Für im­mer ges­tern

Das Afri­ka-Mu­se­um im bel­gi­schen Ter­vu­ren wur­de jah­re­lang um­ge­baut. Doch das ko­lo­nia­le Den­ken hat über­lebt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON 19 - Von jörg häntzschel

Der Men­schen­zoo ist ge­schlos­sen, die Stroh­hüt­ten sind ab­ge­baut. Seit­dem ist der Kies im Park von Ter­vu­ren bei Brüs­sel im­mer frisch ge­harkt. Sie­ben der 267 Kon­go­le­sen, die sich 1897 hier selbst spie­len muss­ten, über­leb­ten das Eth­no-Spek­ta­kel nicht. Tot sind na­tür­lich auch die 260 an­de­ren Lai­en­schau­spie­ler und Kö­nig Leo­pold II., der bel­gi­sche Kö­nig; tot sind vor al­lem die Mil­lio­nen aus dem „Frei­staat Kon­go“, die er auf dem Ge­wis­sen hat. „The hor­ror“, fass­te Jo­seph Con­rad in „Herz der Dun­kel­heit“die „Kongog­räu­el“zu­sam­men.

Al­le tot, al­les vor­bei. Doch das pom­pö­se Klein-Ver­sailles ge­gen­über der Stra­ßen­bahn-Schlei­fe, das „Kö­nig­li­che Mu­se­um für Zen­tral-Afri­ka“, in dem Leo­pold sei­ne Pri­vat­ko­lo­nie als zi­vi­li­sa­to­ri­sches Pro­jekt glo­ri­fi­zie­ren und als span­nen­de In­ves­ti­ti­on be­wer­ben ließ, ist noch da. 2013 wur­de es ge­schlos­sen, am heu­ti­gen Sams­tag wird es wie­der er­öff­net. Nur ist al­les dar­an so ver­quer, dass Phil­ip­pe, der heu­ti­ge Kö­nig lie­ber nicht kom­men woll­te.

Kaum et­was durf­te ver­än­dert wer­den. Noch im­mer prei­sen Schil­der Kö­nig Leo­pold II.

„Afri­ka­mu­se­um“lau­tet der kür­ze­re Ti­tel. Kein Mu­se­um der „Welt­kul­tu­ren“al­so, kein „Fo­rum“für glo­ba­le Dia­lo­ge wie in Wi­en und bald in Ber­lin, nein, ein Mu­se­um „über Afri­ka“. Das war bei der Er­öff­nung 1898 das Kon­zept, und das ist es noch heu­te, nach Er­wei­te­rung und Neu­pla­nung.

Bel­gi­en schaff­te den Auf­stieg in die Li­ga der Ko­lo­ni­al­mäch­te erst spät. Auf der Ber­li­ner Afri­ka-Kon­fe­renz von 1884 und 1885, wo 14 eu­ro­päi­sche Na­tio­nen den Kon­ti­nent un­ter sich auf­teil­ten, ge­lang Leo­pold II. ein Coup. Er über­zeug­te die an­de­ren Län­der, ihm den Kon­go als Pri­vat­ko­lo­nie zu über­las­sen, die über sei­ne „In­ter­na­tio­na­le Afri­ka-Ge­sell­schaft“ge­ma­nagt wur­de. Da­mit be­saß er ei­ne Flä­che, die 80 „Bel­gi­en bringt dem Kon­go die Zi­vi­li­sa­ti­on“, Sta­tue von Ar­sè­ne Mat­ton aus dem Jahr 1922. mal so groß war wie sein Kö­nig­reich. Das Mu­se­um war Show­room und Tem­pel des Un­ter­neh­mens. Vier al­le­go­ri­sche Skulp­tu­ren in der Ein­gangs­ro­tun­de ver­klä­ren die von Leo­pold an­ge­streb­te Aus­beu­tung von Roh­stof­fen und Ar­beits­kraft zum mes­sia­ni­schen Er­eig­nis für den dunk­len Kon­ti­nent: „Bel­gi­en bringt dem Kon­go die Zi­vi­li­sa­ti­on“heißt es auf dem Mes­sing­schild un­ter ei­nem gol­de­nen Bild­nis Leo­polds mit zwei dank­ba­ren schwar­zen Kin­dern.

Das Mu­se­um war ei­ne Art Wun­der­kam­mer, die zwi­schen Wis­sen­schafts­pomp und Han­dels­mes­se al­le Aspek­te die­ses mys­te­riö­sen Kon­ti­nents als ei­ge­ne, ab­ge­schlos­se­ne Welt be­leuch­te­te. Der „Ein­ge­bo­re­ne“und sei­ne gro­tes­ken Mas­ken wa­ren nur ein wei­te­res Na­tur­wun­der, wenn auch das reiz­volls­te und noch pro­fi­ta­bler als die Ele­fan­ten, die die Bel­gi­er hun­dert­tau­send­fach ab­schlach­te­ten.

Was fängt man an mit so ei­nem Re­likt? Ab­rei­ßen? Leer­ste­hen las­sen? Es der Au­f­ar­bei­tung der Ko­lo­ni­al­zeit wid­men? All das wä­re denk­bar ge­we­sen, doch nicht in Bel­gi­en, wo man erst be­ginnt, kri­tisch über die Ko­lo­ni­al­zeit zu spre­chen und wo fast je­de Fa­mi­lie in die Ko­lo­ni­al­ge­schich­te ver­strickt ist. Ob­wohl der Kö­nig 1908 sei­ne Ko­lo­nie dem Staat über­las­sen muss­te, ist Brüs­sel bis heu­te voll mit sei­nen Sta­tu­en.

Auch im Mu­se­um durf­te kaum et­was da­von ent­fernt wer­den. Nicht nur das Ge­bäu­de, son­dern auch gro­ße Tei­le der In­nen­aus­stat­tung ste­hen un­ter Denk­mal­schutz. Des­we­gen muss­ten nicht nur die Sta­tu­en an ih­ren Plät­zen blei­ben, son­dern auch die Mes­sing­schil­der da­zu, des­we­gen sind Leo­polds Initia­len nicht we­ni­ger als 54 Mal in dem Ge­bäu­de zu fin­den; und des­we­gen wer­den auf ei­ner rie­si­gen Wand zum In­nen­hof auch wei­ter­hin sämt­li­che 1508 Bel­gi­er ge­wür­digt, die im Frei­staat Kon­go zwi­schen 1876 und 1908 star­ben. Ein neu­es Kunst­werk, das an die afri­ka­ni­schen Op­fer er­in­nert, ver­mit­telt kei­nen Ein­druck vo, Aus­maß des Ster­bens.

Und weil auch vie­le wei­te­re Räu­me kaum ver­än­dert wer­den durf­ten, in­klu­si­ve der Vi­tri­nen und der Wand­ge­mäl­de mit ih­ren ro­man­ti­sie­ren­den Ci­ne­ma­scopeLand­schaf­ten, ließ sich die Er­zäh­lung des Mu­se­ums al­len­falls ein we­nig jus­tie­ren.

Es ist das Glück des Mu­se­ums, dass die ers­ten Men­schen in Afri­ka ge­fun­den wur­den. So lässt sich in den al­ten na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Sä­len ei­ne Ge­nea­lo­gie der Welt kon­stru­ie­ren. Erst wa­ren die St­ei­ne da, die hier – wo­zu? – hun­dert­fach in den Vi­tri­nen lie­gen. Dann folg­ten Flo­ra und Fau­na, die Fi­sche in trü­ben Aqua­ri­en, auf­ge­quol­le­ne Frö­sche in Glä­sern und schließ­lich die aus­ge­stopf­ten Ele­fan­ten und Kro­ko­di­le, die ab­ge­staubt und gut be­leuch­tet da ste­hen wie Neu­wa­gen beim Au­to­händ­ler. Am En­de die Mensch­heits­ge­schich­te in ei­ner Vi­tri­ne: Drei Hän­de sym­bo­li­sie­ren die Ent­wick­lung im Zei­t­raf­fer, zwei Hän­de stam­men von Af­fen, die drit­te von ei­nem wei­ßen Mann.

Doch nicht der wei­ße Mann in­ter­es­siert an die­sem Ort, son­dern, so muss man die­se In­stal­la­ti­on ver­ste­hen, sei­ne Vor­stu­fe, der Afri­ka­ner und sei­ne exo­ti­sche Kul­tur.

Das Mu­se­um müht sich, die al­ten Mas­ken und Sär­ge, die Waf­fen und den Schmuck nicht als his­to­ri­sche Wer­ke dar­zu­stel­len, son­dern als Teil heu­ti­ger Kul­tur. In Vi­deo-Te­sti­mo­ni­als be­rich­ten Kon­go­le­sen, von den Ri­tua­len und Fes­ten, zu de­ren Aus­stat­tung die Din­ge ge­hö­ren. Doch das Ma­nö­ver geht nach hin­ten los. In­dem So sah der kon­go­le­si­sche Künst­ler Ché­ri Sam­ba 2002 auf sei­nem Ge­mäl­de „Ré­or­ga­ni­sa­ti­on“das Rin­gen um die Neu­ge­stal­tung des Mu­se­ums.

man be­haup­tet, das afri­ka­ni­sche Le­ben dre­he sich nach wie vor um die­se Mu­se­ums­stü­cke, ar­chai­siert man die Kul­tur, der man zu ih­rem Recht ver­hel­fen will.

Auch sonst will das Mu­se­um al­les rich­tig ma­chen und fällt doch im­mer wie­der in ein Den­ken zu­rück, das an­ders­wo in Mit­tel­eu­ro­pa längst über­wun­den ist. „Ma­ni­ok und Mais stel­len ih­re Nah­rungs­grund­la­ge dar, bis­wei­len er­gänzt um Fisch oder Fleisch, die wich­ti­ge Pro­te­in­quel­len sind“, heißt es über die Kon­go­le­sen, als sei von Tie­ren die Re­de. Und die po­li­ti­schen Fä­hig­kei­ten der Kon­go­le­sen be­wer­ten die ehe­ma­li­gen Ko­lo­ni­al­her­ren wie stren­ge Leh­rer: „Ei­ne gu­te, auf Nach­hal­tig­keit ge­rich­te­te Füh­rung wä­re dem Wohl­stand der Re­gi­on sehr zu­träg­lich.“

Lasst uns nicht die Fort­schrit­te im Ge­sund­heits­we­sen ver­ges­sen, und bei der Bil­dung!

Am qual­volls­ten wird es in dem Saal, der sich mit der Ko­lo­ni­al­zeit be­schäf­tigt. Statt die Ge­schich­te in der Zeit vor der Ko­lo­nia­li­sie­rung be­gin­nen zu las­sen, um dann vom Grau­en zu er­zäh­len, das Bel­gi­en über das Land brach­te, be­ginnt die Er­zäh­lung mit dem Grau­en, um dann die Ent­wick­lung hin zur Un­ab­hän­gig­keit 1960 nach­zu­zeich­nen, fast ei­ne Er­folgs­ge­schich­te. Die Ge­walt­ex­zes­se da­mals sind al­le be­nannt, man zeigt die Ket­ten und Fol­ter­werk­zeu­ge und Fo­tos von den zur Stra­fe ab­ge­schla­ge­nen Hän­den, doch es bleibt im­mer ein Vor­be­halt. „Hun­dert­tau­sen­de, viel­leicht so­gar Mil­lio­nen star­ben“, heißt es im­mer wie­der, ob­wohl der Kon­sens bei um die zehn Mil­lio­nen liegt, et­wa die Hälf­te der Be­völ­ke­rung. Und lasst uns nicht die Fort­schrit­te im Ge­sund­heits­we­sen ver­ges­sen, und bei der Bil­dung!

Es hat die afri­ka­ni­sche Dia­spo­ra viel Mü­he ge­kos­tet, dem Mu­se­um die­se Darstel­lung ab­zu­trot­zen. Doch der Preis ist hoch. Den Op­fer­sta­tus wer­den sie in die­ser Prä­sen­ta­ti­on nicht mehr los. Der neu­es­te

Teil der Aus­stel­lung, der die Afri­ka­ner als freie Zeit­ge­nos­sen zei­gen soll, wirkt am äl­tes­ten. Statt von Me­ga­städ­ten und Mi­gra­ti­on, von Post­ko­lo­nia­lis­mus und dem Ki­no­er­folg von „Black Pan­ther“zu er­zäh­len, wird be­tu­lich über Spra­chen­viel­falt do­ziert. Ei­ne Vi­tri­ne weist dar­auf hin, dass schwar­ze Mu­si­ker wie Bob Mar­ley und Mi­les Da­vis die west­li­che Mu­sik be­ein­flusst ha­ben. „Afri­ka ist die Zu­kunft“, er­klärt der Di­rek­tor Gui­do Gry­se­els. Doch nicht ein­mal die Ge­gen­wart ist zu se­hen.

Die afri­ka­ni­schen Künst­ler und die afri­ka­ni­sche Ku­ra­to­rin, die an der neu­en Kon­zep­ti­on mit­ge­ar­bei­tet ha­ben, sind nicht un­zu­frie­den. „Wir ha­ben das er­reicht, was wir er­rei­chen konn­ten. Es ist ein An­fang, jetzt muss sich das Haus wei­ter­ent­wi­ckeln“, heißt es.

Es er­füllt sie mit Stolz, dass in dem Ko­lo­ni­al­pa­last auch zeit­ge­nös­si­sche Kunst­wer­ke hän­gen, dass es nicht mehr nur ein bel­gi­sches, son­dern auch ihr Afri­ka-Mu­se­um ist. Doch das macht den Ge­samt­ein­druck

nicht bes­ser. Man hät­te das Mu­se­um als Denk­mal be­han­deln kön­nen, als Mu­se­um ei­nes Mu­se­ums. Die Wis­sen­schafts­ab­tei­lung wur­de ja auch nicht auf den Stand der For­schung ge­bracht.

In­dem man das Mu­se­um aber nur zö­gernd ak­tua­li­siert, oh­ne zu er­klä­ren, wel­che Be­rech­ti­gung ein Mu­se­um über Afri­ka heu­te noch ha­ben könn­te, be­kräf­tigt und er­neu­ert man nur das Bild, das man zu kor­ri­gie­ren vor­gibt: von den Afri­ka­nern als Son­der­fall der Zi­vi­li­sa­ti­on.

FO­TO: COLLEC­TION RMCA

FO­TO: RMCA, TER­VU­REN, JO VAN DE VIJVER

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