Gestal­tungs­wil­le

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Von ca­trin lorch

Das Bau­haus, die­se le­gen­dä­re Kunst­schu­le, fei­ert Ju­bi­lä­um. 100 Jah­re liegt es zu­rück, dass der Ar­chi­tekt Wal­ter Gro­pi­us in Wei­mar die Kunst­ge­wer­be­schu­le gründ­lich um­krem­pel­te und mit ei­nem Ma­ni­fest neu be­grün­de­te. In der Nach­kriegs­zeit ist der Be­griff „Bau­haus“zum Syn­onym für mo­der­ne und funk­tio­na­le Gestal­tung ge­wor­den und zur äs­the­ti­schen Grund­la­ge des von den in die USA emi­grier­ten Bau­haus-Gestal­tern aus­ge­hen­den „In­ter­na­tio­nal Style“. Vie­le der an den drei Stand­or­ten Wei­mar, Des­sau und Ber­lin ent­stan­de­nen Bau­ten und De­si­gn­ent­wür­fe wer­den welt­weit als Klas­si­ker ge­fei­ert, vom Bau­haus-Ge­bäu­de in Des­sau über die Lam­pen aus Glas und Edel­stahl zu den Frei­schwin­ger-Ses­seln.

Doch was bleibt dar­über hin­aus vom Bau­haus, von sei­ner ge­sell­schaft­li­chen Wir­kung und vom Selbst­ver­ständ­nis sei­ner Künst­ler? Das Ju­bi­lä­ums­jahr ist auch An­lass, dar­über zu dis­ku­tie­ren, war­um es heu­te kei­ne Aus­bil­dungs­stät­ten von die­ser Strahl­kraft mehr gibt. Und mehr noch: Wel­che Rol­le man Künst­lern in­zwi­schen zu­ge­steht. Die Ge­sell­schaft der Zwi­schen­kriegs­zeit war be­reit, den Künst­lern wich­ti­ge ge­stal­te­ri­sche Auf­ga­ben zu über­tra­gen – die Päd­ago­gik des Bau­hau­ses war ein Schar­nier da­für.

Und heu­te? Bil­den­de Kunst ist po­pu­lä­rer als je zu­vor. Künst­ler sind Stars. Auk­ti­ons­re­kor­de wer­den ver­mel­det wie Bör­sen­kur­se und zeit­ge­nös­si­sche Kunst­wer­ke auf Mes­sen oder Ga­le­rie-Ver­nis­sa­gen ge­han­delt wie Blue-Chip-Ak­ti­en. Doch das me­dia­le In­ter­es­se am Kunst­markt über­strahlt, dass Künst­ler in der Ge­gen­wart le­dig­lich als Pro­du­zen­ten von Kun­st­ob­jek­ten ge­fragt sind, bes­ten­falls noch Por­zel­lan­se­ri­en oder Au­to­ka­ros­se­ri­en mit Far­be de­ko­rie­ren dür­fen. Da­bei en­den künst­le­ri­sche Vi­sio­nen nicht beim An­mi­schen von Pig­ment. Das Bau­haus hat be­wie­sen, dass Künst­ler – zu­wei­len eher als In­ge­nieu­re – in der La­ge sind, im Lei­tungs­rohr das künf­ti­ge Stuhl­bein zu se­hen; im wört­li­chen wie im über­tra­ge­nen Sin­ne.

Wal­ter Gro­pi­us be­gann, Kunst und Hand­werk nach dem Vor­bild der mit­tel­al­ter­li­chen Bau­hüt­te zu ver­ei­nen. Bald aber ver­pflich­te­te sich das Bau­haus, dem In­dus­trie­zeit­al­ter un­ter dem Ide­al der Ein­heit von Kunst und Tech­nik die Blau­pau­sen für die ma­schi­nel­le Her­stel­lung von Pro­duk­ten zu lie­fern. Der Er­folg des Bau­hau­ses grün­de­te nicht auf der Aus­rich­tung auf be­stimm­te ge­stal­te­ri­sche Auf­ga­ben, ei­nen Stil oder ei­ne For­men­spra­che. Son­dern auf sei­nen Leh­rern. Wal­ter Gro­pi­us ver­pflich­te­te her­aus­ra­gen­de Künst­ler als Meis­ter, dar­un­ter so be­deu­ten­de Na­men wie Was­si­ly Kand­ins­ky, Paul Klee, Lyo­nel Fei­nin­ger, Lász­ló Mo­h­oly-Na­gy und Os­kar Schlem­mer.

Man ver­bannt Künst­ler wie­der ins Ate­lier. Ih­re Vi­sio­nen für die Ge­sell­schaft sind nicht ge­fragt

War­um Ma­ler und Bild­hau­er über­haupt be­reit wa­ren, ih­re Ate­liers und Aka­de­mi­en zu ver­las­sen und sich in den Di­enst der an­ge­wand­ten Kunst und der Ge­sell­schaft zu stel­len? Nicht zu­letzt weil die jun­gen De­mo­kra­ti­en, aber vor al­lem auch die So­wjet­uni­on sie nach dem Ers­ten Welt­krieg da­zu ein­ge­la­den hat­ten.

In die­sem Jahr, in dem man das Bau­haus und sei­ne Wir­kung fei­ert, scheint es hin­ge­gen un­vor­stell­bar zu sein, Künst­ler als Pro­fes­so­ren zu be­ru­fen für die Aus­bil­dung künf­ti­ger Städ­te­bau­er, Web-De­si­gner, App-Ent­wick­ler oder Ver­kehrs­pla­ner. Man hat den frei­en Künst­ler wie­der ins Ate­lier ver­bannt und die ent­schei­den­de Leh­re des Bau­hau­ses ver­ges­sen, das Ver­dienst sei­nes Grün­ders Wal­ter Gro­pi­us: Ver­trau­en in die bil­den­den Künst­ler, wo es um die Gestal­tung der Zu­kunft geht.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.