Welt oh­ne Rück­grat

Er­zäh­len ist Krieg, sagt die jun­ge Dra­ma­ti­ke­rin Enis Ma­ci. Jetzt wur­de in Wi­en ihr neu­es Stück „Au­tos“ur­auf­ge­führt

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Wolf­gang kra­licek

Wenn man sich’s mit Enis Ma­ci ver­scher­zen will, dann muss man sie nur fra­gen, wo­her denn ihr Na­me kommt. Die oft ge­hör­te Fra­ge nervt die 25-jäh­ri­ge Au­to­rin vor al­lem des­halb, weil sie so ver­lo­gen ist; denn es geht den Fra­gen­den na­tür­lich nicht wirk­lich um Ety­mo­lo­gie. „Die­se Fra­ge ist ein Co­de, sie steht für: Wo kommst du her, nein, ei­gent­lich, wo kommst du ei­gent­lich her“, schreibt Ma­ci in ih­rem Es­say­band „Eis­ca­fé Eu­ro­pa“, der im Herbst in der Edi­ti­on Suhr­kamp er­schie­nen ist (SZ vom 27.11.).

Eis­ca­fé Eu­ro­pa klingt nach ei­ner Me­ta­pher, ist aber ei­gent­lich gar kei­ne: In Gel­sen­kir­chen, wo Enis Ma­ci ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen ist, gab es ein sol­ches Lo­kal wirk­lich (in­zwi­schen heißt es Ca­fé Cap­puc­ci­no, was kein so gu­ter Buch­ti­tel wä­re). Der per­sön­li­che Ges­tus stellt über­haupt ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät die­ser Es­says dar. Wenn Ma­ci et­wa über die Iden­ti­tä­ren schreibt, er­in­nert sie sich an ih­re ers­te An­ti­fa-De­mo, als sie als ein­zi­ge ih­rer Cli­que nicht von der Po­li­zei be­hel­ligt wur­de, weil ihr adret­tes Out­fit sie un­ver­däch­tig ge­macht hat­te. „Manch­mal ist es eben das Lip­g­loss, das ei­ne ra­di­ka­le Kri­tik erst rich­tig glän­zen lässt“, kon­sta­tiert sie tro­cken. Und meint da­mit na­tür­lich auch die Sty­leCo­des der Iden­ti­tä­ren Be­we­gung.

Die Es­says ent­stan­den par­al­lel zu ih­ren ers­ten bei­den Thea­ter­stü­cken, „Le­bend­fal­len“und „Mit­wis­ser“, die im ver­gan­ge­nen Früh­jahr kurz nach­ein­an­der in Leip­zig und Wi­en ur­auf­ge­führt wur­den; für „Mit­wis­ser“, in dem sie rea­le Fäl­le ex­zes­si­ver Ge­walt aus den USA, der Tür­kei und Sy­ri­en ver­ar­bei­te­te, wur­de sie in der Kri­ti­ker­um­fra­ge der Zeit­schrift Thea­ter heu­te zur „Nach­wuchs­au­to­rin des Jah­res“ge­wählt. Ihr drit­tes Stück „Au­tos“wur­de am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de im Wie­ner Schau­spiel­haus ur­auf­ge­führt. Für ein Tref­fen hat die Au­to­rin das in der Nä­he des Thea­ters ge­le­ge­ne, voll­kom­men unhip­pe Ca­fé Por­zel­lan vor­ge­schla­gen. Da sei nie viel los, und rau­chen dür­fe man auch. „Ich den­ke, die Es­says, die ich ge­schrie­ben ha­be, und die Stü­cke, so wie ich sie gera­de schrei­be, äh­neln sich in ih­ren Ver­fah­ren“, sagt sie. „Da gibt es kei­nen Plot im stren­ge­ren Sinn, son­dern Ge­schich­ten­frag­men­te, Ide­en­blit­ze – und die wer­den nicht von ei­ner li­nea­ren Er­zäh­lung im Sin­ne ei­nes Rück­grats zu­sam­men­ge­hal­ten, son­dern von Spra­che und Form und An­lie­gen und Be­zie­hung als Stütz­struk­tu­ren, als Exo­s­ke­lett so­zu­sa­gen.“

Ein Exo­s­ke­lett hält den Kör­per von wir­bel­lo­sen Tie­ren wie Glie­der­fü­ßern zu­sam­men, und die Au­to­rin scheint ein Fai­b­le für das Wort zu ha­ben; al­lein in ih­rem neu­en Stück kommt es drei Mal vor. Es ist aber auch ein gu­tes Bild für ei­ne Welt oh­ne Rück­grat. Dra­ma­tur­gisch ist „Au­tos“wie ein Road­mo­vie ge­baut: Ein Ge­schwis­ter­paar mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund fährt im Au­to aus Deutsch­land in Rich­tung Süd­ost­eu­ro­pa, ent­lang der be­rüch­tig­ten „Gas­t­ar­bei­ter­rou­te“, auf der es in den 70er-Jah­ren mehr Un­fall­to­te gab als auf al­len deut­schen Au­to­bah­nen zu­sam­men. Sie wol­len in die Hei­mat ih­rer El­tern rei­sen und dort je­nen Platz be­su­chen, an dem ihr Groß­va­ter einst von ei­nem Au­to über­fah­ren wor­den war.

Das ei­gent­li­che Dra­ma aber kommt aus dem Au­to­ra­dio: ei­ne Col­la­ge aus Tex­ten zu ver­schie­de­nen rea­len Tra­gö­di­en der jün­ge­ren oder auch fer­ne­ren Ver­gan­gen­heit. Aus der Rei­se in den Sü­den wird ei­ne Fahrt ins Herz der Fins­ter­nis. Der Sui­zid von Da­ni­el Küb­lböck wird eben­so the­ma­ti­siert wie der Fall der Tsche­cho­slo­wa­kin Ol­ga Hep­na­ro­vá, die 1973 in Prag das ers­te Lkw-At­ten­tat der Ge­schich­te ver­üb­te; Wal­ter Kohl, der nicht zur Lei­che sei­nes Va­ters vor­ge­las­sen wird, tritt eben­so auf wie der ar­beits­lo­se Sohn von Thi­lo Sar­ra­zin; von den ita­lie­ni­schen Gas­t­ar­bei­tern, die nach dem Krieg in Wolfs­burg für das deut­sche Wirt­schafts­wun­der ma­loch­ten, ist eben­so die Re­de wie von je­ner „Ein­wan­de­rer­fa­mi­lie“, die in Süd­frank­reich „für Angst und Schre­cken sorgt“– ge­meint ist die In­va­si­on der ar­gen­ti­ni­schen Amei­se, die ih­re eu­ro­päi­schen Art­ge­nos­sen ver­drängt. Am En­de steht der re­zen­te Fall des un­schul­dig in­haf­tier­ten Sy­rers Amad A., der ums Le­ben kam, nach­dem er in der JVA Kle­ve sei­ne Zel­le in Brand ge­setzt hat­te: „da stirbt al­so amad / der in sei­ner zel­le ver­brann­te / ma­chen wir uns nichts vor / ver­brannt wur­de“. Ein bit­te­rer Ver­weis dar­auf, dass aus der Gas­t­ar­bei­ter­rou­te heu­te die min­des­tens eben­so le­bens­ge­fähr­li­che Bal­kan­rou­te ge­wor­den ist.

Die Urauf­füh­rung am Wie­ner Schau­spiel­haus ist sehr mu­si­ka­lisch ge­ra­ten, und das kann in die­sem Fall durch­aus wört­lich ver­stan­den wer­den. Re­gis­seur Fran­zXa­ver Mayr lässt sei­ne Ins­ze­nie­rung mit lan­gen Elek­tromu­sik-Pas­sa­gen (Ma­ti­ja Schel­lan­der) an- und aus­klin­gen und das fünf­köp­fi­ge En­sem­ble, dem auch ei­ne Sän­ge­rin an­ge­hört, häu­fig sin­gen oder cho­risch spre­chen. Aber auch wenn die Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler mal so­lis­tisch agie­ren und in Rol­len schlüp­fen, tre­ten sie doch stets als Grup­pe auf, die nicht für sich, son­dern für die Ge­sell­schaft steht. Zu den wich­tigs­ten Din­gen, die sie an der Uni ge­lernt ha­be, schreibt Ma­ci, ge­hö­re die Er­kennt­nis, dass ein Stück aus lau­ter „Stel­len“be­ste­he. An die­sem dich­ten, durch­kom­po­nier­ten Abend gibt es vie­le star­ke Stel­len. Dass sich Ma­cis auf den ers­ten Blick eher la­pi­da­re Spra­che so vie­le rhyth­mi­sche Va­ria­tio­nen ab­ge­win­nen las­sen, spricht nicht nur für die in­spi­rier­te Ins­ze­nie­rung, son­dern auch für das dra­ma­ti­sche Po­ten­zi­al des prä­zi­se ge­ar­bei­te­ten Tex­tes.

Im­mer wie­der kommt Enis Ma­ci in ih­ren Es­says auf das Schrei­ben selbst zu spre­chen. „Es ist nicht mög­lich, zum Text zu kom­men, wie die Jung­frau zum Kin­de kommt“, schreibt sie zum Bei­spiel. „Man be­schä­digt sich und den Text, zum Glück.“An an­de­rer Stel­le heißt es, noch mar­tia­li­scher: „Er­zäh­len ist Krieg, be­son­ders, wenn man sich nichts aus­den­ken will.“War­um sie sich denn nichts aus­den­ken wol­le? „Ach, die ei­ne oder an­de­re Sa­che ha­be ich mir ja schon aus­ge­dacht. Aber das Aus­ge­dach­te lau­ert nun mal auch in der Wirk­lich­keit“, er­klärt Ma­ci. „Man schal­tet die Ta­ges­schau ein, und in den Bör­sen-News heißt es: ‚Die Märk­te füh­len sich heu­te so und so‘ – was soll das be­deu­ten? Dar­um geht es mir im Grun­de: mich und mei­ne Wahr­neh­mung, oder, im zwei­ten Schritt, Fi­gu­ren und ih­re Wahr­neh­mung ins Ver­hält­nis zu set­zen zu dem, was wir so leicht­fer­tig Wirk­lich­keit nen­nen, das al­so Fak­ten und Fik­ti­on und noch ei­ni­ge Zwi­schen­stu­fen ent­hält.“

Enis Ma­ci hat am Deut­schen Li­te­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig stu­diert und da­nach noch ein Jahr Kul­tur­so­zio­lo­gie an der Lon­don School of Eco­no­mics an­ge­hängt, ih­re Mas­ter­ar­beit schrieb sie dort über die Iden­ti­tä­ren. Der­zeit lebt sie in Mann­heim, wo sie in die­ser Spiel­zeit Haus­au­to­rin am Na­tio­nal­thea­ter ist und an ei­nem neu­en Stück schreibt. Man wird sich den Na­men Enis Ma­ci mer­ken müs­sen. Er kommt üb­ri­gens aus Al­ba­ni­en, so wie ih­re El­tern.

FO­TO: MATTHIAS HESCHL

Das Stück „Au­tos“ist dra­ma­tur­gisch wie ein Road­mo­vie ge­baut. Ein Ge­schwis­ter­paar fährt aus Deutsch­land in Rich­tung Sü­den.

FO­TO: DOMINIKA MA­RIA ALKHODARI

Die 1993 ge­bo­re­ne Enis Ma­ci hat am Deut­schen Li­te­ra­tur­in­sti­tut in Leip­zig stu­diert und lebt der­zeit in Mann­heim, wo sie Haus­au­to­rin am Na­tio­nal­thea­ter ist.

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