Neu­start?

„Neu­per­lach ist schön“: Das sagt ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Stu­die über die Münch­ner Tra­ban­ten­stadt. Wird es Zeit für ein Come­back auch an­de­rer ver­hass­ter Groß­sied­lun­gen?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von ger­hard mat­zig

Die Schön­heit liegt letzt­lich im Au­ge des Be­trach­ters. Ge­nau das macht es aber schwie­rig. Denn was ist zu se­hen? Et­wa an der Ecke Hu­go-Lang-Bo­gen / Karl-Marx-Al­lee, wo im Münch­ner Süd­os­ten die Gar­ten­stadt Tru­de­ring mit ih­rem dörf­li­chen Ei­gen­heim­charme und den Jä­ger­zaun­um­frie­dun­gen ab­rupt en­det. Be­zie­hungs­wei­se: Wo das größ­te west­deut­sche Sied­lungs­pro­jekt nach dem Zwei­ten Welt­krieg, es heißt Neu­per­lach, ist ein hal­bes Jahr­hun­dert alt und trägt den heu­te et­was an­ge­staub­ten Neo-Fu­tu­ris­mus schon im Na­men, wo al­so die­ses Re­gal­woh­nen seit 1967 mit den ers­ten hoch­auf­ra­gen­den und dicht be­wohn­ten Schlaf­stadt­schei­ben auf der einst grü­nen Wie­se von ei­ner fer­nen Uto­pie kün­det.

Näm­lich vom Ty­pus der „Groß­wohn­sied­lung“, die für vie­le (meist an­ders­wo und be­vor­zugt eben­er­dig oder im Alt­baus­tuck woh­nen­de) Men­schen eher ein stadt­räum­li­cher Schre­cken, re­spek­ti­ve ein ar­chi­tek­to­ni­scher Alb­traum ist – und kein Ver­spre­chen vom Wohn­glück der Zu­kunft.

Aus der Luft be­trach­tet sieht die Bau­form aus wie ein Rie­sen­sä­ge­blatt

Um auf die Ein­gangs­fra­ge zu­rück­zu­kom­men: Was ist zu se­hen? Tja, dies: Man steht vor der Zu­fahrt zu ei­ner gi­gan­ti­schen Tief­ga­ra­ge. Links da­von duckt sich im Re­gen – der gern Schnee wä­re – der lee­re Spiel­platz un­ter die scha­fott­beilhaf­te De­zem­ber­däm­me­rung. Der Him­mel sieht aus, als müss­ten ihn die Firs­te stüt­zen, da­mit er sich nicht zum Ster­ben hin­legt. Rechts von der Tief­ga­ra­ge war­ten Men­schen in dun­kel­nas­sen Män­teln auf den Bus. Hin­ter dem Tief­ga­ra­gen­schlund be­fin­det sich ein Park­platz. Da­hin­ter, end­lich: ei­ne Schei­be, ein gro­ßes, ja ge­wal­ti­ges Stück Wohn­haus.

Neun Ge­schos­se ist es hoch. Breit wie ein Stau­damm. Aus der Luft be­trach­tet, sieht die Bau­form aus wie ein zur un­über­wind­ba­ren Bar­rie­re ge­wor­de­nes Rie­sen­sä­ge­blatt. Fünf Zahn­spit­zen mar­kie­ren die fünf Ein­gän­ge in ih­rer eher aus- als ein­la­den­den Mau­se­loch­haf­tig­keit. „Loch­bau­wei­se“ist der Fach­be­griff für viel Mau­er und we­nig Öff­nung. Ein wah­res Wort.

Müss­te man im „Tat­ort“mit ei­nem ein­zi­gen Ka­me­ra­schwenk auf An­hieb klar­ma­chen, dass man es an ei­nem sol­chen Ort mit dem an­ony­men, ein­sa­men, de­pres­siv ver­stimm­ten und so­zi­al stig­ma­ti­sier­ten Elend man­geln­der Per­spek­ti­ven und ver­gam­mel­ter Träu­me zu tun hat, so wür­de sich viel­leicht ei­nes der trau­ri­gen Klin­gel­schil­der vor der na­hen Karl-Marx-Al­lee an­bie­ten. Wer hier sei­ne Blei­be hat, der bleibt, weil er blei­ben muss. Oder?

So. Halt.

Schluss jetzt, Schluss mit den Über­zeich­nun­gen. Man kann Neu­per­lach auch an­ders se­hen. Dann kä­me man wie Andre­as Hild und Andre­as Müs­se­ler zu dem ver­blüf­fen­den Er­geb­nis: „Neu­per­lach ist schön.“Das ist der Ti­tel ei­ner 700 Sei­ten star­ken, in mehr als fünf Jah­ren akri­bisch zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Stu­die, die an Hilds Lehr­stuhl für Ent­wer­fen, Um­bau und Denk­mal­pfle­ge an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mün­chen ent­stan­den ist. Am Mitt­woch wird die blei­schwe­re Schrift mit dem be­wusst pro­vo­kan­ten, die Seh­ge­wohn­hei­ten her­aus­for­dern­den Ti­tel of­fi­zi­ell vor­ge­stellt.

Mit der Stu­die von Hild und Müs­se­ler lässt sich wo­mög­lich das ei­ne oder an­de­re sehr ver­trau­te Kli­schee über spät­mo­der­ne Sied­lungs­for­men um­brin­gen. Oder bes­ser, pa­zi­fis­tisch kor­rekt, auf den neu­es­ten Stand brin­gen.

Das 700-Sei­ten-Buch be­inhal­tet ei­ne ful­mi­nan­te, lei­den­schaft­lich vor­ge­tra­ge­ne und klug durch­dach­te Re­ha­bi­li­tie­rung der Groß­wohn­sied­lung. Die Stu­die zeigt, wie vor­ver­ur­tei­lend igno­rant die ge­sell­schaft­li­che Re­zep­ti­on über die ver­ach­te­ten und auch me­di­al ver­un­glimpf­ten Wohn­bau­for­men aus­fällt. Des­halb ist das Werk weit über Mün­chen hin­aus bri­sant. Es könn­te zum Stan­dard­werk wer­den – im Um­gang mit ei­ner Wohn­form, die man von Ber­lin-Mar­zahn über Ham­burg-Steilshoop bis Ros­tock-Lich­ten­ha­gen schon vor lan­ger Zeit als hoff­nungs­los ab­ge­stem­pelt hat.

Die so­zia­len Kenn­zah­len sind in Neu­per­lach nicht we­sent­lich an­ders als im Rest von Mün­chen

Auch au­ßer­halb von Deutsch­land, in Frank­reich oder Ita­li­en, selbst in den USA wie auch (und dort be­son­ders ver­brei­tet) im ge­sam­ten Os­ten Eu­ro­pas: Über­all gel­ten die cha­rak­te­ris­ti­schen Bau­ten als Pro­blem­fäl­le. Als Son­der­müll der Bau­ge­schich­te. Alex­an­der Mit­scher­lich sprach auch mit Blick dar­auf von der „Un­wirt­lich­keit un­se­rer Städ­te“. Und als Pruitt-Igoe, ein Wohn­quar­tier von Zei­len­bau­ten in Mis­sou­ri, nach Jah­ren des Leer­stands und stei­gen­der Kri­mi­na­li­täts­ra­ten ge­sprengt wur­de, er­klär­te der Ar­chi­tek­tur­theo­re­ti­ker Charles Jencks: „Die Mo­der­ne ist tot.“Frie­de ih­rer Stahl­be­to­na­sche.

Hild, Müs­se­ler und ih­ren Stu­den­ten ist es zu ver­dan­ken, wenn man sich an den zwar vi­sio­nä­ren, aber auch rea­lis­ti­schen und le­ben­di­gen Kern ei­ner al­ten Ver­hei­ßung er­in­nert – nicht weil die Punkt­hoch­häu­ser, Schei­ben und skulp­tu­ral mehr oder we­ni­ger über­zeu­gen­den Form­bi­zar­re­ri­en der Groß­sied­lun­gen von mu­sea­lem Wert wä­ren, als Bau­ge­schichts­zeug­nis­se oder kol­lek­tiv iden­ti­fi­ka­to­ri­sche Woh­ner­in­ne­run­gen. Son­dern weil dar­in ei­ne auf­re­gend sim­ple Lö­sung steckt. Ei­ne für den Image­wech­sel. Und ei­ne mit Blick auf die Wohn­raum­mi­se­re der Bal­lungs­zen­tren.

Da­zu müss­te man aber Sied­lun­gen wie Neu­per­lach, und dar­in liegt ei­ne zwei­te Pro­vo­ka­ti­on der Stu­die, „nach­ver­dich­ten“. Im Ernst? Ist das denn nicht schon ei­ne hoch­dich­te Wohn­form, die an Ter­mi­ten­hü­gel den­ken lässt? Dem Au­gen­schein nach ja. Wenn man durch Neu­per­lach geht, rei­hen sich Fens­ter an Fens­ter, Tü­ren an Tü­ren und Klin­gel­schil­der an Klin­gel­schil­der. 55 000 Men­schen le­ben hier in ty­po­lo­gisch und ar­chi­tek­to­nisch ein­heit­lich or­ga­ni­sier­ten Bau­ten, die ins­ge­samt 24 000 Wohn­ein­hei­ten um­fas­sen und de­ren zei­len­för­mig mä­an­dern­de Rei­hung ei­nem die Ori­en­tie­rung raubt. Ei­ne Stra­ße heißt Kaf­ka­stra­ße.

Tat­säch­lich ist es aber so, dass die Ge­schoss­flä­chen­zahl, GFZ, von Neu­per­lach zum Teil er­staun­li­cher­wei­se nur bei 1,0 liegt. Das ist nied­rig und ent­spricht fast schon ei­nem pro­spe­rie­rend ver­dich­te­ten Ein­fa­mi­li­en­haus­quar­tier. Die Ge­schoss­flä­chen­zahl ist ein bau­recht­li­cher Be­griff und zugleich ein Pa­ra­me­ter der Dich­te. Ver­kürzt ge­sagt, gibt sie als ei­ne der um­strit­tens­ten Kenn­zah­len der Ge­gen­wart an, wie hoch das Ver­hält­nis der ge­bau­ten Ge­schoss­flä­che auf ei­nem Grund­stück zur Ei­ne Chan­ce: die Wohn­sied­lung in Neu­per­lach. Grund­stücks­flä­che ins­ge­samt ist oder sein darf. Zum Ver­gleich: In der Maxvor­stadt liegt die GFZ eher bei 3,0. Das heißt: Die In­nen­stadt, die je­der­mann als be­vor­zug­te Wohn­la­ge rühmt, ist in ih­rer ty­pi­schen Block­rand­be­bau­ung drei Mal so dicht wie der Ter­mi­ten­hü­gel, den die „Neue Hei­mat“einst als „Stadt ne­ben der Stadt“für die Per­la­cher Haid kon­zi­piert hat. Folg­lich ist hier ge­nau der Platz, der in Mün­chen so ver­geb­lich ge­sucht wird.

Der Grund für die re­la­tiv ge­rin­gen Dich­ten der Groß­sied­lun­gen liegt ei­ner­seits an den vor Jahr­zehn­ten pe­ri­pher ge­le­ge­nen Grün­stand­or­ten, die nach dem Krieg zur Lin­de­rung der Woh­nungs­not in gro­ßem Maß­stab be­baut wur­den. Die Neu­per­la­cher Bau­ten sind zwar noch im­mer von vie­len park­ähn­li­chen Grün­flä­chen um­ge­ben, die al­ler­dings nur va­ge ab­ge­grenzt sind und un­an­ge­nehm un­klar blei­ben. Ein zwei­ter Grund liegt in den mo­nu­men­ta­len In­fra­struk­tu­ren. Die Ständ­ler­stra­ße, die Neu­per­lach Rich­tung Stadt­mit­te an­bin­det, ist ei­ne ab­sur­de Stadt­au­to­bahn, die an die Ein­sam­keit der High­ways in Ken­tu­cky er­in­nert.

Was man statt XXL-Stra­ßen von An­fang an hät­te bau­en sol­len: klug kon­zi­pier­te, he­te­ro­gen nutz­ba­re und kom­mu­ni­ka­ti­ve Wohn­räu­me; da­zu (wie ur­sprüng­lich ge­plant) So­zi­al- und Kul­tur­stand­or­te, Sport­plät­ze und man­nig­fal­ti­ge Ein­kaufs- und Das Afri­ka-Mu­se­um in Brüs­sel steckt in der Ver­gan­gen­heit fest Gas­tro­no­mie­mög­lich­kei­ten. Im Grun­de ist von all den Ver­spre­chun­gen aus Kurz­sich­tig­keit und Ren­di­te­den­ken nur ei­ne na­he Shop­ping Mall rea­li­siert wor­den. Pep heißt sie und lässt sol­chen zugleich ver­mis­sen. Die Haupt­pla­ner Neu­per­lachs, Egon Hart­mann und Bernt Lau­ter, dis­tan­zier­ten sich schon bald vom Pro­jekt.

Andre­as Hild: „Heu­te bie­tet sich end­lich die Chan­ce, der Wohn­sied­lung Neu­per­lach zu mehr städ­ti­scher Qua­li­tät zu ver­hel­fen.“Die Stu­die be­inhal­tet auch Plä­ne, wie das Quar­tier so be­hut­sam und nach­bar­schafts­ver­träg­lich nach­ver­dich­tet wer­den kann, dass so­gar klas­si­sche Ho­fund Block­bil­dun­gen denk­bar sind. Da­bei wä­ren die Ein­grif­fe, die we­ni­ger ein Neu­bau­en, mehr ein Vol­len­den dar­stel­len, auch öko­lo­gisch an­ge­mes­sen.

Es ist ver­blüf­fend, wie ein­fach in der Ära der Ver­städ­te­rung und der Woh­nungs­kri­se aus ei­nem un­ge­lieb­ten Kind der Nach­kriegs­mo­der­ne Fu­tu­ris­mus zu ma­chen wä­re. Um­nut­zen ist das Ge­bot der St­un­de. Wo­bei die Stu­die eben­falls deut­lich macht, und auch das ist ei­ne Über­ra­schung, dass die Wohn­zu­frie­den­heit schon heu­te ver­gleichs­wei­se hoch ist in Neu­per­lach. Zu­dem un­ter­schei­den sich die so­zia­len Kenn­zah­len nicht we­sent­lich von an­de­ren Münch­ner Stadt­quar­tie­ren.

„Die Mo­pe­d­ro­cker von Neu­per­lach“, die Ge­org Rings­gwandl 1980 in sei­nem Lied noch ge­fei­ert, mög­li­cher­wei­se aber auch nur frei er­fun­den hat mit­samt ih­ren Hob­bys („al­te Da­men ne­cken, jun­ge Wei­ber schre­cken“), sind je­den­falls nicht zu sich­ten in Neu­per­lach. Das ist ein Ort, der sich beim Lie­der­ma­cher so reimt: „herr­lach“.

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