freund­lich, ent­blößt da­bei ei­nen feh­len­den Ba­cken­zahn und öff­net sei­ne Tür.

Auf ei­ner Gas­plat­te kocht Alek­seev ge­ra­de Kaf­fee, über dem Bei­fah­rer­sitz hängt ein Hand­tuch zum Trock­nen, in den obe­ren Ecken sei­ner Ka­bi­ne hat Alek­seev Com­pu­ter-Bo­xen ver­baut, um wäh­rend sei­ner Pau­sen am Lap­top Fil­me mit Sur­round-Sound se­hen zu kön­nen. Ger­ne zeigt der 38-Jäh­ri­ge sei­nen Schlaf­platz, er mag ihn. „In der Ka­bi­ne zu schla­fen, ge­hört zu die­sem Job da­zu“, sagt Alek­seev. Die neue Re­gel hält er für „Quatsch“, denn ab­ge­se­hen von den Kos­ten ist die Fra­ge ja auch: Wer soll das Ver­bot kon­trol­lie­ren, und wie? Und, nicht zu ver­ges­sen, die Fol­ge der Ver­la­ge­rung in die Ho­tels: „Dann ste­hen die Lkws zwar nicht mehr auf den Au­to­bahn­park­plät­zen, aber par­ken da­für eben die Ho­tels und de­ren An­fahrts­we­ge zu.“Alek­seev ver­folgt wie Stumpf ei­ne ei­ge­ne Tak­tik. Wo es auf sei­ner Rou­te zwi­schen Schwe­den und der Schweiz geht, parkt er zum Schla­fen in Ge­wer­be- oder In­dus­trie­ge­bie­ten.

Lkw-Fah­rer , das ist heu­te Kno­chen­ar­beit, über­wacht von GPS und Fahr­ten­schrei­ber

Lkw-Fah­rer war frü­her ein­mal ein Sehn­suchts­job, die Frei­heit on the road, der Traum von Aben­teu­ern auf den Stra­ßen ir­gend­wo, in fer­nen Län­dern. Die ARD-Se­rie „Auf Ach­se“mit Man­fred Krug be­dien­te die­sen My­thos in sechs Staf­feln, ka­rier­te Fla­nell­hem­den und Tru­ckerCaps bahn­ten sich ih­ren Weg aus Füh­rer­häus­chen in die Hips­ter­mo­de. Aber heu­te? Heu­te ist Lkw-Fah­rer ein Kno­chen­job. Die Frei­heit kon­trol­lie­ren GPS-Sen­der und Fahr­ten­schrei­ber.

Klaus Stumpf und Vla­di­mir Alek­seev ma­chen die­sen Job ger­ne, sa­gen sie. Stumpf war vor­her Ma­schi­nen­schlos­ser und Schorn­stein­fe­ger, Alek­seev Ga­bel­stap­ler­fah­rer im La­ger ei­nes Spiel­zeug­her­stel­lers. Doch wenn die bei­den er­zäh­len, merkt man ih­nen an, dass ih­nen die Sehn­sucht ein we­nig ab­han­den­ge­kom­men ist. Nicht, weil ih­re Schlaf­zim­mer hin­ter ei­nem Lenk­rad und auf ein paar di­cken Rei­fen lie­gen. Un­ter der Wo­che auf Ach­se zu sein und zu lie­gen, da­mit ha­ben sie sich längst ar­ran­giert.

„Wir brau­chen gar kei­ne Ho­tels“, sagt in ei­nem an­de­ren Lkw Lars En­gel­mann, wäh­rend er un­ter ei­nem Ein­bau­schrank auf sei­ner Ma­trat­ze sitzt. Am Ar­ma­tu­ren­brett hängt ein Fo­to sei­ner Fa­mi­lie, Ehe­frau, zwei klei­ne Kin­der. Was ihn und sei­ne Kol­le­gen Stumpf und Alek­seev viel mehr be­schäf­tigt als das Pro­blem, das Ho­fer und des­sen EU-Kol­le­gen lö­sen wol­len, ist So­zi­al­dum­ping, un­lau­te­rer Wett­be­werb, durch Fah­rer, vor al­lem aus Ost­eu­ro­pa, die zum Teil wo­chen­lan­ge Tou­ren oh­ne ei­ne Rück­kehr nach Hau­se ab­sol­vie­ren. Zu Hun­der­ten war­ten sie an Rast­stät­ten auf spon­ta­ne Auf­trä­ge, für 1000 Eu­ro mo­nat­lich. Der EU-Be­schluss soll da­für sor­gen, dass Kraft­fah­rer künf­tig höchs­tens vier Wo­chen am Stück in Eu­ro­pa un­ter­wegs sind.

Das sei ja gut, dass So­zi­al­maß­nah­men er­grif­fen wer­den, sagt En­gel­mann, der 36-Jäh­ri­ge mit dem grau me­lier­ten Voll­bart. Aber fürs Ers­te wür­de es schon hel­fen, wenn es an den Au­to­bah­nen ei­ne bes­se­re Be­schil­de­rung gä­be, mit In­for­ma­tio­nen über freie Park­plät­ze an den Rast­stät­ten oder We­gen ins Ge­wer­be­ge­biet. Über die Schlaf­mög­lich­kei­ten der Fah­rer könn­te man dann im­mer noch nach­den­ken.

Au­ßer­dem, sagt Lars En­gel­mann, „schla­fe ich hier im Wa­gen ei­gent­lich bes­ser als in mei­nem Bett zu Hau­se“. Im Lkw ist es nachts so schön ru­hig. So rich­tig nett ist es nur im ei­ge­nen Bett: Lars En­gel­mann (links oben) möch­te gar nicht ins Ho­tel, auch Ed­bert Gei­ger (rechts oben) schätzt den Kom­fort mo­der­ner Last­wa­gen. Klaus Stumpf (un­ten links) wür­de am liebs­ten selbst in Ho­tels in­ves­tie­ren, und Vla­di­mir Alek­seev be­vor­zugt nachts das In­dus­trie­ge­biet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.