Gol­de­ne Ket­ten

Die „Beas­tie Boys“Adam Ho­ro­vitz und Micha­el Dia­mond über, nun ja, die Ver­gan­gen­heit

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 18 FEUILLETON - In­ter­view: jan ked­ves Micha­el Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vitz: Dia­mond: Ho­ro­vi

Ih­re Hits ha­ben vie­le so­fort im Ohr, so­bald man die Song­ti­tel liest: „(You Got­ta) Fight for Your Right (to Par­ty!)“, „In­ter­ga­lac­tic“, „Sa­bo­ta­ge“. Die Beas­tie Boys wa­ren in den Acht­zi­gern die ers­ten Wei­ßen, die in den Charts rapp­ten. Ihr Al­bum „Paul’s Bou­tique“(1989) gilt als Mei­len­stein des Gen­res. Seit Adam „MCA“Yauch, der im­mer als Be­son­nens­ter, als Stra­te­ge des Tri­os galt, 2012 an Krebs ge­stor­ben ist, gibt es die Beas­tie Boys nicht mehr. Aber es gibt jetzt das 550 Sei­ten di­cke „Beas­tie Boys Buch“(Heyne Hard­core), in dem Adam „Ad-Rock“Ho­ro­vitz, 52, und Micha­el „Mi­ke D“Dia­mond, 53, ih­re ge­mein­sa­me Ge­schich­te Re­vue pas­sie­ren las­sen, von den Punk-Wur­zeln über ih­re Lie­be zu New York bis zu den StilEnt­glei­sun­gen. Ih­ren pu­ber­tä­ren Hu­mor, ele­men­tar im Beas­tie-Boys-Werk, pfle­gen sie im­mer noch, wie sich beim Tref­fen in Ber­lin zeigt.

SZ: Mis­ter die um­Sie... wich­tig.

Ho­ro­vitz, Mis­ter Dia­mond, schickt mich,

Süd­deut­sche Zei­tung

Schickt? Das klingt ja wie aus „Home­land“oder „24“. Sind Sie vom Ge­heim­dienst? Ich krieg’ Angst!

Ich will nur . . .

Ha­ben Sie schon mal je­man­dem den Kopf ab­ge­ris­sen?

Oder je­man­dem mit zwei Fin­gern...

. . . das Herz aus der Brust ge­pult? Trai­niert man Sie auf so was? Was kommt Ih­nen bei Deutsch­land ei­gent­lich mu­si­ka­lisch als Ers­tes in den Sinn? Kraft­werk na­tür­lich. Tech­nik. Die Kon­den­sa­torMi­kro­fo­ne von Ne­u­mann. Te­le­fun­ken. Kraft­werk sind un­glaub­lich

Und Can.

Jo­ints rau­chen, Can hö­ren und da­zu jam­men. So ha­ben wir sehr viel Zeit ver­bracht.

In Ih­rem Buch tau­chen in ei­ner Lis­te von Songs, die in den Acht­zi­gern prä­gend für Sie wa­ren, auch „Din Daa Daa“von Ge­or­ge Kranz und „Da Da Da“von Trio auf. Wie ha­ben sol­che Hits Ih­re Vor­stel­lung von der deut­schen Spra­che ge­prägt?

Ja, ko­misch – was ha­ben die Deut­schen mit dem „Da“?

Für uns wa­ren das gar kei­ne deut­schen Pop-Songs. Wich­tig war nur, dass sie im Club Dan­ce­te­ria, der da­mals so et­was wie un­ser Wohn­zim­mer war, zwi­schen „Pla­net Rock“von Afri­ka Bam­baataa und „Ever­y­bo­dy“von Ma­don­na lie­fen. Das ist ja das Schö­ne an Mu­sik, dass es nicht dar­um geht, wo­her sie kommt, son­dern wie sie zu­sam­men­passt.

„Can hö­ren und da­zu jam­men. So ha­ben wir sehr viel Zeit ver­bracht.“

Ist die Idee, ein Buch über die Beas­tie Boys und die New Yor­ker Punk-Sze­ne zu schrei­ben, noch mit Ih­rem 2012 ver­stor­be­nen Freund und Band-Kol­le­gen Adam Yauch ent­stan­den?

Adam woll­te im­mer ei­nen Do­ku­men­tar­film über uns dre­hen, im Sti­le des The-Who-Films „The Kids Are Al­right“, den wir al­le sehr moch­ten. Das wä­re aber ex­trem viel Ar­beit ge­we­sen. Ich sag­te dann: „Ich hab’ im­mer wie­der Bü­cher über uns ge­se­hen, viel­leicht soll­ten wir un­ser ei­ge­nes schrei­ben.“Wir ha­ben zu dritt schon Ide­en ent­wi­ckelt. Es soll­te kei­ne klas­si­sche Au­to­bio­gra­fie wer­den, eher ei­ne Mi­schung aus Text und Fo­tos. Das macht ja mehr Spaß als ein nor­ma­les Buch.

Durch das gan­ze Buch zieht sich die ty­pi­sche Beas­tie-Boys-Selbst­iro­nie. Un­ter an­de­rem „Es geht nur dar­um, dass et­was lus­tig ist.“– Mi­ke D, Ad-Rock und Adam Yauch, um 1992. ba­ten Sie An­dré Le­on Tal­ley, den sa­gen­um­wo­be­nen frü­he­ren Edi­tor-atLar­ge der ame­ri­ka­ni­schen Vo­gue, um ei­ner Stil­kri­tik Ih­rer Out­fits und Ko­s­tü­me.

An­dré Le­on Tal­ley ist der Bes­te! Da­zu muss man wis­sen, dass wir schon lan­ge die Idee hat­ten, dass je­der von uns das schlimms­te Fo­to von sich raus­sucht. Die­se Fo­tos woll­ten wir auf Tour ge­rahmt ver­kau­fen. Der­je­ni­ge, des­sen Fo­to sich am schlech­tes­ten ver­kauft hät­te, wä­re der Ge­win­ner ge­we­sen.

Wir ha­ben das nie ge­macht. Aber wir hat­ten schon an­ge­fan­gen, die Fo­tos her­aus­zu­su­chen.

So ist das, wenn man in ei­ner Band ist: Man wird an­dau­ernd fo­to­gra­fiert, und da­bei ent­ste­hen ei­ne gan­ze Rei­he to­ta­ler Mist­bil­der. Ich ha­be mich mit An­dré Le­on Tal­ley in der le­gen­dä­ren Dap­per Dan’s Bou­tique in Har­lem ver­ab­re­det und ihm zehn die­ser Fo­tos vor­ge­legt. Und dann auf­ge­nom­men, was er da­zu ge­sagt hat. Sie sä­hen in Ih­ren Trai­nings­an­zü­gen aus „wie Flug­ha­fen­ar­bei­ter, die Ge­päck in die Flug­zeu­ge la­den“, sagt er. Und in ei­nem Fo­to, für das Sie mit Strah­len­schutz­an­zü­gen po­sier­ten, er­kennt er Kraft­werk, „aber die konn­ten das viel bes­ser!“Er lässt kein gu­tes Haar an Ih­nen.

Oder er sag­te: „Das ein­zig An­sehn­li­che in die­sem Fo­to ist der Ghet­to­blas­ter.“

Scha­de ist nur, dass man in die­ser Stil­kri­tik nicht er­fährt, wie Sie, Mi­ke D, 1987 auf die Idee ka­men, ein VW-Em­blem an ei­ner Gold­ket­te um den Hals zu tra­gen.

Wie­so? Im Buch ist doch die An­zei­ge zu se­hen, mit der Volks­wa­gen da­mals al­len Fah­rern, de­nen das VW-Em­blem aus dem Grill ge­klaut wur­de, an­bot, es um­sonst zu er­set­zen.

An­geb­lich hat der Kon­zern da­mals täg­lich um die 250 Em­ble­me er­setzt. Aber das er­klärt Ih­re Idee nicht.

Da kommt un­se­re Freun­din Lau­ra Schul­sen ins Spiel. Oder heißt sie Lau­ra Schul­zen? Ein deut­scher Na­me? Wie auch im­mer: Ich hing da­mals oft bei Lau­ra her­um, und plötz­lich war bei ihr ein VW-Em­blem an der Wand. Sie hat­te es ge­klaut. Ich war schwer be­ein­druckt und frag­te: „Mi­ke wür­de das ge­fal­len, darf ich das ha­ben?“Da­mals fing in der Rap-Sze­ne ge­ra­de die­ses Sta­tus-Ding an, al­so dass man mit Gold­ket­ten und Mer­ce­des-Ster­nen protz­te. Über­haupt mit Mar­ken­lo­gos.

Wo­her hat­te ich ei­gent­lich die­se ko­mi­sche fal­sche Gold­ket­te?

Mein Gott, Mi­ke, das hast du ver­ges­sen? Adam hat dich da­bei ge­filmt! Er­in­nerst du dich an den Bau­markt an der Ecke West Broadway und Hous­ton Street? Da, wo jetzt ein Re­stau­rant ist? Du bist da rein­ge­gan­gen, hast dir die Gold­ket­te be­sorgt, und Adam lief dir mit der Vi­deo­ka­me­ra hin­ter­her. Ir­gend­wo muss die­ses Vi­deo­tape noch sein.

Gab es nicht auch Kom­men­ta­re wie: ein VW-Em­blem am Hals von jü­di­schen Jungs?

Dia­mond: Was mei­nen Sie?

Volks­wa­gen war doch ein Na­zi-Pro­jekt.

VW hat mehr mit den Na­zis zu tun als Mer­ce­des?

Ja, klä­ren Sie Mi­ke bit­te mal auf. Mein Freund Ken­ny sagt, dass man we­der Volks­wa­gen noch Mer­ce­des noch Opel fah­ren darf.

Volks­wa­gen ist noch ein­mal ein be­son­de­rer Fall, weil die Mar­ke von den Na­zis ge­grün­det wur­de.

Oh, jetzt füh­le ich mich ein biss­chen ko­misch.

Ich boy­kot­tie­re jetzt un­ser Buch.

Aber dann dürf­ten wir ja auch kei­ne Ne­u­mann-Mi­kro­fo­ne mehr be­nut­zen? Das CMV3-Mi­kro von Ne­u­mann wur­de doch von Hit­ler für sei­ne Pro­pa­gan­da be­nutzt, weil es so gut klang. Die gan­ze Ge­schich­te des mo­der­nen Pu­b­lic-Adres­sSys­tems, al­so der Be­schal­lungs­an­la­gen, wie sie bei je­dem Rock­kon­zert be­nutzt wer­den, geht doch auf die Na­zis zu­rück, oder? Weil Hit­ler be­grif­fen hat­te, dass er die Men­schen um­so bes­ser in­fil­trie­ren konn­te, je be­ein­dru­cken­der und über­mensch­li­cher sei­ne ver­stärk­te Stim­me klang.

(goo­gelt auf sei­nem Smart­pho­ne): Im Netz steht, dass die Na­zis bei ih­ren Pa­ra­den Mer­ce­des ge­fah­ren sind. In mehr als 30 Jah­ren hat Sie nie je­mand auf den VW-NS-Zu­sam­men­hang an­ge­spro­chen?

Nie­mand, nicht mal in Deutsch­land.

„Sie hal­ten uns für viel zu schlau.“

Sie hal­ten uns für viel zu schlau. Wir den­ken sel­ten so gründ­lich über Sa­chen nach. Es geht nur dar­um, dass et­was lus­tig ist.

Hat der Um­stand, dass Sie aus jü­di­schen Fa­mi­li­en stam­men, die Beas­tie Boys ir­gend­wie Ha­ben die Beas­tie Boys, die ers­ten er­folg­rei­chen wei­ßen Rap­per, mit ih­rem De­büt­al­bum „Li­cen­s­ed to Ill“1986 an­de­ren wei­ßen Rap­pern die Li­zenz zum Rap­pen ge­ge­ben?

Mög­lich, dass man­che dach­ten: „Aha, wenn das Wei­ße jetzt ma­chen, dann ist es viel­leicht okay.“Ich hö­re von Leu­ten aus un­se­rer Ge­ne­ra­ti­on auch bis heu­te ko­mi­sche Sät­ze wie: „Rap mag ich ei­gent­lich nicht – aber ihr wart toll!“Das heißt für mich: „Ich mag nur wei­ße Leu­te.“

Wir wur­den auf Tour oder in In­ter­views auch noch sehr lan­ge ge­fragt: „Wann ist die­ses Rap-Ding wie­der vor­bei?“Heu­te ist Rap die do­mi­nan­te, wich­tigs­te Pop-Mu­sik. Vor Rock.

In Ih­rem Buch steht die schö­ne An­ek­do­te, dass Ih­re da­mals neue Plat­ten­fir­ma Ca­pi­tol Sie 1989 da­zu brin­gen woll­te, ei­nen Diss-Track ge­gen den Rap­per MC Ham­mer auf­zu­neh­men. Sie hat­ten aber kei­ne Lust dar­auf.

Ich bin so froh, dass wir das nicht ge­macht ha­ben. Ich ha­be MC Ham­mer kürz­lich auf ei­ner Par­ty ken­nen­ge­lernt. So ein net­ter Mann!

MC Ham­mer hat dich ein­mal fest an sei­ne Brust ge­drückt und dei­ne Wan­gen am wei­chen Pelz sei­nes Man­tels ge­wärmt.

Das klingt, als hät­ten wir ei­nen One-Night-Stand ge­habt. Hat­ten wir nicht. Aber die Umar­mung war so rich­tig schlum­mer­mä­ßig. Ich hät­te auf MC Ham­mer ein­schla­fen kön­nen! Aber ist es nicht ko­misch, dass es Diss-Tracks nur im Rap gibt, nicht aber in der klas­si­schen Mu­sik? Soll­te es viel­leicht – dann wä­re Klas­sik po­pu­lä­rer.

Klas­si­sche Kom­po­nis­ten dis­sen sich ver­mut­lich eher non­ver­bal, mit No­ten?

Das ver­sen­det sich aber lei­der, zu sub­til.

Wenn man mal in die Ge­schich­te der Mu­sik blickt und sei­ne Haus­auf­ga­ben macht, lan­det man bei Mo­zart, der al­le ge­disst hat.

Oha, Mi­ke schreibt an­schei­nend schon sein nächs­tes Buch.

Gab es mal ei­nen Diss-Track ge­gen die Beas­tie Boys, den Sie gut fan­den?

Mir fällt nur ei­ner ein, von 3rd Bass. Aber war der gut?

Viel­leicht ha­ben wir die bes­ten Diss-Tracks ge­gen uns nicht mit­be­kom­men, weil wir dau­ernd so be­rauscht von un­se­rer ei­ge­nen Groß­ar­tig­keit wa­ren? (nimmt sein Smart­pho­ne) „Hey Si­ri, wer hasst die Beas­tie Boys am meis­ten?“(Se­kun­den ver­ge­hen.)

Gar nichts?

(Min­des­tens zehn wei­te­re Se­kun­den ver­ge­hen.) Pling, hier sind ei­ni­ge der po­pu­lärs­ten Songs der Beas­tie Boys.

FO­TO: PU­B­LIC ADDRESS

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