Sueddeutsche Zeitung München-Ausgabe : 2020-07-04

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11 Nr. 152, Samstag/Sonntag, 4./5. Juli 2020 DEFGH BUCH ZWEI Codogno Rimini Prato ITALIEN Rom Neapel 200 km SZ- Karte/Maps4News Und dann ist Sommer Kein anderes Land in Europa traf die Pandemie so früh so heftig wie Italien. Jetzt wird wieder getrunken, gebadet, gescherzt – und doch ist nichts wie vorher. Eine Erkundungs­fahrt von Nord nach Süd von oliver meiler Fast drei Monate lang war Italien eine schlafende Bellezza: leer, still, kalt. Jetzt wacht das Land wieder auf, und an Neapels Küste wagt man sich ins Wasser. FOTO: FABIO SASSO/ DPA D Mattia, „Paziente uno“, der in Wahrheit wohl eher Patient 101 oder 1001war, ein leidenscha­ftlicher Läufer, war neulich auf dem Cover einer Beilage der Er gab ein langes Interview, damit man ihn dann in Ruhe lasse. Man sieht ihn zuweilen im Zentrum von Codogno, beim Spaziergan­g mit seiner Frau und der eben erst geborenen Tochter. Er geht langsam. Roberta Magrì hat während des Lockdownei­ne neue Stelle bei einerMarke­tingfirma angetreten, in Cremona, aber auf Distanz. Das Bewerbungs­gespräch für die Abteilung Neukunden und deren Buchhaltun­g hatte sie imJanuar gehabt, die Firma hielt sich an die Abmachung. „Ich kenne meine neuen Kollegen nur halb: nur ihre Oberkörper.“Bis September wird das so bleiben, Home-Office und Videokonfe­renzen. Es komme ihr so vor, als sei sie ausgeliehe­n, trotzdem gefällt es ihr schon jetzt besser alsamalten Ort. „Ich, in meiner kleinen, persönlich­en Welt hatte Glück“, sagt sie. Andere verloren ihren Job, oder einen Teil ihres Einkommens. Leute, die etwas weiterweg arbeiten, wurden in Zwangsurla­ub geschickt, weil man niemanden aus Codogno im Betrieb haben mochte. Aus der Stadt der Verseucher. In der Stadt selbst sei man solidarisc­h gewesen miteinande­r, die ganze Zeit, eine große Gemeinscha­ft. Eine Pizzeria buk Brot statt Pizza und verteilte es an die Bedürftige­n. Junge machten die Besorgunge­nfür die Betagten, Lebensmitt­elundMedik­amente, und legten sie vor deren Haustür. „Und wenn jemand rausging, fragte er zuerst alle Nachbarn, ob sie etwas brauchten, damit keiner unnötig das Haus verlassen musste.“Auch die Polizisten seien nett gewesen, drückten auch mal ein Auge zu. „DiesesGefü­hl trägt unsweiter“, sagtMagrì. Der Zusammenha­lt wird ihnen bleiben, vielleicht auch das Stigma. Die Stadtverwa­ltung überlegt sich eine Imagekampa­gne, ein Rebranding des Namens, weg von der Zona rossa, von der Zona zero. Und insgeheim hofft man, dass die traurige Berühmthei­t am Ende etwas bringt, dass dann mal Touristen kommen werden, um Codogno zu sehen. Überhaupt, die Touristen. Wie lange wird es wohl dauern, bis die Strände wieder voll sind, in einem Land, das im Sommer mit ihnen, aber auch von ihnen lebt? re alt, führte damals für die eine Woche lang ein Tagebuch über das Leben im Lockdown, als sonst noch niemand in Europa im Lockdown war. Sie erzählte aus ihrem Alltag, der von außen surreal anmutete, doch den schon balddasgan­zeLanderle­bensollte. Vondiesem Gefühl, wenn im Fernsehen Virologen endlos debattiere­n und dabei immer wiederName der eigenen Stadt fällt. Von ihrer Freundin Serena, derenVater sich ansteckteu­ndlangeimK­omalag. Vomletztli­chvergebli­chenWarten auf Serenas Testresult­ate: Sie kamen nie. Von der bangen Sorge umsich selbst, umFreund Saverio, umalle Lieben. Sie erzählte vom Livekonzer­t der einheimisc­hen Punkrockba­nd auf Instagram, zur Aufheiteru­ng derGemüter. Von der Sehnsucht, dass bald endlich wieder alles wird wie früher, wieimmer. Die alteNormal­ität, Roberta Magrìwollt­e sie einfach nur wieder zurück. Nicht besser, nicht anders, einfach alles wie früher. EinenAperi­tivo auf der Piazza. Später Freitagnac­hmittag auf der Piazza XX Settembre, vier Monate danach. In der Barvor der Kirche sind alle Tische draußen besetzt, die Sonne steht noch hoch über der Stadt, unter der Arkade dreht der Kirmeszug wieder eine Runde, mit nur zwei Kindern, aberimmerh­in. „Die Luft prickelt wieder“, sagt Magrì, „ein bisschenwe­nigstens.“Sie bestellt einen „Uno in due“, den beliebtest­en Aperitif in dieser Region, der Bassa Lodigiana: ein Fläschchen Campari Soda, verteilt auf zwei Gläser, dazu Weißwein. „So viel wie nötig.“ Nur fürs Trinken ziehen die Gäste ihre „mascherine“runter. Die meisten tragen diese chirurgisc­hen, hellblauen Gesichtsma­sken, die man nach einemGebra­uch eigentlich wegwerfen sollte. Anderswo gibt es modischere, „customizza­te“, sagen die Italiener, daskommtvo­menglische­n „customized“, personalis­iert. Hier sieht man die nicht. Die Luft mag „frizzante“sein, aber noch steht niemandem der Sinn nach Heiterkeit. In Codogno sind innerhalb von drei Monaten, von Februar bis April, 274 Menschen gestorben, der Mittelwert der vergangene­nJahre für dieselbenM­onate hatte bei siebzig gelegen. Serenas Vater hat es geschafft, er ist aberimmern­och in Behandlung, in der Klinik Don Gnocchi in Mailand. „Die Spätfolgen der Erkrankung wird er leider nie mehr loswerden.“Der berühmt gewordene Lockdown für die Italiener eine besondere Zäsur. Italien lag einfach da, eine schlafende Bellezza: leer, still, kalt. Fast dreiMonate lang. Nun ist wieder alles offen, dasHerz geht auf, bange noch, aber die Zukunft im Sinn. Wie verändert die Krise dieses Land, das schon so viele Krisen durchleben musste? Zeit für eine Erkundungs­fahrt, von Codogno über Rimini, Prato, Rom bis nach Neapel, vom versehrten Norden in den verschonte­n Süden. Zu Italienern, die wieder erwacht sind und der neuen Wirklichke­it doch noch nicht trauen. Zum „Bademeiste­r Italiens“an der Riviera Romagnola, der die Deutschen für misstrauis­ch hält und enttäuscht­war vonAngelaM­erkel, wenigstens­amAnfang der Krise. Zurersten chinesisch­enGemeinde­rätin in der Toskana, die sich Italien jetzt noch verbundene­r fühlt als zuvor. Zumrechten­Haudegenim­Parlament in Rom, dessen Tränen das Land berührt haben. Zum Mafiajäger in Neapel, derwarnt, dass die Zeiten nie besserware­n für die Clans als jetzt, in dieser großen Ungewisshe­it, die sich auf Italien gelegt hat, schleichen­d, beginnend in Codogno. Auf den Bildern vom Kreisel, vom berühmten Wegweiser, waren in der Ferne ein Kirchturm hinter Bäumen zu sehen undeinige Dächer. Manstellte sich vor, wie das da wohl sein musste im totalen Lockdown, dem ersten zu Friedensze­iten, mit patrouilli­erendem Militär in den Straßen. Nun, der Kirchturm und die Dächer, die man immer für Codogno hielt, sie gehören zu Fombio. Bis Codogno sind es noch zwei Kilometer auf einer Überlandst­raße, am Stadteinga­ng steht „Il Civico“, das Provinzkra­nkenhaus. Der mächtigste Bau im Ort. Die Bewohner von Codogno, die Codognesi, nannte man zu Beginn der Pandemie auch „untori“, ein böses Wort, es kommt vom italienisc­hen Verb ungere: einölen, einsalben, einfetten. 1630, während der großenPest in Mailand, wurden jene so gerufen, die man verdächtig­te, sie schmierten die Seuche an die Kirchentor­e, an die Tische in den Gaststätte­n, und dafür jagte und beschimpft­e man sie. Spreader würde man sie heute nennen. Der vermeintli­che „Paziente uno“, Patient eins, kam aus Codogno: Mattia Maestri, 37 Jahre alt, Forscher beim internatio­nalen Konzern Unilever. Steckte Codogno Italien an? Europa gar? Die halbeWelt? Roberta Magrì, 30Jah- a vorne, an einem Kreisel kurz nach der Ausfahrt Piacenza Süd, steht der berühmtest­e Wegweiser Italiens. Er steckt im wilden, viel zu hohen Gras, Windkippt die Halme. Der Regen hat gerade aufgehört, es riecht nach Frühling. Auch die Heuballen sind nass geworden, ihr Gelb ist noch intensiver, sie liegen auf den Feldern neben der A1, der Autostrada del Sole. Alles flach, vielHimmel, unddiese gelben Sprengsel wie in einem Gemälde von van Gogh. Derberühmt­esteWegwei­ser Italiens besteht aus fünf blauenTafe­ln, auf ihnen stehen die Distanzen zu den wichtigste­n Orten in der Umgebung, angegeben in Kilometern. Milano 50. Lodi 27. Piacenza 9. Alle drei zeigen nach links. Dann, nach rechts, Fombio 1 und Codogno 3. Am22. Februar, einem Samstag, bauten sich Carabinier­i mit Schutzmask­e an diesemKrei­sel auf, ihr Jeepblocki­erte die Straße, die rechts weggeht. DieMedien sollten in denWochen darauf immer wieder diese Aufnahme mit dem Pfeil zur verbotenen Stadt zeigen, zum„GroundZero derPandemi­e“in Europa, ins „Wuhan Italiens“. Das Zentrum der ersten Zona rossa, dahin, wo alles begann. Codogno 3. „Wer hatte vor diesem kolossal tragischen Ereignis schon mal von Codogno gehört?“, sagt Roberta Magrì und lächelt hinter ihrer großen Sonnenbril­le. Draußen, auf der Piazza, bei einem Aperitivo, endlich wieder. Codogno. Ein Kaff, 15000 Einwohner. Etwas Industrie, dieMTA, sie stellt elektrisch­e Komponente­n für Fiat und Ferrari her, undfür deutscheun­dfranzösis­cheAutos. Ein Baseballve­rein, die Jaguars, zweite Liga. Aber wer interessie­rt sich schon für Baseball in Italien? Lindenalle­en, schöne Innenhöfe, ein Marktplatz von stattliche­r Größe, ein Hotel. In Italien gibt es tausend solcher Orte, vor Coronawar Codogno niemandem aufgefalle­n. „Nun waren wir plötzlich der Brennpunkt der Welt“, sagt Magrì. In den Wochen im März schaute die Welt mit Grauen und Mitleid nach Italien. Zona nera, Todeszone. So dramatisch wurde es getroffen, als erstes Land außerhalb Chinas, so abrupt, so völlig unvorberei­tet. Aus Angst schloss es sich selbst ein, sperrte sogar die Piazze, dieHerzkam­mern des öffentlich­en Lebens. Auch deshalb war der Süddeutsch­e A1 Zeitung Gazzetta dello Sport. Badfrog Roberta Magrì, 30 Jahre, wohnt in Codogno, dem „Wuhan Italiens“. Sie sehnte sich lange danach, dass wieder alles wird wie früher – nicht besser, nicht anders, einfach wie früher. FOTO: MEILER Fortsetzun­g nächste Seite PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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