Aus­weg aus der Blo­cka­de

Grü­ne le­gen Kom­pro­miss­vor­schlag für die Re­form der Grund­steu­er vor

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - POLITIK - Cers­tin gam­melin

„Wir schaf­fen das“, hat An­ge­la Mer­kel 2015 ge­sagt, als Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge an­ka­men, „und wo uns et­was im We­ge steht, muss es über­wun­den wer­den, muss dar­an ge­ar­bei­tet wer­den.“Die SZ hat in ei­ner Se­rie be­schrie­ben, wie es um die In­te­gra­ti­on der Mi­gran­ten steht, wel­che Hin­der­nis­se weg­ge­räumt sind: „Schaf­fen wir das?“Al­le 13 Fol­gen der Se­rie sind jetzt als di­gi­ta­le Son­der­aus­ga­be er­schie­nen, zum Her­un­ter­la­den un­ter sz.de/zei­tung so­wie im Ki­osk der SZ-Zei­tungs­app. Ber­lin – Das Re­gie­ren in ei­ner Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on er­höht of­fen­sicht­lich die Be­reit­schaft, nach Kom­pro­mis­sen zu su­chen. Es war die grü­ne Fi­nanz­mi­nis­te­rin Schles­wi­gHol­steins, Mo­ni­ka Heinold, die am Mon­tag un­mit­tel­bar vor ei­nem Tref­fen der Res­sort­chefs der Län­der mit Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) zur um­strit­te­nen Re­form der Grund­steu­er an al­le Be­tei­lig­ten ap­pel­lier­te, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen. Die avi­sier­te Re­form sei „nicht die Qua­dra­tur des Krei­ses, aber es braucht den gu­ten Wil­len al­ler Be­tei­lig­ten, um aus der Blo­cka­de­hal­tung her­aus­zu­kom­men“, sag­te Heinold der Süd­deut­schen Zei­tung.

Soll­te es zu kei­ner Ei­ni­gung kom­men, ver­lö­ren die Kom­mu­nen vie­le Mil­li­ar­den

Der­zeit strei­ten der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter und die Uni­on dar­um, ob die Grund­steu­er künf­tig ab­hän­gig vom Wert der Im­mo­bi­li­en be­rech­net wer­den soll – oder nur ab­hän­gig von der Flä­che. Letz­te­res wür­de be­deu­ten, dass ein Haus mit 150 Qua­drat­me­ter Gr­und­flä­che an der pol­ni­schen Gren­ze genau so hoch be­steu­ert wird wie ein ver­gleich­bar gro­ßes Haus in Mün­chen-Bo­gen­hau­sen. Das will Scholz mit ei­nem wert­ab­hän­gi­gen Mo­dell ver­mei­den. Die Uni­on wirbt da­ge­gen für das Flä­chen­mo­dell; mit dem Ar­gu­ment, un­nö­ti­ge Bü­ro­kra­tie ver­mei­den zu wol­len.

Um den Streit zu be­en­den, leg­te Heinold am Mon­tag ei­nen Kom­pro­miss vor. Die grü­ne Fi­nanz­mi­nis­te­rin schlägt vor, dass die Grund­steu­er zwar künf­tig, wie von Scholz vor­ge­schla­gen, ab­hän­gig vom Wert ei­ner Im­mo­bi­lie er­mit­telt wird. Sie soll aber nicht für je­de Woh­nung und je­de Im­mo­bi­lie ein­zeln über die in­di­vi­du­el­le Mie­te und den Bo­den­richt­wert des ein­zel­nen Grund­stücks be­rech­net wer­den, son­dern über pau­scha­le Mie­ten und über so­ge­nann­te Bo­den­richt­wert­zo­nen. „Ich bin mir si­cher, dass sich Wert­ab­hän­gig­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät nicht wi­der­spre­chen müs­sen“, sag­te Heinold. Sie for­der­te die Ko­ali­ti­ons­part­ner in Ber­lin auf, kei­ne Zeit zu ver­geu­den. „Die Kom­mu­nen brau­chen ih­re Ein­nah­men, für die Ver­wal­tung muss es hand­hab­bar und für die Bür­ger trans­pa­rent sein.“

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te die Bun­des­re­gie­rung im April ver­gan­ge­nen Jah­res da­zu ver­pflich­tet, die Grund­steu­er neu zu be­rech­nen. Die Rich­ter mo­nier­ten, dass die ak­tu­el­len Steu­er­be­schei­de auf Grund­stücks­wer­ten der Jah­re 1935 und 1964 be­ru­hen. Die neue Re­ge­lung soll von Bun­des­tag und Bun­des­rat bis En­de 2019 be­schlos­sen und bis En­de 2024 um­ge­setzt wer­den. Ge­lingt das nicht, wür­de die Grund­steu­er er­satz­los weg­fal­len; die bun­des­weit et­wa 11 000 Kom­mu­nen ver­lö­ren rund 14 Mil­li­ar­den Eu­ro an jähr­li­chen Ein­nah­men. Das dürf­te fast al­le Ge­mein­den in aku­te Fi­nanz­nö­te stür­zen.

Scholz hat­te En­de des ver­gan­ge­nen Jah­res zwei Re­form­vor­schlä­ge vor­ge­legt. Ein Mo­dell läuft dar­auf hin­aus, die Grund­steu­er wert­ab­hän­gig über die Net­to­kalt­mie­te je­der Woh­nung und den Bo­den­richt­wert je­des ein­zel­nen Grund­stücks zu be­rech­nen. Zu­gleich hat­te Scholz ein Flä­chen­mo­dell vor­ge­stellt, wie es sich Bay­ern wünscht. Er hat­te zu­gleich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es enor­me Nach­tei­le ber­ge.

Nach In­for­ma­ti­on der SZ könn­te die flä­chen­ab­hän­gi­ge Be­rech­nung vor al­lem Land­wir­te und Im­mo­bi­li­en in Ost­deutsch­land schlech­ter­stel­len. Für land­wirt­schaft­li­che Be­trie­be wür­den Son­der­re­ge­lun­gen wie die Kfz-Steu­er­be­frei­ung oder be­son­de­re Ver­lust­rech­nun­gen weg­fal­len – was den Bau­ern­ver­band alar­miert. „Wir le­gen Wert dar­auf, dass es zu kei­nen zu­sätz­li­chen fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen für die Land- und Forst­wirt­schaft kom­men darf“, sag­te Ge­ne­ral­se­kre­tär Bern­hard Krüs­ken der SZ.

In­ter­nen Be­rech­nun­gen des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums zu­fol­ge wür­de die flä­chen­ab­hän­gi­ge Er­mitt­lung zu­dem Woh­nun­gen und Häu­ser in mitt­le­ren und klei­ne­ren Städ­ten und Ge­mein­den mas­siv be­las­ten; pro­fi­tie­ren wür­den da­ge­gen Groß­städ­te. Ins­be­son­de­re Im­mo­bi­li­en in Ost­deutsch­land wür­den deut­lich hö­her be­steu­ert, was bei den Land­tags­wah­len in Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg Wäh­ler zur po­li­ti­schen Kon­kur­renz trei­ben könn­te.

Im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ver­weist man auch dar­auf, dass der bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand beim Flä­chen­mo­dell hö­her sein dürf­te als an­ge­nom­men. Es müss­ten ei­ni­ge Da­ten ganz neu er­fasst wer­den, bei­spiels­wei­se die Hö­he von Ge­bäu­den.

Bund und Län­der wol­len sich bis Früh­som­mer ei­ni­gen und das Ge­setz vor der Som­mer­pau­se im Bun­des­tag ver­ab­schie­det.

FO­TO: MARIJAN MURAT/DPA

Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um und Uni­on sind sich un­eins: Sol­len Im­mo­bi­li­en (hier in Stutt­gart) nach ih­rer Flä­che be­steu­ert wer­den – oder nach ih­rem Wert?

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