Kampf der Kä­se­krai­ner

Wi­en ver­bie­tet die Nah­rungs­auf­nah­me im Nah­ver­kehr. Und die Wie­ner dis­ku­tie­ren: Sinn­voll oder Aus­druck ei­ner neu­en Ver­bots­kul­tur?

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - DIE SEITE DREI - Von pe­ter münch

Neu­lich, es war zur Mit­tags­zeit, ist noch ein­mal die­ser Ge­ruch durch den Wag­gon ge­strömt, den man­che gern zum Duft ver­klä­ren, an­de­re aber für ei­ne olfak­to­ri­sche Zu­mu­tung hal­ten. Tief un­ten im Schacht un­ter dem Schwe­den­platz ver­speis­te ein jun­ger Fahr­gast mit ge­sun­dem Ap­pe­tit in der U 4 ei­ne Le­ber­käs­sem­mel. Rings­um rümpf­ten ein paar an­de­re die Na­se, es gab bö­se Bli­cke und viel­leicht auch be­gehr­li­che, aber nie­mand sag­te ein Wort. Ist ja auch kein Ver­bre­chen, so ein Le­ber­käs­ver­zehr im Un­ter­grund.

Ver­bo­ten wird er trotz­dem, und zwar von die­sem Di­ens­tag, dem 15. Ja­nu­ar, an. Von jetzt an gilt ein ge­ne­rel­les Ess­ver­bot in al­len Wie­ner U-Bah­nen. Kein Le­ber­käs und kein Dö­ner, kei­ne Piz­za und kein Ham­bur­ger, kei­ne Kä­se­krai­ner (hier: die „Ei­t­ri­ge“), nicht ein­mal ge­ruchs­ar­me Äp­fel sind er­laubt. Ei­ne Aus­nah­me, das wird auf Nach­fra­ge bei den Wie­ner Li­ni­en be­stä­tigt, gilt für Kau­gum­mi. Bei stark rie­chen­den Pfef­fer­min­zo­der Kräu­ter­bon­bons gibt es aber schon ei­ne Grau­zo­ne. „Das wür­de für mich jetzt eher un­ter Es­sen fal­len“, sagt die Spre­che­rin der Ver­kehrs­ge­sell­schaft, doch ein Fra­ge­zei­chen klingt mit.

Ein­fach ist das al­les nicht, und wohl auch des­halb wur­de das Vor­ha­ben zu­nächst ein paar Mo­na­te lang im Ver­suchs­be­trieb ge­tes­tet. Seit 1. Sep­tem­ber schon war das Es­sen auf Schie­nen in der Li­nie U 6 ver­bo­ten, die ge­mein­hin als et­was schmud­de­lig und ge­ruchs­in­ten­siv gilt. Nun wird dies aus­ge­wei­tet auf al­le Zü­ge, und an den Tü­ren hat man tat­säch­lich noch ein Plätz­chen ge­fun­den für die neu­en Schil­der, die sich auch farb­lich gut ein­pas­sen ins Ge­samt­ver­bots­bild. Im grü­nen Kreis ist hin­ter durch­ge­zo­ge­nem Bal­ken schon lan­ge ein Hund zu se­hen, der nicht oh­ne Maul­korb in der U-Bahn fah­ren darf. Blau steht für das Al­ko­hol­ver­bot, Gelb be­zeich­net das Rauch­ver­bot. Das neue Ess­ver­bot leuch­tet nun in Oran­ge.

Der Bür­ger­meis­ter be­klagt: Vie­le einst un­ge­schrie­be­ne Re­geln gel­ten nicht mehr

Nun ist Wi­en nicht die ers­te Stadt, in der die Nah­rungs­auf­nah­me im Nah­ver­kehr ver­bo­ten wird. In Ber­lin zum Bei­spiel gilt das schon seit vie­len Jah­ren, nur merkt man das nicht, weil sich kaum ei­ner dran hält. Auch in Graz, Linz oder Salz­burg sind sol­che Ver­bo­te längst in Kraft. In Ös­ter­reichs Haupt­stadt aber wird der neue Es­sens­bann von man­chen Kri­ti­kern gleich als Zeit­geist-Er­schei­nung ein­ge­ord­net, näm­lich als Zei­chen ei­ner neu­en Ver­bots­kul­tur.

Vom Le­ber­käs kom­mend ist man da schnell bei an­de­ren The­men: Beim so­ge­nann­ten Bur­ka-Ver­bot zum Bei­spiel, das im gan­zen Land seit 2017 bei ei­ner Straf­an­dro­hung von 150 Eu­ro die Ge­sichts­ver­hül­lung ver­bie­tet. Oder beim Kopf­tuch­ver­bot in Kin­der­gär­ten, das die tür­kis­blaue Bun­des­re­gie­rung im vo­ri­gen Ok­to­ber be­schlos­sen hat und bald­mög­lichst auch auf Volks­schu­len aus­wei­ten will. Die FPÖ, die das Frei­heit­li­che im Na­men trägt, hat oh­ne­hin im schnel­len Takt neue Ver­bots­ide­en, von der nächt­li­chen Aus­gangs­sper­re für Asyl­be­wer­ber bis zu stren­ge­ren Re­geln fürs Schäch­ten. Doch auch im tra­di­tio­nell ro­ten Wi­en lässt die Stadt­re­gie­rung neu­er­dings ei­nen schär­fe­ren Wind we­hen.

So führ­te sich der neue Bür­ger­meis­ter Micha­el Lud­wig von der SPÖ im vo­ri­gen Jahr mit ei­nem Al­ko­hol­ver­bot am Pra­ter­stern ins Amt ein. Dass dort nun ein Bier 70 Eu­ro und im Wie­der­ho­lungs­fall bis zu 700 Eu­ro Straf­geld kos­ten kann, wur­de zwar von sei­nen grü­nen Ko­ali­ti­ons­part­nern kri­ti­siert. Doch Lud­wig, der sich bei der Wahl spä­tes­tens im nächs­ten Jahr ge­gen die FPÖ be­haup­ten muss, zeigt sich gern als Ga­rant von „Ord­nung und Si­cher­heit“. Zum Jah­res­wech­sel hat er im In­ter­view mit dem Stan­dard be­kannt, dass „vie­le un­ge­schrie­be­ne Ge­set­ze heu­te nicht mehr die­se Gül­tig­keit“hät­ten. Das lie­ge an man­geln­der „so­zia­ler Kon­trol­le“in der Ge­sell­schaft: „Es ist not­wen­dig ge­wor­den, Spiel­re­geln zu er­gän­zen.“

Zu die­sen neu­en Spiel­re­geln zählt eben auch das U-Bahn-Ess­ver­bot. Zwi­schen­durch wall­te ein­mal ein we­nig Pro­test da­ge­gen auf. Ei­ne je­ner Don­ners­tag-De­mos, auf de­nen seit dem Herbst wö­chent­lich ge­gen die rech­te Bun­des­re­gie­rung pro­tes­tiert wird, fir­mier­te als „Dö­ners­tag-De­mo“. Man traf sich zum Pro­te­stim­biss und vor al­lem zum Pro­test­bier in der U 6. Auf ei­nem der Schil­der war zu le­sen: „Dö­ner, Fala­fel – den Na­zis auf die Waf­fel“.

Jen­seits sol­cher Hap­pe­nings glaubt man bei den Wie­ner Li­ni­en an ei­ne „sehr po­si­ti­ve Re­so­nanz“auf das Ess­ver­bot. „Wir set­zen den Wunsch un­se­rer Fahr­gäs­te um“, sagt die Spre­che­rin und ver­weist auf ei­ne On­li­ne-Um­fra­ge aus dem vo­ri­gen Som­mer, an der sich mehr als 50 000 Wie­ner be­tei­lig­ten – und mehr als zwei Drit­tel für das Ver­zehr­ver­bot aus­spra­chen. „Zum jet­zi­gen Zeit­punkt“soll es für Ess-Sün­der noch kei­ne Stra­fen ge­ben, und bis auf Wei­te­res blei­ben Bus­se und Stra­ßen­bah­nen vom Ver­bot aus­ge­nom­men. Für die kon­ser­va­ti­ve Pres­se ist das ge­nug, Wi­en al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz wei­ter als „Stadt des Lais­ser-fai­re“zu fei­ern. Ex­pli­zit ver­wie­sen wird dar­auf, dass man hier zum Bei­spiel noch mit „sper­ri­gen Mö­bel­stü­cken“U-Bahn fah­ren und da­bei so­gar te­le­fo­nie­ren darf.

Nur wer künf­tig au­ßer Haus es­sen will, soll­te sich wohl nicht mehr in die U-Bahn, son­dern ins Wirts­haus set­zen. Dort ist die ver­meint­li­che neue Ver­bots­kul­tur so­wie­so noch nicht an­ge­kom­men. Zum Es­sen darf hier, der FPÖ sei Dank, auch noch ge­raucht wer­den.

FO­TO: DPA

Es be­gann in der U 6, von die­sem Di­ens­tag an gilt das Ess­ver­bot nun in al­len Wie­ner Li­ni­en. Die Mehr­heit der Fahr­gäs­te ist da­für.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.