Peking macht die Kas­se auf

Die Re­gie­rung will fast 130 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich in­ves­tie­ren, um die ers­te Re­zes­si­on seit Jahr­zehn­ten zu meis­tern. Der Schul­den­berg wächst

Sueddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe - - 2 Thema Der Woche - Christoph gie­sen

Vor der Co­ro­na-Kri­se, da bil­de­te sich schon im Mor­gen­grau­en, St­un­den be­vor Mi­nis­ter­prä­si­dent Li Ke­qiang sei­ne Er­öff­nungs­re­de zum all­jähr­li­chen Volks­kon­gress hal­ten wür­de, ei­ne lan­ge Schlan­ge vor der Gro­ßen Hal­le des Vol­kes in Peking. Di­plo­ma­ten und Jour­na­lis­ten reih­ten sich ein, sie al­le woll­ten Lis Re­chen­schafts­be­richt vor­ab le­sen und je­ne Zahl er­fah­ren, auf die die gan­ze Welt schaut: Die Pro­gno­se zum chi­ne­si­schen Wirt­schafts­wachs­tum. Sind es acht Pro­zent? Sie­ben? Oder nur sechs? Schon ei­ne Nach­kom­ma­stel­le kann Bör­sen­kur­se be­we­gen; schwä­chelt Chi­na, schwä­chelt die Welt.

In et­li­chen Spra­chen be­kam man die Re­de aus­ge­teilt: Auf Chi­ne­sisch na­tür­lich, auf Eng­lisch, und wer es un­be­dingt woll­te auch auf Deutsch – die Über­set­zung ist al­ler­dings nur für Bü­ro­kra­ten und Lieb­ha­ber ju­ris­ti­scher Tex­te zu emp­feh­len, Sub­stan­tiv reiht sich an Sub­stan­tiv. So auch die­ses Jahr. Nur in der deut­schen Fas­sung sagt Pre­mier Li so schö­ne Sät­ze wie: „Die Co­vid-19-Epi­de­mie ist ein Ge­fähr­dungs­fall der öf­fent­li­chen Ge­sund­heit, wie ihn die Volks­re­pu­blik Chi­na hin­sicht­lich der Ge­schwin­dig­keit sei­ner Ver­brei­tung, der Brei­te sei­nes In­fek­ti­ons­um­fan­ges und der Schwie­rig­keit sei­ner Prä­ven­ti­on und Kon­trol­le in der­ar­ti­ger Höchst­stu­fe seit ih­rer Grün­dung noch nie er­lebt hat.“

Die deut­sche Über­set­zung ist so steif wie eh und je, an­sons­ten aber ist al­les an­ders. Die Gro­ße Hal­le des Vol­kes darf man als aus­län­di­scher Jour­na­list nicht mehr be­tre­ten, In­ter­views mit De­le­gier­ten sind un­ter­sagt. Und die Re­de konn­te man am Frei­tag erst im In­ter­net her­un­ter­la­den, als Li be­reits sprach und ver­kün­de­te, dass die Re­gie­rung in die­sem Jahr erst­mals seit 1990 kei­ne Pro­gno­se ab­ge­ben wer­de, „we­gen der gro­ßen Un­si­cher­hei­ten“durch die Co­ro­na-Kri­se. Das ist ei­ne noch viel grö­ße­re Zä­sur als das En­de des mor­gend­li­chen Ri­tu­als. Chi­na ist nicht mehr die Wachs­tums­lo­ko­mo­ti­ve der Welt­wirt­schaft – und nie­mand weiß, wie lan­ge das so bleibt.

Be­reits im ers­ten Quar­tal hat­te sich das Brut­to­in­lands­pro­dukt der zweit­größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum um 6,8 Pro­zent ver­rin­gert. Der ers­te ne­ga­ti­ve Wert seit Be­ginn der quar­tals­wei­sen Er­he­bun­gen 1992. Ein gan­zes Jahr oh­ne Wachs­tum hat­te es in der Volks­re­pu­blik zu­letzt 1976 ge­ge­ben. Da­mals war al­ler­dings noch Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und Staats­grün­der Mao Ze­dong ge­ra­de erst ge­stor­ben.

Auch die letz­te Fi­nanz­kri­se hat­te die KP be­reits mit viel ge­lie­he­nem Geld be­kämpft

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen ha­ben Öko­no­men in Chi­na über Kon­junk­tur­pa­ke­te, Kon­sum­gut­schei­ne und Ret­tungs­maß­nah­men für den chi­ne­si­schen Mit­tel­stand dis­ku­tiert. Wie be­at­met man die chi­ne­si­sche Wirt­schaft, oh­ne dass all­zu viel Geld auf Spar­kon­ten lan­det oder in dunk­len Ka­nä­len

ver­si­ckert? Und vor al­lem: Wo­für gibt man Geld aus?

Nach der Fi­nanz­kri­se von 2008 an steck­te die Re­gie­rung Mil­li­ar­den Yuan in die In­fra­struk­tur. Neue Flug­hä­fen wur­den ge­baut, U-Bah­nen und das größ­te Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug-Netz der Welt, vie­les in Atem brau­ben­dem Tem­po. Die Fol­ge: Schul­den über Schul­den. Als 2008 die

Die Chi­ne­sen sol­len nach dem Wil­len der Füh­rung wie­der mehr kau­fen: Frau auf ei­nem Pe­kin­ger Markt.

Olym­pi­schen Spie­le in Peking statt­fan­den, lag die Ge­samt­ver­schul­dung der Volks­re­pu­blik – die Ver­bind­lich­kei­ten al­ler Pri­vat­haus­hal­te und Un­ter­neh­men so­wie des Staa­tes – bei et­wa 145 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts. Ak­tu­el­le Schät­zun­gen ge­hen von deut­lich mehr als 300 Pro­zent aus. Da sich die chi­ne­si­sche Wirt­schafts­kraft in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren mehr als ver­dop­pelt hat, dürf­te sich die Last der Kre­di­te min­des­tens ver­fünf­facht ha­ben.

Den­noch kün­dig­te Pre­mier Li in sei­ner Re­de nun an, die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Co­ro­na-Pan­de­mie mit Mil­li­ar­den­aus­ga­ben und neu­en Schul­den zu be­kämp­fen. Vor­ge­se­hen ist dem­nach die zu­sätz­li­che Aus­ga­be von Staats­an­lei­hen im Wert von ei­ner Bil­li­on Yuan (et­wa 128 Mil­li­ar­den Eu­ro), zu­dem soll die In­fra­struk­tur wei­ter aus­ge­baut wer­den. Statt 2,15 Bil­lio­nen sol­len in die­sem Jahr 3,75 Bil­lio­nen Yuan da­für zur Ver­fü­gung ste­hen. Das Rezept gleicht dem aus der Fi­nanz­kri­se von 2008. Und es geht so­gar noch wei­ter. Um den Kon­sum der Men­schen im Land wie­der an­zu­kur­beln, wer­de man die Steu­ern sen­ken, ver­sprach Li. Die Mehr­wert­steu­er soll re­du­ziert wer­den, ge­nau­so wie die So­zi­al­ab­ga­ben, die Un­ter­neh­men für ih­re Mit­ar­bei­ter ab­füh­ren müs­sen. Chi­nas Bür­ger und Un­ter­neh­men dürf­ten so ins­ge­samt 500 Mil­li­ar­den Yuan ein­spa­ren.

Trotz­dem er­war­tet die chi­ne­si­sche Re­gie­rung ein An­stei­gen der Ar­beits­lo­sig­keit. Vor ei­nem Jahr lag das Ziel für die Ar­beits­lo­sen­quo­te in den Städ­ten bei 5,5 Pro­zent, in die­sem Jahr sei von sechs Pro­zent aus­zu­ge­hen, sag­te Li. Statt elf Mil­lio­nen sol­len nur noch neun Mil­lio­nen Jobs ge­schaf­fen wer­den. Das klingt nach viel, ist in Chi­na aber drin­gend not­wen­dig. Die Füh­rung in Peking muss Jahr für Jahr al­lein für Bau­ern, aus de­nen Städ­ter wer­den, Mil­lio­nen Jobs schaf­fen, im Ge­gen­satz zu Eu­ro­pa ist die Ur­ba­ni­sie­rung in Chi­na noch im vol­len Gan­ge. Zu­dem müs­sen 8,74 Mil­lio­nen Uni­ver­si­täts­ab­sol­ven­ten Ar­beits­plät­ze fin­den.

Die Plä­ne für Hong­kong lie­ßen dort am Frei­tag die Bör­sen­kur­se ab­sa­cken

„Ge­gen­wär­tig und in der nä­he­ren Zu­kunft wird Chi­na vor Her­aus­for­de­run­gen ste­hen wie nie zu­vor“, sag­te Li. Das Land ver­fü­ge aber über ei­ne „star­ke wirt­schaft­li­che Grund­la­ge“, ein „enor­mes Markt­po­ten­zi­al und Hun­der­te Mil­lio­nen in­tel­li­gen­ter und flei­ßi­ger Men­schen“. Dank der star­ken Wachs­tums­im­pul­se wer­de Chi­na die Her­aus­for­de­run­gen be­wäl­ti­gen kön­nen.

Trotz der schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen La­ge, sag­te Li, wol­le Chi­na das Han­dels­ab­kom­men mit den USA ein­hal­ten. Die Volks­re­pu­blik wer­de wei­ter­hin Wirt­schafts­und Han­dels­ko­ope­ra­tio­nen mit an­de­ren Staa­ten vor­an­trei­ben. Erst Mit­te Ja­nu­ar hat­ten die USA und Chi­na nach ei­ner zä­hen und er­bit­ter­ten Aus­ein­an­der­set­zung ein vor­läu­fi­ges Han­dels­ab­kom­men un­ter­zeich­net. Es sieht vor, dass sich bei­de Sei­ten

nicht mehr mit zu­sätz­li­chen Straf­zöl­len über­zie­hen. Chi­na hat sich zu­dem ver­pflich­tet, sei­ne Ein­fuh­ren aus den USA deut­lich zu er­hö­hen.

Streit mit Washington ist den­noch pro­gram­miert. Der Volks­kon­gress soll kom­men­de Wo­che ein Si­cher­heits­ge­setz für Hong­kong ver­ab­schie­den. An der Bör­se der ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Kron­ko­lo­nie sack­ten am Frei­tag da­her die Kur­se ab. Die Furcht ist groß, dass In­ves­to­ren und Un­ter­neh­men ab­wan­dern, wenn Hong­kong kein Rechts­staat mehr ist und die Ge­set­ze in Peking ge­macht wer­den. Für die Wirt­schaft und das chi­ne­si­sche Wachs­tum, je­ne Zahl, auf wel­che die Welt so vie­le Jah­re ge­bannt ge­schaut hat, ist es ein schlech­tes Si­gnal. Chi­na braucht Hong­kong noch im­mer als Tor zur Welt.

FO­TO: NOEL CELIS/AFP

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