Ent­spannt men­schen­leer

Hein­rich Rein­hold ging im 19. Jahr­hun­dert in die Ber­ge und fing ih­re Ru­he in Öl­skiz­zen, Zeich­nun­gen und Ge­mäl­den ein. In Ham­burg ist der Land­schafts­ma­ler neu zu ent­de­cken

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - FEUILLETON - Von kia vah­l­and

Wer im 19. Jahr­hun­dert Künst­ler war, soll­te Rom ge­se­hen, ge­zeich­net, ge­malt ha­ben. Un­ge­zählt sind die Bil­der vom Ko­los­se­um, dem Fo­rum Ro­ma­num, der En­gels­burg, dem Ti­ber. Auch Hein­rich Rein­hold, Sohn ei­nes Por­trä­tis­ten aus dem thü­rin­gi­schen Ge­ra, zog im Jahr 1819 nach Rom und leb­te dort mit an­de­ren deut­schen Künst­lern zu­sam­men. Bald aber such­te er das Ge­gen­teil vom Tru­bel in der Ewi­gen Stadt, von ih­ren an­ti­ken Rui­nen, ba­ro­cken Über­bau­un­gen, der men­schen­ge­mach­ten Welt – und reis­te wei­ter in die Sa­bi­ner Ber­ge, in das Dorf Ole­va­no, rund 60 Ki­lo­me­ter von Rom ent­fernt. Dort gab es nicht ein­mal Gast­häu­ser, ob­wohl schon der Ma­ler Jo­seph An­ton Koch die kar­ge Ge­gend ei­ni­ge Jah­re zu­vor für die Land­schafts­ma­le­rei ent­deckt hat­te.

Im war­men Licht der Ber­ge des Sü­dens ent­warf Rein­hold ei­ne Öl­skiz­ze nach der an­de­ren. Sie er­zäh­len vom Su­chen, nicht vom Fin­den, von der Flüch­tig­keit ei­nes Au­gen­blicks und von ei­ner Ru­he, die aus der Fä­hig­keit zur Kon­zen­tra­ti­on ent­steht. Nichts ist thea­tra­lisch, nichts auf­ge­hüb­scht. Rein­holds Fel­sen in der Fer­ne er­schei­nen schroff, oh­ne be­droh­lich zu wir­ken, die Grün­tö­ne im Vor­der­grund ver­schwim­men sacht in­ein­an­der. Sei­ne Tä­ler er­stre­cken sich in ho­ri­zon­ta­ler Ge­las­sen­heit, als woll­ten sie mit Mee­res­bil­dern wett­ei­fern. Oft lässt der Deut­sche den Blick ein­fach schwei­fen, manch­mal aber kon­zen­triert er ihn auf ei­nen ein­zi­gen Baum und er­kun­det den Ge­gen­satz von knor­ri­gem, dunk­lem Stamm und fi­li­gra­nen, hell­grü­nen Blät­tern.

Rein­holds so genau be­ob­ach­te­te und doch ma­le­risch durch­dach­te Öl­skiz­zen ent­deckt nun die Ham­bur­ger Kunst­hal­le wie­der, die et­li­che von ih­nen be­sitzt. Lei­der aber ver­ne­beln die Ku­ra­to­ren die­se be­schwing­ten Stü­cke in ei­ner gräu­li­chen, kreuz­bra­ven Aus­stel­lungs­prä­sen­ta­ti­on. Da wird Rein­holds Le­bens­weg le­xi­ka­lisch nach­er­zählt, oh­ne ihn aus­führ­lich in das po­li­ti­sche Ge­sche­hen ein­zu­bin­den. Über die Ent­wick­lung der Land­schafts­ma­le­rei an sich er­fährt man we­nig, auch dem Ver­hält­nis von Zeich­nun­gen, Skiz­zen, Stu­di­en und Ge­mäl­den wid­met sich län­ger erst der Ka­ta­log. Dass die Aus­stel­lung in den un­at­trak­ti­ven fens­ter­lo­sen Räu­men des in die Kunst­hal­le in­te­grier­ten Hu­ber­tus-Wal­dFo­rums auf dunk­len Un­ter­grund ge­hängt ist, macht das Gan­ze nicht bes­ser.

Die Tris­tesse der Schau ist auch des­halb er­nüch­ternd, weil das 19. Jahr­hun­dert so wie­der ein­mal zur Sa­che der Ken­ner wird und sich ei­nem grö­ße­ren Pu­bli­kum nicht er­klärt. Auf dem Kunst­markt re­üs­siert gera­de vor al­lem die welt­of­fe­ne Land­schafts­kunst die­ser Zeit; die Mu­se­en je­doch blei­ben wei­ter­ge­hen­de In­ter­pre­ta­tio­nen oft­mals schul­dig.

Da­bei wä­re über die klein­for­ma­ti­gen Öl­skiz­zen und -stu­di­en viel zu sa­gen. Sie ent­sa­gen je­der ro­man­ti­schen Hei­me­lig­keit, denn sie gal­ten nicht dem Ver­kauf, son­dern dem künst­le­ri­schen Pro­zess. Hier konn­ten Ma­ler sich aus­pro­bie­ren, konn­ten Vor­zeich­nun­gen in Farb­spie­le über­füh­ren, oh­ne gleich die Na­tur in ein sinn­stif­ten­des Ge­mäl­de pres­sen zu müs­sen. Die oft be­wusst un­fer­tig ge­las­se­nen Öl­skiz­zen kom­men zu­meist oh­ne Fi­gu­ren im Vor­der­grund

Karl Fried­rich Schin­kel sah, wie über­ra­schend die Blät­ter wa­ren – und kauf­te sie dem Künst­ler ab

aus. Wie der Kunst­his­to­ri­ker Wer­ner Busch im Ka­ta­log er­klärt, liegt das auch dar­an, dass der ent­spann­te, wei­te Blick in ei­ne Land­schaft sich nicht mit der Nah­sicht auf Men­schen ver­trägt und Künst­ler des­halb das Per­so­nal im Vor­der­grund ei­nes Ge­mäl­des oft als Letz­tes ein­füg­ten. Manch ein Künst­ler häng­te sich im 19. Jahr­hun­dert das gan­ze Ate­lier voll mit sei­nen Land­schafts­skiz­zen, die als per­sön­li­ches State­ment gal­ten.

Auch Rein­hold hät­te sei­ne Farb­blät­ter wohl kaum weg­ge­ge­ben, hät­te nicht aus­ge­rech­net der Ar­chi­tekt Karl Fried­rich Schin­kel ihn im Jahr 1824 dar­um ge­be­ten. Der hat­te den un­be­ding­ten Aus­drucks­wil­len er­kannt, der die Blät­ter des „ta­len­tier­ten jun­gen Land­schaf­ters“aus­zeich­net. Hein­rich Rein­hold wie­der­um er­hoff­te sich von dem preu­ßi­schen Ober­bau­rat be­ruf­li­che Un­ter­stüt­zung. So weit kam es je­doch nicht. Schon im Jahr 1825 starb Rein­hold erst 36-jäh­rig an ei­ner Krank­heit. Vie­le der Zeich­nun­gen, die Schin­kel einst von Rein­hold er­warb, ge­hö­ren in­zwi­schen der Ham­bur­ger Kunst­hal­le.

Die hat sie lan­ge nicht ernst ge­nug ge­nom­men. Rein­holds Öl­skiz­zen sind das ei­gent­lich Über­ra­schen­de der Schau, sie bil­den ei­nen luf­ti­gen, frei­geis­ti­gen Ge­gen­satz zu sei­nen eher kon­ven­tio­nel­len Ge­mäl­den und den akri­bi­schen Zeich­nun­gen. Das Gen­re hat der Deut­sche nicht erst in Ita­li­en für sich ent­deckt. Schon 1818 be­reis­te Rein­hold den Watz­mann und zeig­te den Berg der Berch­tes­ga­de­ner Al­pen als hel­les Ge­bil­de, das ei­ne dunk­le­re, bei­na­he schon ab­stra­hier­te Flä­che krönt. Rein­hold ver­stand sich auf das We­sent­li­che. Und das wa­ren für ihn die Far­ben und For­men, die er der Na­tur ent­lieh. Hein­rich Rein­hold. Der Land­schaft auf der Spur. Ham­bur­ger Kunst­hal­le, bis 10. März. Ka­ta­log (Hir­mer): im Mu­se­um 29 Eu­ro. Die Aus­stel­lung ist ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit der Klas­sik Stif­tung Wei­mar.

FO­TO: KUPFERSTICHKABINETT, STAAT­LI­CHE MU­SE­EN ZU BER­LIN; BPK / SMB; JÖRG P. AN­DERS

Hein­rich Rein­holds „Der Watz­mann“ent­stand 1818 in Öl auf Ver­gé­pa­pier.

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