Die Ein­schät­zung der Ge­fahr

Wie der La­wi­nen­schutz in Ös­ter­reich und der Schweiz mit den Schnee­mas­sen um­geht

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - PANORAMA - Isa­bel pfaff

Nimmt gleich­zei­tig das Be­wusst­sein der Men­schen für sprach­li­che Fein­hei­ten ab? Für 2018 ha­ben Sie ja so we­nig Vor­schlä­ge er­hal­ten wie noch nie.

Das kann tat­säch­lich dar­an lie­gen, dass sich die Leu­te we­ni­ger Ge­dan­ken über For­mu­lie­run­gen ma­chen. Aber viel­leicht ist auch mei­ne Pres­se­ar­beit die­ses Jahr schlech­ter ge­we­sen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­ben Sie „al­ter­na­ti­ve Fak­ten“von Do­nald Trumps Be­ra­te­rin Kel­lyan­ne Con­way so­wie Pe­gi­daSchlacht­ru­fe wie „Volks­ver­rä­ter“, „Gut­mensch“und „Lü­gen­pres­se“zu Un­wör­tern er­klärt. Wel­che Re­ak­tio­nen er­hal­ten Sie dar­auf?

Zu­stim­mung äu­ßert sich sel­ten schrift­lich und so­fort. Pro­test­mails hin­ge­gen er­hal­ten wir meist wäh­rend der noch lau­fen­den Pres­se­kon­fe­renz. Aber das ist im­mer schon so ge­we­sen. Viel­leicht wird es ag­gres­si­ver, noch bleibt es aber im Rah­men des ne­ga­tiv Üb­li­chen. Auf un­sach­li­che Zu­schrif­ten re­agie­ren wir gar nicht mehr.

Wil­helm von Hum­boldt be­zeich­ne­te Spra­che als „Bil­den­des Or­gan des Ge­dan­ken“. Was hät­te er da­zu ge­sagt, dass heu­te nicht nur Men­schen, son­dern auch Com­pu­terBots Dis­kus­sio­nen füh­ren kön­nen?

Das Pro­blem blei­ben die Men­schen. Der ehe­ma­li­ge Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se hat das ein­mal sehr schön for­mu­liert, als er mein­te, dass wir Hu­ma­ni­tät neu ler­nen müs­sen. Din­ge, die bis­her un­be­zwei­fel­ba­re Wer­te der De­mo­kra­tie wa­ren, müs­sen of­fen­sicht­lich wie­der neu ver­han­delt wer­den. Als Sprach­wis­sen­schaft­ler ver­su­chen wir, die­sen Pro­zess zu­guns­ten je­ner Wer­te zu un­ter­stüt­zen.

Der häu­figs­te Un­wort-Vor­schlag soll dies­mal der vom baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Mar­kus Sö­der ge­präg­te Aus­druck

– Im 19. Jahr­hun­dert be­gan­nen die Men­schen im Al­pen­raum, ih­re Berg­flan­ken mit Mau­ern und Erd­ter­ras­sen zu si­chern. So ver­su­chen sie bis heu­te, Schnee­la­wi­nen gar nicht erst ent­ste­hen zu las­sen. In Ge­fah­ren­ge­bie­ten wer­den Häu­ser auch mit stei­ner­nen Spalt­kei­len ver­se­hen, die den Schnee um­lei­ten sol­len. La­wi­nen­schutz hat ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on – und ist ak­tu­ell ge­fragt, wie lan­ge nicht.

Schnee­mas­sen im Sü­den Deutsch­lands, in Ös­ter­reich und der Schweiz: Die La­wi­nen­ge­fahr in den Al­pen ist wei­ter­hin hoch. Wäh­rend im deut­schen Al­pen­raum die zweit­höchs­te La­wi­nen­warn­stu­fe (vier) galt, mel­de­ten ös­ter­rei­chi­sche und schwei­ze­ri­sche Be­hör­den für ei­ni­ge Re­gio­nen Stu­fe fünf. „Sehr gro­ße Ge­fahr“.

In Ös­ter­reich ist vor al­lem Ti­rol be­trof­fen, dort gin­gen vie­le, teils sehr gro­ße La­wi­nen ab. „Es fiel vor al­lem am Kar­wen­del mehr Schnee als er­war­tet“, teil­te der La­wi­nen­warn­dienst des Bun­des­lan­des am Mon­tag mit. Wei­te­re Bun­des­län­der in Ös­ter­reich

Man­che Häu­ser wer­den mit stei­ner­nen Spalt­kei­len ver­se­hen, um den Schnee um­zu­lei­ten

ha­ben die höchs­te Warn­stu­fe aus­ge­ru­fen, dar­un­ter auch Salz­burg. Dort wur­de ein Mann von ei­ner Dach­la­wi­ne ver­schüt­tet und töd­lich ver­letzt. Wie ein Po­li­zei­spre­cher am Mon­tag sag­te, wur­den der 47-Jäh­ri­ge und drei wei­te­re Män­ner beim Ab­schau­feln ei­nes Haus­dachs in der Nä­he von Salz­burg von den Schnee­mas­sen mit­ge­ris­sen und stürz­ten et­wa sechs Me­ter in die Tie­fe.

In der Schweiz ist die La­wi­nen­ge­fahr im Zen­trum und im Os­ten des Lan­des am höchs­ten, Stu­fe fünf gilt vom öst­li­chen Ber­ner Ober­land über die Ur­ner und Glar­ner Al­pen bis in die nörd­li­chen Tei­le Grau­bün­dens. Meh­re­re Stra­ßen und Zug­stre­cken in den Kan­to­nen Grau­bün­den und Uri wur­den we­gen der La­wi­nen­ge­fahr ge­sperrt; in den Fi­de­ri­ser Heu­ber­gen in Grau­bün­den sit­zen zu­dem 200 Men­schen fest, weil ei­ne Sein Nach­teil ist, dass wir als Ju­ry be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren den Aus­druck „So­zi­al­tou­ris­mus“zum Un­wort er­klärt ha­ben.

Wie wä­re es dann mit Alex­an­der Gau­lands „Flie­gen­schiss“-Äu­ße­rung?

Auch eher un­wahr­schein­lich. Es wä­re ja furcht­bar, wenn wir uns bei der Wahl nur von Pro­vo­ka­tio­nen der AfD trei­ben lie­ßen.

Man könn­te mit Lud­wig Witt­gen­stein ent­geg­nen: „Die Gren­zen mei­ner Spra­che be­deu­ten die Gren­zen mei­ner Welt“.

Ja, aber genau das ist der Zweck von Sprach­kri­tik: Die­se Gren­zen aus­zu­lo­ten, Ver­schie­bun­gen zu prü­fen und Ge­gen­ent­wür­fe an­zu­bie­ten, die die Welt nicht zu eng wer­den las­sen. Als Kan­di­da­ten zu­letzt im Ren­nen wa­ren un­ter an­de­rem „An­ker­zen­trum“, „An­ti-Ab­schie­be-In­dus­trie“, „Ge­sin­nungs­dik­ta­tur“, „Men­schen­rechts­fun­da­men­ta­lis­mus“, „Mes­ser-Mi­gra­ti­on“, „Rück­füh­rung“und „Um­welt­prä­mie“.

Gibt es et­was, das Sie bei den Ein­sen­dun­gen zu­letzt be­son­ders be­wegt hat?

La­wi­ne die Stra­ße ins Tal ver­schüt­tet hat.

Doch so­wohl Ös­ter­reich als auch die Schweiz – das ist die gu­te Nach­richt in­mit­ten der ex­tre­men Wet­ter­la­ge – ha­ben ja eben jahr­hun­der­te­lan­ge Er­fah­rung im Um­gang mit au­ßer­ge­wöhn­li­chen Schnee­mas­sen. Die­ses Wis­sen wur­de vor Kur­zem von höchs­ter Stel­le aus­ge­zeich­net: Im ver­gan­ge­nen No­vem­ber er­klär­te die Unesco die Ex­per­ti­se der Schwei­zer und Ös­ter­rei­cher im La­wi­nen­schutz zum im­ma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be der Mensch­heit. Ver­bän­de und In­sti­tu­tio­nen aus bei­den Län­dern hat­ten die Kan­di­da­tur er­ar­bei­tet und sie im März 2017 bei der Unesco ein­ge­reicht.

„Für ein Berg­land wie die Schweiz ist der Um­gang mit La­wi­nen über­le­bens­wich­tig und seit je­her hand­fes­ter Be­stand­teil der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät“, heißt es auf der Web­sei­te des schwei­ze­ri­schen In­sti­tuts für Schnee- und La­wi­nen­for­schung (SLF), das maß­geb­lich an der Unesco-Kan­di­da­tur be­tei­ligt war. In dem Dossier an die UN-Or­ga­ni­sa­ti­on he­ben die bei­den Län­der die lan­ge Ge­schich­te der La­wi­nen­for­schung und der Was mir leid­ge­tan hat, ist, dass wir den von ei­ner Schul­klas­se ein­ge­reich­ten, zy­ni­schen Be­griff „Au­schwitz-Li­ne“nicht mehr be­rück­sich­ti­gen konn­ten. Den hat der Rap­per Fa­rid Bang als Ent­schul­di­gung für sei­ne an­ti­se­mi­ti­schen Äu­ße­run­gen ver­wen­det. Be­son­ders krass fand ich, al­ler­dings schon vor Jah­ren, die vom Kar­di­nal­de­kan ge­präg­te For­mu­lie­rung „Ge­schwätz des Au­gen­blicks“für die Miss­brauchs­fäl­le in der ka­tho­li­schen Kir­che.

Als un­ab­hän­gi­ge Ju­ry tre­ten Sie für De­mo­kra­tie, Men­schen­wür­de und ge­gen Dis­kri­mi­nie­rung und sprach­li­che Ver­schleie­rung ein. Den­noch ha­gelt es im­mer wie­der Kri­tik, die von Ih­nen aus­ge­wähl­ten Un­wör­ter sei­en ent­we­der falsch ver­stan­den wor­den („Ich-AG“) oder kaum im Ge­brauch („so­zi­al ver­träg­li­ches Früha­b­le­ben“). Stört Sie das?

Es geht uns ja nicht um Kon­sens. Eher dar­um, zur Dis­kus­si­on und zum Nach­den­ken an­zu­re­gen. Über un­se­re Wahl soll sich ru­hig je­der sei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den. Der An­satz ist eher ein von Im­ma­nu­el Kant ge­präg­ter, auf­klä­re­ri­scher. Der Mensch soll Ver­ant­wor­tung über­neh­men für das, was Schutz­maß­nah­men her­vor: So­ge­nann­te Er­eig­nis­ka­tas­ter, Auf­zeich­nun­gen über La­wi­nen und ih­re Ver­läu­fe, ge­hen bis ins frü­he 18. Jahr­hun­dert zu­rück. Sie er­mög­li­chen auch heu­te noch Ana­ly­sen und Vor­her­sa­gen: Wel­chen Weg neh­men Schnee­mas­sen vor­aus­sicht­lich auf dem Weg ins Tal? Wel­che Ge­bie­te sind be­son­ders ge­fähr­det und soll­ten nicht be­sie­delt wer­den?

Zum La­wi­nen­schutz ge­hört auch die War­nung. Ei­ne in­zwi­schen welt­weit re­nom­mier­te For­schung er­mög­licht ge­naue Vor­her­sa­gen und ver­öf­fent­licht La­wi­nen­war­nun­gen – wie das Schwei­zer SLF mit sei­nen La­wi­nen­bul­le­tins, die im Mo­ment zwei Mal täg­lich er­schei­nen. Mit der Kli­ma­er­wär­mung er­war­ten die La­wi­nen­for­scher star­ke Ve­rän­de­run­gen im Hoch­ge­bir­ge. „Na­tur­ge­fah­ren durch Schnee- und St­ein­la­wi­nen, Mur­gän­ge, Fels­stür­ze und auf­tau­en­dem Per­ma­frost wer­den zu­neh­men“, schrei­ben die Ex­per­ten vom SLF. Die Unesco-Aus­zeich­nung un­ter­strei­che des­halb die wach­sen­de Be­deu­tung des La­wi­nen­schut­zes. er tut. Und sprach­wis­sen­schaft­lich ist für uns Lud­wig Witt­gen­stein enorm wich­tig: „Die Be­deu­tung ei­nes Wor­tes ist sein Ge­brauch in der Spra­che.“Genau da set­zen wir an.

Ur­sprüng­lich wur­de das Un­wort von der vom Bund sub­ven­tio­nier­ten „Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che“ge­wählt, dann mach­te sich die Un­wort-Ju­ry selb­stän­dig. Wie kam es da­zu?

An­fang der Neun­zi­ger soll­te Hel­mut Kohls Äu­ße­rung vom „kol­lek­ti­ven Frei­zeit­park“Deutsch­land zum Un­wort er­klärt wer­den. Dar­an ent­zün­de­te sich je­doch ei­ne hef­ti­ge Dis­kus­si­on. Al­so hat man das Un­wort ab­ge­kop­pelt, um ei­ne freie, un­ab­hän­gi­ge Wahl zu ga­ran­tie­ren.

In Ös­ter­reich er­mit­telt seit 1999 die Gra­zer For­schungs­stel­le für Ös­ter­rei­chi­sches Deutsch Wort und Un­wort des Jah­res, in der Schweiz ei­ne pri­va­te Ju­ry. Sind Sie als Sprach­wis­sen­schaft­le­rin manch­mal nei­disch auf in Deutsch­land un­denk­ba­re Kan­di­da­ten wie „Voll­hol­ler“, „Schwei­ge­kanz­ler“oder „si­tua­ti­ons­elas­tisch“?

Nein. Mir reicht die bun­des­deut­sche Aus­wahl. Uns geht es um Wör­ter, die im öf­fent­li­chen deut­schen Dis­kurs wie selbst­ver­ständ­lich ver­wen­det wer­den und bei ge­naue­rer Ana­ly­se doch dif­fa­mie­rend oder dis­kre­di­tie­rend sind.

Ihr Va­ter war der Phi­lo­soph Pe­ter Ja­nich. War Spra­che ein gro­ßes The­ma schon in Ih­rer Ju­gend?

Und ob. Mein Va­ter war ent­setzt von mei­nen ju­gend­li­chen Aus­drü­cken wie „echt“oder „geil“. Ihm war wich­tig, dass man sei­ne Spra­che in ei­ner Ge­mein­schaft nur in dem Rah­men aus­le­ben kann, der nicht auf Kos­ten an­de­rer geht. Und das hat mich ge­prägt.

FO­TO: AP

Weiß von al­len Sei­ten: Ein Mann be­ar­bei­tet die Schnee­mas­sen vor sei­nem Haus na­he des Schwei­zer Or­tes Da­vos.

FO­TO: PRI­VAT

Ni­na Ja­nich, 50, ist Pro­fes­so­rin für Deut­sche Lin­gu­is­tik an der TU Darm­stadt. Sie sitzt seit 18 Jah­ren eh­ren­amt­lich in der Ju­ry zur Wahl des deut­schen „Un­wort des Jah­res“. Seit acht Jah­ren ist sie die Spre­che­rin der Ju­ry.

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