Das Jahr der Prü­fung

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von ro­bert ross­mann

Für An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hät­te der ers­te Mo­nat an der CDU-Spit­ze kaum bes­ser lau­fen kön­nen. Die Ge­gen­kan­di­da­ten vom Par­tei­tag ma­chen es ihr, auf un­ter­schied­li­che Wei­se, über­ra­schend ein­fach. Der ei­ne, Jens Spahn, zeigt sich de­mons­tra­tiv loy­al ge­gen­über der neu­en Che­fin. Und der an­de­re, Fried­rich Merz, ver­hält sich der­ma­ßen un­ge­schickt, dass sei­ne Strahl­kraft so­gar bei sei­nen An­hän­gern deut­lich nach­ge­las­sen hat. Wer – auch aus Sor­ge um die Zu­kunft der Par­tei – für den CDU-Vor­sitz kan­di­diert, sich da­nach aber zu fein für je­des an­de­re Amt in der CDU ist, ern­tet zu Recht Un­ver­ständ­nis. Im Ver­gleich zu Merz er­scheint Kramp-Kar­ren­bau­er, die im ver­gan­ge­nen Jahr ihr gut do­tier­tes Amt als Mi­nis­ter­prä­si­den­tin nie­der­ge­legt hat, um CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin zu wer­den, wie ei­ne selbst­lo­se Die­ne­rin der Par­tei. Oh­ne dass es sei­ne Ab­sicht ge­we­sen wä­re, hat Merz mit sei­nem Ver­hal­ten das An­se­hen der neu­en CDU-Che­fin ge­stärkt.

Mit der Troi­ka in ein Jahr vol­ler Hür­den und schwie­ri­ger Wah­len

Lab­sal für Kramp-Kar­ren­bau­er sind aber auch die jüngs­ten Um­fra­gen. Die Be­liebt­heits­wer­te der Saar­län­de­rin sind seit ih­rer Wahl an die CDU-Spit­ze deut­lich ge­stie­gen, sie liegt jetzt weit vor den Vor­sit­zen­den al­ler an­de­ren Par­tei­en. Auch der Ab­wärts­trend der Uni­on ist ge­stoppt, ei­ni­ge In­sti­tu­te se­hen sie so­gar schon wie­der über der 30-Pro­zent-Mar­ke. Das ist zwar im­mer noch weit ent­fernt von den 40 Pro­zent, bei de­nen die Uni­on vor dem Flücht­lings­herbst 2015 lag und die auch Kram­pKar­ren­bau­er wie­der an­strebt. Aber die Zah­len sind für die Uni­on er­mu­ti­gend – auch im Ver­gleich mit de­nen des Ko­ali­ti­ons­part­ners SPD. Der Start Kramp-Kar­ren­bau­ers ist al­so ge­lun­gen. Doch jetzt be­gin­nen erst die ei­gent­li­chen Her­aus­for­de­run­gen. Die neue CDU-Che­fin muss ih­re Macht in der Par­tei ar­ron­die­ren, um – wenn es dar­auf an­kommt – tat­säch­lich stark ge­nug zu sein, nach der Kanz­ler­kan­di­da­tur zu grei­fen. Und sie muss sich von An­ge­la Mer­kel eman­zi­pie­ren, oh­ne die Re­gie­rung der Kanz­le­rin zu ge­fähr­den.

Viel Zeit, um die­se Her­aus­for­de­run­gen zu be­wäl­ti­gen, hat Kramp-Kar­ren­bau­er nicht. Denn CDU-Vor­sit­zen­de wer­den nicht an Um­fra­gen ge­mes­sen, son­dern an Wah­l­er­fol­gen. Das hat Kramp-Kar­ren­bau­er be­reits im Saar­land er­lebt. Dort wur­de sie 2011 nach dem Rück­zug von Pe­ter Müller Mi­nis­ter­prä­si­den­tin. Si­cher im Sat­tel saß sie aber erst, nach­dem sie 2012 ih­re ers­te Land­tags­wahl ge­won­nen hat­te.

Und so dürf­te der 26. Mai der ers­te Schick­sals­tag für Kramp-Kar­ren­bau­er wer­den. An die­sem Tag wer­den nicht nur das Eu­ro­pa­par­la­ment und die Bre­mi­sche Bür­ger­schaft neu ge­wählt, es fin­den auch in zehn Län­dern Kom­mu­nal­wah­len statt. Es geht al­so um Tau­sen­de Man­dats­trä­ger und um die Ver­an­ke­rung der CDU in der Flä­che. Miss­er­fol­ge bei den Kom­mu­nal­wah­len wür­den in­ner­halb der CDU für ge­nau­so viel Miss­stim­mung sor­gen wie ein mä­ßi­ges Ab­schnei­den bei der Eu­ro­pa­wahl. Und im Herbst steht dann gleich die nächs­te gro­ße Hür­de vor Kramp-Kar­ren­bau­er. In Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg wird ein neu­er Land­tag ge­wählt. Über­all liegt die AfD auf Au­gen­hö­he mit der CDU.

Wie schwie­rig die­ses Jahr für Kram­pKar­ren­bau­er wer­den wird, zeigt aber vor al­lem die De­bat­te um die Flücht­lings­po­li­tik. Die neue Che­fin hat ei­ne Ge­ne­ral­aus­spra­che dar­über an­ge­kün­digt. Es ist die bis­her be­mer­kens­wer­tes­te Ab­setz­be­we­gung der neu­en Vor­sit­zen­den von der al­ten. Mit­te Fe­bru­ar soll es ein „Werk­statt­ge­spräch“oh­ne Ta­bus über Feh­ler und Ver­bes­se­rungs­mög­lich­kei­ten ge­ben. Gro­ße Tei­le der Par­tei hal­ten das für über­fäl­lig. Aber wie will Kramp-Kar­ren­bau­er ver­hin­dern, dass die De­bat­te zu ei­nem Scher­ben­ge­richt über die Kanz­le­rin wird? Wie pro­ble­ma­tisch die Ver­an­stal­tung wer­den kann, zeigt schon die Tat­sa­che, dass im­mer noch nicht ent­schie­den ist, ob Mer­kel dar­an teil­neh­men wird.

Kramp-Kar­ren­bau­er, von der sich nach den ge­schmei­di­gen Mer­kel-Jah­ren vie­le in der CDU deut­li­che Bot­schaf­ten wün­schen, wird als Che­fin sehr viel sehr fein aus­ta­rie­ren müs­sen. Die­ser Wi­der­spruch zwi­schen Er­war­tung und Not­wen­dig­keit könn­te das größ­te Pro­blem ih­rer Amts­zeit wer­den. Das zeigt auch ein Blick auf die neue Macht­kon­stel­la­ti­on in der CDU.

Bis in den ver­gan­ge­nen Herbst gab es in der Par­tei, wenn es dar­auf an­kam, nur ein Ent­schei­dungs­zen­trum. An­ge­la Mer­kel war Kanz­le­rin und Par­tei­che­fin – und an der Spit­ze der Uni­ons­frak­ti­on stand ihr Ver­trau­ter Vol­ker Kau­der. Dem war ei­ne rei­bungs­los funk­tio­nie­ren­de Re­gie­rung meis­tens wich­ti­ger als ei­ne ei­gen­stän­di­ge Rol­le sei­ner Frak­ti­on. Mer­kel konn­te des­halb fast im Al­lein­gang agie­ren. Jetzt gibt es in der CDU ein Macht­drei­eck. Kram­pKar­ren­bau­er an der Par­tei­spit­ze, Mer­kel im Kanz­ler­amt und der durch­aus auf Ei­gen­stän­dig­keit be­dach­te Ralph Brink­haus als Frak­ti­ons­chef. Das er­for­dert ei­nen ge­wal­ti­gen Ab­stim­mungs­be­darf, vor al­lem aber Ver­trau­en zwi­schen den Ak­teu­ren. Bis­her scheint es die­ses Ver­trau­en zu ge­ben. Aber die Ge­schich­te der SPD zeigt, dass das in ei­ner Troi­ka nicht un­be­dingt so bleibt.

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