Sam­my Wood­hou­se gibt nicht auf

Wie das Op­fer ei­nes Se­ri­en­ver­ge­wal­ti­gers sich da­ge­gen wehrt, dass ihr Sohn und sie von den Be­hör­den er­neut zu Op­fern ge­macht wer­den

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 12 PANORAMA - Cath­rin kahl­weit

Lon­don – Sam­my Wood­hou­se stand mit ih­rer An­wäl­tin im Fa­mi­li­en­ge­richt von Ro­ther­ham und war sich si­cher, dass al­les gut­ge­hen wür­de. Im Rah­men des Mög­li­chen, zu­min­dest. Ihr 17-jäh­ri­ger Sohn ist ein schwie­ri­ges, ein trau­ma­ti­sier­tes Kind, er ha­be „kom­ple­xe Be­dürf­nis­se“, sagt Sam­my Wood­hou­se. Sie kam schon lan­ge nicht mehr klar mit ihm, hat­te selbst ei­ne De­pres­si­on ge­habt, war sui­zi­dal ge­we­sen, sie konn­te ih­rem Sohn nicht die nö­ti­ge Un­ter­stüt­zung ge­ben. Al­so hat­te sie beim Ju­gend­amt dar­um ge­be­ten, dass der Teen­ager von Fach­leu­ten be­treut wird und Er­zie­hungs­hil­fe er­hält.

War­um ver­steht man nicht, dass sie den Va­ter ih­res Soh­nes nie mehr se­hen will?

Aber an die­sem Tag lief nichts so, wie es soll­te. Man ha­be den Va­ter des Soh­nes in­for­miert, hieß es, dass ein Pfle­ge­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wor­den sei und er ei­nen An­trag stel­len kön­ne, den Sohn zu se­hen. Wood­hou­se brach zu­sam­men.

Die­ser Va­ter? Des­sen Na­me nicht in der Ge­burts­ur­kun­de auf­taucht? Und in kei­ner Ak­te? Wür­de er im Ge­richt er­schei­nen, wür­de sie ihm von An­ge­sicht zu An­ge­sicht ge­gen­über­ste­hen müs­sen?

Man ha­be so vor­ge­hen müs­sen, sag­te die Frau vom Ju­gend­amt tro­cken, das schrei­be das Ge­setz vor.

Der Va­ter, Ar­shid Hus­sain, Spitz­na­me „Mad Ash“, ist ein Ver­ge­wal­ti­ger. Er war Chef ei­ner so­ge­nann­ten Groo­m­ing Gang in Ro­ther­ham, die vor­wie­gend aus pa­kis­ta­nisch-stäm­mi­gen Män­nern be­stand, sich mit wei­ßen Mäd­chen an­freun­de­te, sie be­schenk­te, ih­ren Fa­mi­li­en ent­frem­de­te, dann zum Sex zwang, teils an Freun­de zum Sex wei­ter­reich­te, teils zu Zwangs­pro­sti­tu­ier­ten mach­te, sie auf Raub­zü­ge schick­te. Hus­sain ist 2016 zu ei­ner lan­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wor­den; Sam­my hat­te er ge­fü­gig ge­macht, als sie 14 war. Er zeug­te auch ih­ren äl­te­ren Sohn, des­sen Na­men die Mut­ter zu sei­nem Schutz ge­heim hält. Sie war 15, als er zur Welt kam.

Jah­re­lang hat­ten Be­hör­den, Po­li­zei, Ge­rich­te weg­ge­schaut, hat­ten Be­rich­te von So­zi­al­ar­bei­tern, Hil­fe­ru­fe der Mäd­chen und ih­rer Fa­mi­li­en igno­riert. Die jun­gen Frau­en gal­ten als Schlam­pen, die Be­hör­den woll­ten sich kei­nen Ras­sis­mus vor­wer­fen las­sen, wenn sie im Mi­lieu pa­kis­ta­ni­scher Ein­wan­de­rer durch­grei­fen. Erst Re­cher­chen der Ti­mes brach­ten die Ver­fah­ren ins Rol­len. Viel zu spät.

Groo­m­ing Gangs wur­den seit­her im gan­zen Land aus­ge­ho­ben, al­le paar Wo­chen gibt es Be­rich­te über neue Pro­zes­se, neue Ur­tei­le. Als die La­bour-Ab­ge­ord­ne­te von Ro­ther­ham sag­te, das Land ha­be ein Pro­blem mit bri­tisch-pa­kis­ta­ni­schen Män­nern, die wei­ße Mäd­chen ver­ge­wal­tig­ten, brauch­te sie Po­li­zei­schutz. Mitt­ler­wei­le im­mer­hin hat der – pa­kis­ta­nisch-stäm­mi­ge – In­nen­mi­nis­ter ei­ne Un­ter­su­chung an­ge­kün­digt, um dem Pro­blem auf den Grund zu ge­hen. Denn die Män­ner ge­hen im­mer nach dem glei­chen Mus­ter vor. Die Op­fer sind im­mer Teen­ager. Op­fer sind, mit­tel­bar, auch die Kin­der, die ih­re Se­ri­en­ver­ge­wal­ti­ger zeu­gen.

Sam­my Wood­hou­se woll­te nicht, dass ihr Sohn Mad Ash je­mals wie­der­sieht. Er ha­be ihn ge­quält, ihm „Un­aus­sprech­li­ches an­ge­tan“, sag­te sie. Und auch ihr Sohn woll­te Mad Ash nie­mals wie­der­se­hen. Bis das Ju­gend­amt den Mann im Ge­fäng­nis an­schrieb. „Hät­te er Haft­ur­laub be­kom­men, wä­re er im Fa­mi­li­en­ge­richt auf­ge­taucht“, sagt die mitt­ler­wei­le 32-Jäh­ri­ge. Hus­sain Sam­my Wood­hou­se setzt sich für Op­fer von Groo­m­ing Gangs ein. re­agier­te nicht auf die An­fra­ge der Be­hör­de. Sam­my war den­noch wü­tend, ver­zwei­felt. „Als Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer wird mir im­mer wie­der ge­sagt, der Va­ter ha­be eben auch Rech­te. Was ist mit dem Recht mei­nes Sohns auf see­li­sche Un­ver­sehrt­heit? Was ist mit mei­nem Recht dar­auf, nicht ret­rau­ma­ti­siert zu wer­den?“

Wood­hou­se hat­te sich vor an­dert­halb Jah­ren ent­schie­den, mit ih­rer Ge­schich­te an die Öf­fent­lich­keit zu ge­hen, um den Op­fern der Groo­m­ing Gangs ein Ge­sicht zu ge­ben. Sie hat ein Buch ge­schrie­ben, ist zur po­li­ti­schen Ak­ti­vis­tin ge­wor­den. Sie hat für „Sam­my’s Law“ge­kämpft, mit dem die Straf­ak­ten der jun­gen Frau­en, die von den Gangs aus­ge­beu­tet und zur Kri­mi­na­li­tät ge­zwun­gen wer­den, ge­löscht wer­den. Be­schlos­sen ist es bis heu­te nicht. Sie hat sich da­für ein­ge­setzt, dass die Op­fer, die bei ei­ner staat­li­chen Kom­mis­si­on An­trä­ge auf Ent­schä­di­gung we­gen der ver­schlepp­ten Er­mitt­lun­gen und ih­rer lan­gen Lei­den ge­stellt hat­ten, nicht mit der Be­grün­dung ab­ge­wie­sen wur­den, der se­xu­el­le Kon­takt sei mög­li­cher­wei­se „kon­sen­su­al“ge­we­sen. Im­mer noch wer­den re­gel­mä­ßig An­trä­ge ab­ge­wie­sen.

Nun setzt sie sich da­für ein, dass ein Se­ri­en­ver­ge­wal­ti­ger wie Mad Ash nicht au­to­ma­tisch von den Be­hör­den ein­ge­bun­den wird, wenn ihr Sohn und sie ver­su­chen, die brü­chi­gen Stü­cke ih­res Le­bens neu zu­sam­men­zu­set­zen. Das Ju­gend­amt von Ro­ther­ham be­tont, das hät­te na­tür­lich nicht be­deu­tet, dass Ar­shid Hus­sain et­wa das Sor­ge­recht be­kom­men hät­te. Und man hät­te nicht im Traum dar­an ge­dacht, den jun­gen Mann zu Be­su­chen im Ge­fäng­nis bei sei­nem Er­zeu­ger zu zwin­gen. Aber der leib­li­che Va­ter ha­be nun mal das Recht, über ein Pfle­ge­ver­fah­ren in­for­miert zu wer­den.

Wood­hou­se und ih­re An­wäl­tin ver­wei­sen al­ler­dings dar­auf, dass die Äm­ter hier ei­nen Er­mes­sens­spiel­raum ha­ben. Sie hät­ten das Ge­richt über die be­son­de­re La­ge in­for­mie­ren kön­nen. Sie will, dass das Ge­setz grund­le­gend ge­än­dert wird. „Über­all im Land wer­den Frau­en von Ge­rich­ten in Sor­ge­rechts­ver­fah­ren ge­zwun­gen, ih­ren Ver­ge­wal­ti­gern ge­gen­über­zu­tre­ten. Das ist grau­sam. Das muss ein En­de ha­ben.“

Am Mitt­woch hat­te Wood­hou­se ei­ne Ein­la­dung ins Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in Lon­don. Vor dem Ter­min war sie im Un­ter­haus. Als sie auf der Tri­bü­ne saß, stell­te der Par­la­ments­spre­cher, John Ber­cow, sie vor und nann­te sie ei­ne „au­ßer­ge­wöhn­li­che, mutige Frau“, die nicht nur für ih­re ei­ge­nen Rech­te, son­dern für Rech­te al­ler Frau­en kämp­fe, die er­lit­ten hät­ten, was sie er­litt. Die Pre­mier­mi­nis­te­rin schloss sich an. Wood­hou­se sei ein Vor­bild, sag­te The­re­sa May, und sie hof­fe, dass jetzt das Nö­ti­ge ge­tan wer­de, um Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer zu stüt­zen.

Sam­my Wood­hou­se hofft erst ein­mal nur, dass sich der Jus­tiz­mi­nis­ter hin­ter ihr ak­tu­el­les An­lie­gen stellt. Sie ist erst am An­fang ih­res We­ges.

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