Im Ge­dächt­nis Schö­nes fin­den

Po­si­ti­ve Er­in­ne­run­gen beu­gen De­pres­sio­nen vor

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - WISSEN - Wer­ner bar­tens

Wer meis­tens hei­ter ge­launt ist und auch mä­ßi­ge Si­tua­tio­nen zu ei­ner klei­nen Fei­er des All­tags um­zu­deu­ten ver­mag, wird ver­mut­lich nicht so schnell ei­ne De­pres­si­on be­kom­men. Für Nie­der­ge­schla­gen­heit ist dann schlicht we­ni­ger Platz, weil die Wahr­neh­mung so po­si­tiv ge­stimmt ist. Die­ser Zu­sam­men­hang ist zwar na­he­lie­gend, lie­ße sich aber im All­tag und the­ra­peu­tisch wohl noch öf­ter und auch bes­ser nut­zen. Zu die­sem Er­geb­nis kommt ein Team von Psych­ia­tern um An­ne-Lau­ra van Har­me­len von den bri­ti­schen Uni­ver­si­tä­ten Cam­bridge und Lon­don.

Im Fach­ma­ga­zin Na­tu­re Hu­man Be­ha­viour be­schrei­ben die eng­li­schen Wis­sen­schaft­ler, wie sie mehr als 400 Ju­gend­li­che mit ei­ner Nei­gung zur De­pres­si­on da­zu ge­bracht ha­ben, sich im­mer wie­der an­ge­neh­me Er­in­ne­run­gen zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Die durch­schnitt­lich 14 Jah­re al­ten Ver­suchs­teil­neh­mer soll­ten da­zu in den Ge­sprä­chen mit den For­schern nicht ein­fach nur an et­was Schö­nes den­ken, son­dern in ih­rem Ge­dächt­nis nach Er­leb­nis­sen und Mo­men­ten su­chen, die mit be­stimm­ten Be­grif­fen ver­bun­den wa­ren, die ih­nen die Psych­ia­ter vor­ga­ben. Auf die­se Wei­se kön­nen sich Men­schen ge­ziel­ter an po­si­ti­ve Er­fah­run­gen er­in­nern.

Im Ver­lauf der fol­gen­den zwölf Mo­na­te wur­den die Ju­gend­li­chen wei­ter be­ob­ach­tet und ein Jahr spä­ter die Ge­sprä­che und Be­fra­gun­gen schließ­lich in ähn­li­cher Form wie­der­holt. Da­bei zeig­te sich, dass die Ju­gend­li­chen sub­jek­tiv we­ni­ger An­zei­chen für ei­ne De­pres­si­on auf­wie­sen und sich selbst we­ni­ger ne­ga­tiv und ab­schät­zig be­wer­te­ten, wenn sie sich wäh­rend der ein­jäh­ri­gen Ver­suchs­pha­se im­mer mal wie­der an an­ge­neh­me Din­ge er­in­ner­ten.

Ein ge­rin­ges Selbst­wert­ge­fühl und ent­wer­ten­de Ge­dan­ken kom­men bei Men­schen mit Nei­gung zur De­pres­si­on häu­fi­ger vor. Zu­dem lag bei je­nen Ju­gend­li­chen, die sich häu­fi­ger an an­ge­neh­me Mo­men­te er­in­nern konn­ten, die Kon­zen­tra­ti­on des Stress­hor­mons Cor­ti­sol im Spei­chel nied­ri­ger. Krank­haf­te Nie­der­ge­schla­gen­heit geht hin­ge­gen mit er­höh­ten Cor­ti­sol-Wer­ten ein­her.

De­pres­si­ven fällt es oft schwer, in be­hag­li­cher Nost­al­gie zu schwel­gen

„Sich an ,gu­te Zei­ten‘ zu er­in­nern, macht jun­ge Men­schen of­fen­bar wi­der­stands­fä­hi­ger ge­gen Stress und we­ni­ger emp­find­lich für De­pres­sio­nen“, sagt Adri­an Dahl As­ke­lund, der die Stu­die ge­lei­tet hat. „Das ist ein wich­ti­ger Punkt, denn Men­schen las­sen sich bei­brin­gen, ge­zielt an po­si­ti­ve Er­leb­nis­se zu den­ken. Da­mit kann man sie un­ter­stüt­zen und wo­mög­lich ei­ner De­pres­si­on ent­ge­gen­wir­ken.“Ge­sun­de be­nüt­zen die­se Tech­nik üb­ri­gens öf­ter – wenn sie mie­ser Stim­mung sind, ru­fen sie sich be­wusst schö­ne Er­in­ne­run­gen ins Ge­dächt­nis. De­pres­si­ve ha­ben hin­ge­gen Schwie­rig­kei­ten, an an­ge­neh­me Mo­men­te zu den­ken, wie jüngs­te Un­ter­su­chun­gen ge­zeigt ha­ben.

In ei­ni­gen Fäl­len kommt es schon wäh­rend der Pu­ber­tät zu ers­ten An­zei­chen ei­ner De­pres­si­on. „Psy­chi­sche Stö­run­gen, die be­reits bei jun­gen Er­wach­se­nen auf­tre­ten, ver­lau­fen zu­meist schwe­rer und ge­hen mit ei­ner grö­ße­ren Wahr­schein­lich­keit für ei­nen spä­te­ren Rück­fall ein­her“, sagt An­ne-Lau­ra van Har­me­len. „Es ist da­her wich­tig, We­ge zu fin­den, um die psy­chi­sche Wi­der­stands­kraft gera­de bei je­nen zu stär­ken, die ein be­son­ders gro­ßes Ri­si­ko für De­pres­sio­nen auf­wei­sen.“Es ist zwar nicht rat­sam, nur in ei­ner schön ge­färb­ten Ver­gan­gen­heit zu le­ben und al­les ro­sa­rot zu se­hen. Ge­zielt an­ge­neh­me Er­in­ne­run­gen zu re­ak­ti­vie­ren und Be­trof­fe­ne an­zu­re­gen, dies von sich aus zu tun, könn­te je­doch et­li­che de­pres­si­ve Epi­so­den ver­hin­dern hel­fen, ver­mu­ten die eng­li­schen Psych­ia­ter.

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