Juan Guai­dó

Ge­sicht des Wan­dels in Ve­ne­zue­la

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - MEINUNG - Bo­ris herr­mann

Juan Guai­dó ist streng ge­nom­men ein Par­la­ments­prä­si­dent oh­ne Par­la­ment. Ve­ne­zue­las Staats­chef Ni­colás Ma­du­ro hat die von der Op­po­si­ti­on do­mi­nier­te Na­tio­nal­ver­samm­lung 2017 ent­mach­tet und durch ein re­gime­treu­es Gre­mi­um er­setzt, das er „Ver­fas­sungs­ver­samm­lung“nennt. Die Le­gis­la­ti­ve ist de fac­to ab­ge­schafft, ihr An­füh­rer nur ei­ne Sym­bol­fi­gur. Guai­dó hat in den ver­gan­ge­nen Ta­gen aber be­wie­sen, dass man auch mit sym­bo­li­scher Po­li­tik die Welt ver­än­dern kann. Manch ei­ner hält ihn be­reits für den neu­en Prä­si­den­ten von Ve­ne­zue­la.

So schnell kann es ge­hen. Bis vor we­ni­gen Wo­chen war die­ser 35-jäh­ri­ge In­ge­nieur na­he­zu un­be­kannt. 2007 be­tei­lig­te er sich an den Stu­den­ten­pro­tes­ten ge­gen den da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Hu­go Chá­vez. Vier Jah­re spä­ter wur­de er erst­mals für die Op­po­si­ti­ons­par­tei Vol­un­tad Po­pu­lar ins Par­la­ment ge­wählt. Eher aus Man­gel an Al­ter­na­ti­ven – die po­pu­lärs­ten Köp­fe der Op­po­si­ti­on sind ent­we­der im Exil oder ste­hen un­ter Haus­ar­rest – stieg Guai­dó An­fang Ja­nu­ar zum bis­lang jüngs­ten Vor­sit­zen­den des Par­la­ments auf. Aber schon mit sei­ner ers­ten Re­de, die er am Frei­tag in ei­ner öf­fent­li­chen Ver­samm­lung hielt, mach­te er Ein­druck.

Guai­dó nann­te den Au­to­kra­ten Ma­du­ro, der ver­gan­ge­nen Don­ners­tag für ei­ne zwei­te Amts­zeit ver­ei­digt wur­de, „ei­nen Thron­räu­ber“, da er sich auf ei­ne Wahl be­ru­fe, die kei­ne ge­we­sen sei, und be­zeich­ne­te die Na­tio­nal­ver­samm­lung als „die ein­zi­ge le­gi­ti­me Kraft, um das ve­ne­zo­la­ni­sche Volk zu re­prä­sen­tie­ren“. Au­ßer­dem ver­wies er auf ei­nen Ver­fas­sungs­ar­ti­kel, in dem ge­re­gelt ist, dass der Par­la­ments­prä­si­dent, al­so er selbst, über­gangs­wei­se nach­rückt, falls der Pos­ten des Staats­prä­si­den­ten va­kant ist. Die meis­ten Zu­hö­rer frag­ten sich, was Guai­dó da­mit sa­gen woll­te. Hat­te er sich gera­de selbst zum Staats­chef er­klärt? Falls die Ver­wir­rung kal­ku­liert war, könn­te es sich um ei­nen ziem­lich schlau­en Schach­zug ge­han­delt ha­ben. In je­dem Fall hat er da­mit ei­ne neue Dy­na­mik in den zu­letzt et­was ein­ge­schla­fe­nen Macht­kampf in Caracas ge­bracht.

Juan Guai­dó scheint zu wis­sen, dass man nicht Staats­prä­si­dent wird, in­dem man be­haup­tet, man sei es. Tat­säch­lich be­ließ er es an der ent­schei­den­den Stel­le, der Au­to­pro­kla­ma­ti­on, bei ei­ner An­deu­tung. Er bot sei­ne Be­reit­schaft an, Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men für den Fall, dass das Volk, die Streit­kräf­te und die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft ihn un­ter­stüt­zen. Es klang wie die Be­schrei­bung ei­nes We­ges zu ei­ner Über­gangs­re­gie­rung und fai­ren Neu­wah­len.

Üb­li­cher­wei­se macht Ma­du­ro mit auf­müp­fi­gen Op­po­si­tio­nel­len kur­zen Pro­zess. Es war des­halb kei­ne gro­ße Über­ra­schung, dass Guai­dó am Sonn­tag vom In­lands­ge­heim­dienst aus sei­nem Au­to ge­zerrt und ver­haf­tet wur­de. Über­ra­schend war eher, dass er kurz dar­auf wie­der frei war. Of­fen­bar hat Guai­dó mit sei­nem va­ge for­mu­lier­ten Macht­an­spruch das Regime in die De­fen­si­ve ge­bracht. Mit sub­ti­len Her­aus­for­de­run­gen kann ein Au­to­krat wie Ma­du­ro schlech­ter um­ge­hen als mit ei­ner di­rek­ten Kon­fron­ta­ti­on.

An in­ter­na­tio­na­ler Un­ter­stüt­zung hat Guai­dó in we­ni­gen Ta­gen mehr er­reicht als al­le sei­ne Vor­gän­ger. Zahl­rei­che la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Län­der der so­ge­nann­ten Li­ma-Grup­pe, die Ma­du­ros Re­gie­rung nicht an­er­ken­nen, si­cher­ten Guai­dó ih­re Un­ter­stüt­zung zu. Der Vor­sit­zen­de der Or­ga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten be­grüß­te ihn als „In­te­rims­prä­si­den­ten von Ve­ne­zue­la“. Auch das von der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­se fast pa­ra­ly­siert wir­ken­de Volk scheint neue Kraft zu schöp­fen. Am 23. Ja­nu­ar soll es, ei­nem Auf­ruf Guai­dós fol­gend, erst­mals seit fast zwei Jah­ren wie­der Mas­sen­pro­tes­te ge­gen Ma­du­ro ge­ben. Das wä­re ei­ne güns­ti­ge Ge­le­gen­heit für die bis­lang re­gime­treu­en Streit­kräf­te, die Sei­ten zu wech­seln.

Falls ir­gend­wann der Tag kommt, an dem die Ve­ne­zo­la­ner mer­ken, dass sie oh­ne Angst de­mons­trie­ren kön­nen, hät­te Ma­du­ro wohl ver­lo­ren. Und Juan Guai­dó hät­te ge­won­nen.

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